Ein 22-jähriger Mann muss für fast fünf Jahre ins Gefängnis, ein 16-jähriger Gehilfe kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Sie waren Teil einer Bande, die Senioren um rund 220 000 Euro gebracht haben.
Mit dem Urteil des Landgerichts Stuttgart gibt es einen Schlussstrich unter einer unheilvollen Entwicklung im Leben eines 22-jährigen Mannes, dessen Existenz von massivster Spielsucht und Drogenkonsum gezeichnet war. Das Landgericht Stuttgart verurteilte den Mönchengladbacher wegen banden- und gewerbsmäßigen Betruges in neun Fällen zu vier Jahren und acht Monaten Haft und entsprach damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung war mit ihrem Antrag auf Unterbringung in einer Entziehungsanstalt nicht durchgedrungen.
Bande hat in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen zugeschlagen
„Mein von Spielsucht bestimmtes Leben hat mir überhaupt nicht gefallen, ich habe vier Jahre verschwendet. Und ich wusste, dass alles irgendwann einmal auffliegen würde“, hatte der 22-Jährige bereits am ersten Prozesstag erklärt. Einen 16-jährigen Mitangeklagten, der bei den Betrugstaten mit dem Polizistentrick eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, verurteilte die vierte Große Jugendkammer zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung und blieb damit unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten gefordert hatte.
Bande hat in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen zugeschlagen
Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die beiden Männer Mitglied einer mehrköpfigen Bande waren, die mithilfe des sogenannten Polizistentricks hochbetagte Menschen in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen im Januar und Februar dieses Jahres um ihre Ersparnisse gebracht hat. Laut Gericht erlitten die Senioren im Alter zwischen 65 und 95 Jahren einen Gesamtschaden von rund 220 000 Euro.
Die Bande wendete dabei in der Regel zwei Maschen an: Ein Bandenmitglied gab sich bei den Opfern telefonisch als Polizist aus und erzählte entweder, man habe eine Einbrecherbande gefasst mit einer Adressliste für die nächsten Einbruchsobjekte, auf der auch ihr Haus auftauche. Oder der Polizist warnte vor einem betrügerischen Bankmitarbeiter und riet den Angerufenen, sie sollten zur Sicherheit ihre Bankschließfächer ausräumen und den Inhalt in Kartons vor die Tür stellen. Ein Beamter werde kommen und die Wertgegenstände sichern. „Die Betrüger haben stets psychischen Druck aufgebaut und ihren Opfern vorgespiegelt, ihr Vermögen sei in Gefahr“, erklärte die Vorsitzende Richterin Monika Lamberti.
Der Verurteilte hat die Abholung der Beute organisiert
Unter den Betrugsopfern war auch ein 65-jähriger Mann aus Holzgerlingen, der sich von den Tätern überreden ließ, 25 000 Euro von der Bank abzuheben und ihnen zu übergeben. Eine 93-jährige Leonbergerin übergab einem Bandenmitglied 2000 Euro und Schmuck mit unbekanntem Wert in einer Tüte.
Die größte Beute machten die Täter bei einer 86-jährigen Stuttgarterin, die den Betrügern ihren Geldbeutel, Gold-, Silber- und Krügerrand-Münzen im Gesamtwert von fast 100 000 Euro überließ. Darüber hinaus war die Bande in Tübingen, Neckartenzlingen und Schorndorf erfolgreich.
Nach Ansicht des Gerichts war der 22-Jährige in dem Bandenkonstrukt als sogenannter Logistiker tätig, der die Abholung der Wertgegenstände durch verschiedene Bandenmitglieder organisiert hat. Einer davon war der 16-jährige Mitangeklagte, der in sieben Fällen dabei war und mit jeweils 500 Euro entlohnt wurde. Nach der letzten Tat in Stuttgart wurden die beiden Angeklagten in Düsseldorf Anfang Februar festgenommen. Nach Auskunft von Staatsanwältin Greta Sommer wurde der Prozess wegen des letzten Tatorts am Landgericht Stuttgart verhandelt.
Zwischen 300 000 und 400 000 Euro verspielt
Hintergrund für die Taten war bei beiden Angeklagten die Finanzierung ihrer Drogensucht. „Der 22-Jährige trieb sich schon als Schüler auf der Straße herum, um seine Drogensucht zu finanzieren, während ihn seine Mutter in der Schule wähnte“, sagte Richterin Lamberti.
In wenigen Jahren zwischen 300 000 und 400 000 Euro verspielt
Noch schlimmer war jedoch seine Spielsucht: Der Mönchengladbacher war immer auf der Suche nach dem Kick und trieb sich in Spielotheken, Wettbüros und Spielbanken herum. Er begann mit Einsätzen von zehn bis 20 Euro pro Tag, bald darauf wurde es dreistellig, am Ende verspielte er bis zu 5000 Euro pro Tag.
„Es gab für mich kein Limit mehr, was ich hatte, habe ich verzockt“, hatte der 22-jährige Angeklagte am ersten Prozesstag anschaulich eingeräumt. Er schätzt, dass er in seinem Leben zwischen 300 000 und 400 000 Euro verspielt hat.