Als Ingmar Hoerr im Koma liegt, hält seine Frau Sara den Laden am Laufen. Foto: Toby Binde/r

Am Freitag, 13. März 2020, als Corona Deutschland lahmlegt, fällt Curevac-Gründer Ingmar Hoerr ins Koma. Wie hat seine Frau Sara diese Zeit erlebt? Ein Protokoll.

Tübingen - Sara Hörr hat im vergangenen Jahr Unglaubliches durchgemacht: Ihr Mann lag im Koma, sie musste sich im Lockdown alleine um die gemeinsamen Kinder kümmern und nebenher den Börsengang von Curevac begleiten. Hier beschreibt sie, wie sie diese Phase erlebt hat.

 

„Am 15. März 2020, einem Sonntag, dachte ich, mein Mann sei gestorben. Zwei Tage zuvor hatte Ingmar eine Hirnblutung erlitten. Er lag in Berlin im Koma. Ich hatte im Krankenhaus unter einer bestimmten Nummer angerufen und gefragt, wie die Nacht gelaufen sei. ,Wir dürfen Ihnen am Telefon nichts sagen‘, hieß es, ,Sie müssen vorbeikommen.‘ – ,Ja lebt er denn noch?‘ – ,Auch das können wir Ihnen nicht sagen.‘ Da dachte ich, er sei tot.

Ich habe mich hingesetzt und überlegt, was ich machen sollte. Dann bekam ich einen Rückruf von einem Arzt, der mich fragte, ob ich an dem Tag die Presse verfolgt hätte. Natürlich nicht, habe ich geantwortet. Der Arzt meinte: ,Die Firma ihres Mannes‘, er konnte es nicht richtig aussprechen, er sagte Kurewatsch oder so ähnlich, ,ist überall in den Medien, wir müssen seine Privatsphäre schützen, auch innerhalb der Klinik. Wir führen Ihren Mann ab jetzt unter Pseudonym.‘

Im Krankenhaus wird aus Ingmar Hoerr Paul Kern

Dann habe ich den neuen Namen meines Mannes über ein anderes Handy mitgeteilt bekommen. Er wurde ab sofort unter dem Namen Paul Kern geführt. Und bei uns vor dem Haus in Tübingen standen ein paar Menschen, wahrscheinlich Journalisten, die darauf gewartet haben, mit mir zu sprechen.

An diesem Tag war Curevac überall in der Presse. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, dass die Firma an Donald Trump verkauft werden sollte. An der Geschichte war aber überhaupt nichts dran, und Curevac hat das auch sofort klargestellt – trotzdem haben wir hässliche Briefe bekommen. Später habe ich erfahren, dass am Montag drauf Mitarbeiter vor der Firma angepöbelt worden waren und ein paar Leute versucht hatten, das Gebäude zu stürmen. Und alle haben derweil spekuliert, wieso eigentlich der Vorstandsvorsitzende nicht mehr da ist.“

Am 15. März 2020 steht in der „Welt am Sonntag“, dass Donald Trump Curevac kaufen möchte. Die Firma dementiert, die Bundesregierung mischt sich ein. Der Kampf um den möglichen Impfstoff ist in aller Munde. „Curevac-Haupteigner Dietmar Hopp lässt Donald Trump auflaufen“, lautet nur eine der Schlagzeilen im „Manager Magazin“. Dass Ingmar Hoerr wegen einer Hirnblutung im Koma liegt, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand.

„Zwei Tage zuvor, am 13. März, saß ich morgens noch zu Hause und habe mir ein Alternativprogramm für den Kindergeburtstag überlegt. Wir wollten eigentlich in die Junge Oper, zum Sitzkissenkonzert. Die Oper musste aber wegen Corona kurzfristig alles absagen. Dann klingelte das Telefon, Ingmars Assistentin war dran: Er sei bewusstlos in seinem Berliner Hotelzimmer gefunden worden. Die Ärzte riefen an: ,Kommen Sie schnell, wir wissen nicht, wie lange Ihr Mann noch lebt.‘ Ich bin in den Zug gestiegen, ohne den Kindern vorher Tschüss sagen zu können. Sie waren noch in der Kita. Auf der Fahrt nach Berlin habe ich dann erfahren, dass der Kindergarten zumacht.

Im Nachhinein wundert es mich manchmal, was der Mensch alles aushalten und leisten kann, wenn es drauf ankommt. Curevac sollte an die Börse gehen. Ich bekam einen Anruf von Franz-Werner Haas, der von einem Tag auf den anderen für Ingmar als Firmenchef eingesprungen war. Für den Börsengang müsse ich in Ingmars Namen einige Rechtsgeschäfte abschließen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen und fragte: ,Franz, wie soll das gehen, ich hab’ Musikwissenschaft studiert, ich bin keine Biotech-Expertin. Ein Börsengang an der Nasdaq! Ich hab’ davon keine Ahnung!‘ Mit anwaltlicher Unterstützung wurde ich schrittweise eingebunden.

Im Lockdown: zwischen Zwillingen und Börse

Wir hatten eine große Reise geplant und deshalb eine Vorsorgevollmacht in Auftrag gegeben, die lag unterschriftbereit mittags am 12. März bei uns im Briefkasten. Am 12. März war Ingmar aber bereits morgens nach Berlin geflogen, ohne die Vollmacht unterschrieben zu haben. Also musste ich vom Gericht als Notbetreuerin bestellt werden, weil die Vorsorgevollmacht ohne Unterschrift nichtig war. Jeder einzelne Schritt, der für den Börsengang nötig war, musste daher vom Amtsgericht Tübingen und zusätzlich von einem externen objektiven Verfahrenspfleger geprüft, genehmigt und bestätigt werden. Das alles unter extremem Zeitdruck.

In dieser Phase habe ich einfach funktioniert. Zum einen waren da die Angst um Ingmar und die Unsicherheit, wie es mit uns existenziell weitergeht. Zum anderen war da dieser Medienrummel rund um die Impfstoff-Entwicklung in einer Zeit, in der ich mich mit sehr komplexen englischsprachigen Verträgen im Zuge des Börsengangs befassen musste. Alles, was damit zusammenhing, war zu dem Zeitpunkt natürlich noch streng geheim. Ich konnte also mit niemandem außer den Anwälten darüber sprechen. Die Kinder waren zu Hause, weil die Kita wegen des Lockdowns zuhatte. Unseren Söhnen musste ich erklären, wieso der Papa nicht da ist.“

Ingmar Hoerr liegt mehrere Wochen im Koma. Am 11. August verlässt er das Krankenhaus. Die „Tagesschau“ feiert am 14. August einen „Furiosen US-Börsenstart für Curevac“. An diesem Tag erscheint Ingmar Hoerr erstmals wieder bei Curevac und hält eine kurze Ansprache. Zu diesem Zeitpunkt wissen wenige, welche Odyssee hinter dem Curevac-Gründer liegt.

„Ingmar lag sechseinhalb Wochen im Koma. Ich war abwechselnd vier Tage in Berlin und vier Tage in Tübingen. Meine Eltern haben geholfen, wo sie konnten. In diesen sechseinhalb Wochen konnte ich für Ingmar nur wenig tun. Ich durfte maximal eine Stunde am Tag zu ihm. Und dann lag da dieser Mensch, an Maschinen angeschlossen, mehr tot als lebendig. Das war eine Grenzerfahrung.

Als Ingmar aufgewacht ist, konnte er lange nicht unterscheiden, was Realität und was Fiktion ist. Wegen seiner Trachealkanüle konnte er nicht sprechen. Einige Pfleger unterhielten sich untereinander auf Russisch und sprachen ihn mit seinem neuen falschen Namen an. Er dachte, der KGB habe ihn entführt. Tonlos hat er mir immer wieder zugerufen: ,Hol mich hier raus!‘ Das konnte ich von seinen Lippen ablesen. ,Die bringen mich um!‘ Er hatte Panik.

Dann begann die lange Phase der kleinen Fortschritte: zum ersten Mal gespürt, wie er einen Händedruck erwidert. Das war wie ein Fest. Zum ersten Mal den Löffel selbstständig gehalten. Zum ersten Mal ein bisschen Apfelmus geschluckt – alle haben geklatscht.“

Hoerr hatte großes Glück. Nur wenige Menschen überleben eine solche Hirnblutung, noch viel weniger Patienten schaffen es so zurück ins Leben, wie es dem passionierten Segler gelungen ist. Ob Netflix schon angefragt hat für eine Verfilmung seines Drama, mit Donald Trump als Bösewicht und Elon Musk als Curevac-Investor in den Nebenrollen?

„Irgendwann konnten wir wieder gemeinsam lachen: Bei einer Visite kam der zweifach promovierte Chefarzt herein, hinter ihm eine ganze Entourage an Assistenten. ,Wie geht es Ihnen, Herr Kern?‘, lautete die einfache Frage. Mein Mann war aufgewühlt und immer noch zeitweise im Delir, konnte aber inzwischen wieder sprechen und antwortete: ,Jetzt will ich Ihnen mal was sagen. In Ihrem Krankenhaus hier weiß eine Hand nicht, was die andere tut. Ich frage Sie jetzt: Wann werde ich hier rauskommen, wo ist Ihr Projektplan? Was sind die Meilensteine, die wir erreichen müssen?‘

Die Ärzte im Hintergrund mussten ein bisschen schmunzeln und ich wäre am liebsten im Boden versunken. Der Chef hat es aber sportlich genommen und gesagt: ,Herr Kern, ich kann ihnen versichern: Mit Ihnen gehen wir anders um als mit anderen Patienten. Ich verspreche Ihnen, wir segeln hier hart am Wind.‘ Diese Metapher hat meinen Mann irgendwie getriggert, sodass er zum Chefarzt sagte: ,O. k., ich sehe, Sie sind ein Guter. Wenn Sie mich hier rausholen, dann kriegen Sie einen Job bei Curevac. Das ist eine gute Firma, ich kenne die.‘

Als er nach fast einem halben Jahr wieder zu Hause war, wollte er sich sofort wieder selbst überholen. Er war noch weit davon entfernt, wieder der Alte zu sein, doch dann kam bald von ihm: ,Wir müssen gründen.‘ Ich dachte an alles, nur nicht daran, eine Stiftung zu gründen.“

Die neue Stiftung

Morpho Stiftung
Die vier Stiftungsgründer sind Florian von der Mülbe, geboren 1972 in Tübingen. Er studierte ebendort Biochemie. Ingmar Hoerr – der seinen Namen wegen seiner Auslandskontakte internationalisiert hat – , geb oren 1968 in Neckarsulm, studierte in der Universitätsstadt Biologie. Hoerrs Promotion über die Entwicklung von RNA-Impfstoffen (1999) lieferte grundlegende Erkenntnisse, die ausschlaggebend waren für die Gründung von Curevac (2000). Sara Hörr, geboren 1978 in Stuttgart ist promovierte Musikwissenschaftlerin und bleibt bei den Umlauten in ihrem Nachnamen. Die 1974 ebenfalls in Stuttgart geborene Kiriakoula Kapousouzi promovierte in BWL.

Stiftungsziel
„Unsere Vision ist eine Welt, in der alle Menschen der Erde ein gesundes und erfülltes Leben führen und Zugang zu medizinischer Versorgung sowie zu Kunst und Kultur haben“, lautet das Ziel der vier Stifter.