Türkische Schüler protestieren gegen die Drangsalierung kritischer Lehrer, die der Staatspräsident versetzen lässt. Was steckt dahinter?
Nach den Massendemonstrationen gegen die Absetzung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu sorgen jetzt Versetzungen von Lehrern an vielen Gymnasien für Proteste. Zehntausende Schülerinnen und Schüler türkischer Oberschulen demonstrieren seit Tagen mit Sprechchören wie „Hände weg von unseren Lehrern“ und „Gymnasiasten beugen sich nicht“ auf Schulhöfen und öffentlichen Plätzen gegen Zwangsversetzungen von rund 20 000 Lehrkräften durch das Erziehungsministerium in Ankara.
Am Gymnasium in Izmir sollen 50 der 90 Lehrkräfte versetzt werden
Es geht um Lehrerinnen und Lehrer an sogenannten staatlichen Projektschulen. Darunter sind zahlreiche renommierte Traditionsschulen, wie das Atatürk-Gymnasium in Izmir oder die Gazi Anadolu-Oberschule in Bursa. Das Erziehungsministerium beruft sich bei den Versetzungen auf eine 2020 eingeführte Regelung, wonach Lehrer alle vier Jahre an eine andere Schule versetzt werden können. Lehrergewerkschaften, Schüler und Eltern erheben den Vorwurf, dass solche Lehrer versetzt werden, die als regierungskritisch aufgefallen sind und weltliche Werte vertreten. Yeliz Toy von der Lehrergewerkschaft Egitim-Is berichtet, dass einige Lehrkräfte an Schulen versetzt worden seien, die 150 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt und nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. „Diese Praxis widerspricht den Vorschriften und bedeutet, dass die betroffenen Lehrer praktisch ins Exil geschickt werden“, sagt die Gewerkschafterin. Die frei werdenden Stellen besetze das Ministerium mit linientreuen Gefolgsleuten der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, sagen Kritiker. Am Atatürk-Gymnasium in Izmir sollen 50 der 90 dort unterrichtenden Lehrkräfte versetzt werden.
In einer Erklärung der Schülerschaft heißt es: „Die tief verwurzelte, 130-jährige Geschichte unserer Schule gründet sich auf das Miteinander von Lehrern und Schülern. Diese Kultur kann ohne unsere Lehrer nicht weitergeführt werden.“ Gewerkschaften, Eltern und Studenten haben sich den Schülerprotesten angeschlossen. Erziehungsminister Yusuf Tekin bestätige „Vorfälle“ an 20 Schulen, wo Menschen „lächerlichen Aufrufen“ gefolgt seien. Der Minister sprach von „politischer Manipulation“. Staatschef Erdogan kündigte diese Woche die Einstellung von 25 000 neuen Lehrkräften an. 10 000 davon sollen von der neu geschaffenen Nationalen Erziehungs-Akademie kommen. „Wir arbeiten daran, die Zahl unserer Lehrer zu erhöhen und ihre Qualifikation zu verbessern“, sagte Erdogan. „Bildung ist das Fundament einer starken Türkei“, so der Präsident. Die regierungsnahe Zeitung „Sabah“ schreibt, in der neuen Akademie sollten den Lehramtskandidaten neben fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten auch „erzieherische Werte“ vermittelt werden.
Kritiker fürchten, dass die neue Akademie angehende Lehrerinnen und Lehrer ideologisch auf die Linie der islamisch-konservativen Regierung bringen soll. Erdogan hat wiederholt erklärt, er wünsche sich eine „fromme Jugend“. Die Schülerproteste sind eine Fortsetzung der Demonstrationen seit der Verhaftung und Amtsenthebung des Istanbuler Bürgermeisters Imamoglu. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn der Korruption und des „Terrorismus“.