Vor der Kirche, in der die Beerdigung von Michael Brown stattfindet, stehen die Menschen am Montag Schlange. Foto: Getty

Afroamerikaner leben in weiten Teilen der US-Gesellschaft weiter am Rand. Das haben die Unruhen in Ferguson gezeigt. Doch die unsichtbare Grenze teilt nicht nur den Großraum von St. Louis.

Afroamerikaner leben in weiten Teilen der US-Gesellschaft weiter am Rand. Das haben die Unruhen in Ferguson gezeigt. Doch die unsichtbare Grenze teilt nicht nur den Großraum von St. Louis.

Ferguson/Washington - Die Grenze verläuft entlang des Delmar Boulveards, der Einwohner und Lebenswelten in der alten Industriemetropole von St. Louis voneinander trennt. Und auch wenn es keinen Wachturm, Zaun und Grenzposten gibt, erweist sie sich als unüberwindbar. Das ungeübte Auge sieht sie nicht. Doch wer amerikanische Städte lesen kann, erkennt sofort die Merkmale der Trennungslinie, die den Großraum von Ost nach West horizontal teilt.

In den Vierteln nördlich der vierspurigen Straße sind es verfallene Fassaden, Müll in Vorgärten und Unkraut, das aus den Rissen in den Bürgersteigen sprießt. Verräterisch sind auch die Pfandhäuser, Fast-Food-Ketten und Mini-Märkte, die zur Infrastruktur der Armut gehören wie Autowerkstätten und Wunderheiler. Die meisten Bewohner sind schwarz und schlecht gebildet. Jeder Fünfte lebt unter der Armutsgrenze. Die Häuser kosten hier im Schnitt kaum ein Viertel wie auf der anderen Seite.

Südlich des Delmar Boulevards stehen Häuser, die historischen Baustilen in England nacheifern. Hier leben überwiegend besserverdienende Weiße, die vor ihrer Haustür finden, was den Alltag leicht und angenehm macht. Eine Studie der Washington University von St. Louis zählt allein im hippen Central West End 125 Geschäfte. Erlesene Restaurants, Wein- und Whiskeybars, Buchläden, Boutiquen und Läden mit Designer-Möbeln. Zwei Drittel der Einwohner haben einen Collegeabschluss.

Michael Brown lebte nördlich des Delmar- Grabens, wie Einheimische jene Grenze nennen, die begehrte und gemiedene Wohngebiete, Schwarz und Weiß in einer der am meisten auseinanderklaffenden US-Metropolen trennt. Hier steht die „Friendly Temple Missionary Baptist“-Kirche, in der Reverend Charles Ewing vor mehreren Tausend Menschen die Traueransprache für seinen Neffen hält. Der Abschied von einem Teenager, der ungewollt und unverdient zu einem nationalen Symbol der Diskriminierung des schwarzen Amerikas geworden ist.

Niemand kann bisher mit Sicherheit sagen, was sich in der Mittagszeit des 9. August im Canfield Drive von Ferguson genau zugetragen hat. Die Eltern glauben an eine regelrechte Hinrichtung des zwei Meter großen Schwergewichts, den sie einen „sanften Riesen“ nennen. Sie glauben Augenzeugen, die behaupten, „Big Mike“ sei von einem Polizisten rüde angewiesen worden, nicht mitten auf der Straße zu gehen. Nach kurzem Gerangel am Streifenwagen sei er davongelaufen. Offizier Darren Wilson habe den unbewaffneten Jungen erschossen, obwohl dieser mit erhobenen Händen stehen geblieben sei.

Eine Freundin des 28-jährigen Polizisten stellt die Schüsse dagegen als Notwehr dar. Brown sei auf Wilson losgestürmt. Der habe um sein Leben gefürchtet und abgedrückt. So gibt es der bei vollen Bezügen beurlaubte Beamte auch gegenüber seinen Vorgesetzten an, die ihn tagelang vor der Öffentlichkeit versteckt hatten. Bei Preisgabe seines Namens veröffentlichte die Polizei Bilder einer Überwachungskamera. Sie zeigen, wie Brown den Verkäufer eines Mini-Markts zur Seite schiebt, der ihn wegen des Diebstahls von ein paar Zigarren zur Rede stellt.

Drei unabhängig voneinander durchgeführte Autopsien bestätigen, dass Brown aus einiger Entfernung von mindestens sechs Kugeln getroffen wurde, zwei davon in den Kopf. Er war unbewaffnet, und Wilson wusste da noch nichts von dem Diebstahl. Dass die Leiche vier Stunden blutüberströmt auf der Straße liegen bleibt, lässt den Ärger unter den 21 000 Einwohnern des Schwarzen-Vororts überkochen. „Das war null Respekt gegenüber denen, die hier leben“, schimpft die einzige afroamerikanische Stadträtin über die fast ausschließlich weiße Polizeitruppe. Die glaubten, tun und lassen zu können, was sie wollten. „Und wir stehen hilflos da“, sagt Patricia Bynes.

Browns Tod bestätigt den Verdacht, dass 50 Jahre nach Unterzeichnung des „Civil Rights Act“ durch Präsident Lyndon B. Johnson ein schwarzes Leben noch immer nicht viel wert ist. Tatsächlich gibt es nicht mal eine Statistik, die festhält, wie viele Bürger im Jahr von der Polizei erschossen werden. Das FBI schätzt rund 400 „gerechtfertigte“ Tötungen. Eine Zahl, die auf freiwilligen Angaben von gerade mal 750 der landesweit 17 000 Polizeiverwaltungen beruht. Ungerechtfertigte Opfer nicht mitgezählt.

Wie bei den Rassenunruhen in den 1960er Jahren. Anfang der 1990er in Los Angeles und zuletzt bei den Protesten gegen den Tod Trayvon Martins in Florida geht es auch in Ferguson um mehr als Polizeigewalt. Offen zutage tritt die angestaute Wut einer Bevölkerungsgruppe, deren Alltag sich wenig gegenüber dem Befund einer Präsidenten-Kommission von 1968 verändert hat, wonach die Amerikaner in verschiedenen Welten leben. „Zwei Gesellschaften, eine schwarz, eine weiß, getrennt und ungleich.“

Hartnäckig liegt die Arbeitslosenquote bei Afroamerikanern mit vergleichbaren Abschlüssen in den vergangenen vier Jahrzehnten doppelt so hoch wie im weißen Amerika. Schwarze verlieren in der Rezession als Erste ihren Job und finden beim Aufschwung als Letzte einen neuen. Wenn sie Arbeit haben, verdienen sie rund ein Fünftel weniger als weiße Kollegen. Die Wirtschaftskrise von 2007 warf die Afroamerikaner in einigen Bereichen noch weiter zurück. Weiße Familien haben heute ein sechsmal höheres Vermögen (Haus, Auto, Investitionen und Bargeld). Kein Wunder, dass immer mehr Schwarze unter der Armutsgrenze leben (27 Prozent).

Nicht ermutigender sieht es bei Gesundheit, Bildung und Justiz aus. Die Rechts-Professorin Michelle Alexander sagt, der „Krieg gegen Drogen“ habe die Grundlage für massenhafte Internierung geschaffen. Seit Richard Nixon ihn Anfang der 1970er ausrief, stieg die Zahl der Häftlinge um 700 Prozent. Während Schwarze nur zwölf Prozent der Drogenkonsumenten ausmachen, landen sie fast viermal so oft hinter Gittern. „Die schwarze Haftpopulation ist in den USA prozentual höher als auf dem Gipfel der Apartheid in Südafrika“, sagt Alexander. Was heißt: dauerhafte Aberkennung des Wahlrechts und anderer Bürgerrechte.

Wer genau hinschaut, entdeckt überall in den USA eine unsichtbare Grenze wie am Delmar Boulevard. In Washington ist’s der Anacostia-Fluss. Die Schwarzen-Viertel dort weisen eine höhere Aids-Infektionsrate als Staaten wie Gambia, der Kongo oder Senegal aus. Auch in Chicago teilt ein Fluss die Stadt. Die South Side ist das größte schwarze Siedlungsgebiet außerhalb Afrikas. In den ärmsten Wohngegenden liegt die Mordrate 80-mal so hoch wie im wohlhabenden Norden der Stadt. In New Orleans beginnt das Elend gleich hinter dem French Quarter, und in Los Angeles sind es die für ihre Ganggewalt berüchtigten Nachbarschaften von „South Central“ südlich der Interstate 10.

Ferguson steht für die Ghettoisierung der Vorstädte. Heute leben 40 Prozent der 46 Millionen Armen in Vierteln wie diesen. Die 91 unabhängigen Gemeinden nördlich des Delmar Boulevard gehören dazu. Der Wandel vollzog sich so schnell, dass die alten Machtstrukturen die neue Demografie nicht widerspiegeln. In Ferguson ist der Bürgermeister weiß wie der Polizeichef und seine Beamten, fünf von sechs Stadträten, sechs von sieben Angehörigen der Schulaufsicht. Mit Beten und Bessern, wie Konservative schwafeln, ist es nicht getan. „Gewalt ist Ergebnis, nicht Ursache struktureller Armut“, sagt Brittney Cooper von der Rutgers-Universität. Statt, wie schon in der 60er Jahren empfohlen, in Jobs, Bildung, Gesundheit und sozialen Wohnungsbau zu investieren, sei in den vergangenen Jahrzehnten das Gegenteil passiert.

Das Land sei groß genug auszublenden, wie andere leben, sagen Wissenschaftler. Die meisten Amerikaner seien nicht rassistisch. Sie hätten mit Barack Obama zweimal einen Schwarzen ins Weiße Haus gewählt. Der Justizminister ist schwarz, der neue Einsatzleiter von Ferguson auch. Viele Weiße wüssten einfach nicht, wie das Leben auf der anderen Seite der unsichtbaren Grenze aussieht. Das kann erklären, warum der Tod Browns nördlich des Delmar Boulevard anders wahrgenommen wird als südlich. Doppelt so viele Schwarze wie Weiße machen die Polizei für die Eskalation verantwortlich. Und nur etwas mehr als ein Drittel der Weißen findet, der Fall werfe wichtige Fragen über Rassismus auf, während vier von fünf Schwarzen das so sehen.

Bürgerrechtler Al Sharpton macht den trauernden Eltern Mut. Der Tod ihres Jungen werde Ferguson und die USA ver­ändern: „Wir müssen ihm für die Veränderungen, die seinetwegen kommen werden, danken.“

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