Diebe können sich mit einem Funkwellenverlängerer das Signal von modernen Autoschlüsseln. Foto: dpa

Zu Sechst standen sie am Dienstagmorgen vor dem Landgericht, als Bande sollen die Litauer im Großraum Stuttgart teure Autos gestohlen haben. Zum Prozessauftakt offenbart sich aber nur die Spitze des Eisbergs.

Stuttgart - Seit zwei Jahren ermittelt das Landeskriminalamt (LKA) nun schon in Fällen von gestohlenen, hochwertigen Fahrzeugen. Zuerst hatte die Ermittlungsgruppe „Premium“ eine polnische Bande im Visier, dann schlugen litauische Täter zu. Sie hatten immer ganz bestimmte Fahrzeuge im Auge und zwar solche, die mit einem Keyless-Entry-System ausgestattet sind. Die Türen des Autos öffnen sich, sobald sich der Schlüsselträger in der Nähe des Fahrzeuges befindet. Zusätzlich muss der Schlüssel nicht mehr zur Zündung ins Zündschloss gesteckt werden – ein Knopfdruck reicht.

Der erste Fall wurde dem LKA schon Ende 2015 bekannt. Man stellte einen Funkwellenverlängerer sicher. Mit diesem Gerät, Bauteile sind im Internet für unter 100 Euro zu haben, können Autodiebe das Signal des Schlüssels auch durch eine Wohnungstür hindurch auffangen. Das Signal wird an den Komplizen weitergeleitet, der sich neben dem dazugehörigen Auto befindet und ihm suggeriert, dass sich der Fahrer in der Nähe aufhält. Es öffnet sich, der Täter kann den Motor starten. Die Sache ist meist in einer Minute erledigt, läuft der Motor, bleibt er bis der Tank leer ist in Betrieb.

Daimler und BMW waren vor allem das Ziel

15 solcher Diebstähle sind den sechs Angeklagten im Alter zwischen 24 und 42 Jahren in jeweils unterschiedlicher Besetzung nachweislich gelungen. Am häufigsten waren Fahrzeuge der Marken Daimler und BMW betroffen, meist Leasingfahrzeuge. Allerdings schätzt das Landeskriminalamt die Zahl der Autodiebstähle, die 2016 nach demselben Schema abgelaufen sind baden-württembergweit auf rund 240. Auch die Taten der Angeklagten stellen höchstens die Spitze des Eisbergs dar. Die meisten waren lediglich als Kuriere tätig. In der Hierarchie der Banden waren sie unten angesiedelt. Sie wurden in Litauen engagiert, mit 400 bis 500 Euro Spesen und einem Handy ausgestattet und nach Deutschland geschickt. Dort mussten sie, meist nahe von S-Bahn-Haltestellen, auf die frisch gestohlenen Fahrzeuge warten. Regelmäßig wurden den Kurieren von Hintermännern per Handy neue Zwischenziele durchgegeben. Tagsüber versteckten sie sich auf dem Weg nach Litauen meist in Bayern – mit laufendem Motor im Wald. Nachts ging es weiter über Tschechien nach Polen und dann nach Litauen, wo die Fahrzeuge entweder mit einem neuen Schlüssel versehen, oder zur Ersatzteilgewinnung ausgeschlachtet wurden.

Den Tätern drohen mehrere Jahre Haft

Angeklagt wurden die Kuriere am Dienstag für Fahrten im einstelligen Bereich, das Landeskriminalamt schätzt aber, dass erfahrene Kuriere schon mehrere hundert entwendete Fahrzeuge über die Grenze gebracht haben. Andere durchsuchten immer in Zweierteams Wohngebiete nach hochwertigen Fahrzeugen, die mit dem Keyless-Entry-System ausgestattet sind und leicht zugänglich am Straßenrand stehen. Waren ausreichend Zielobjekte gefunden, wurden die Kuriere aus Litauen angefordert. Im Prozess sind 15 Verhandlungstage angesetzt, aufgrund der drückenden Beweislast loteten Verteidiger und Staatsanwaltschaft aber bereits Möglichkeiten einer Verständigung aus. Den Tätern drohen mehrere Jahre Haft, insbesondere das LKA wünscht sich eine Signalwirkung, die bis nach Litauen reichen soll.

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