Verdi-Sekretärin Thea Ritter vor der derzeitigen IBM-Interimszentrale auf dem Rauhen Kapf in Böblingen fordert mehr Brutto. Foto: jps

Bei einer Protestkundgebung fordern IBM-Beschäftigte auf dem Rauhen Kapf in Böblingen einen deutlichen Gehaltszuwachs. Die Arbeitgeberseite gibt sich bisher zugeknöpft.

Vor den Toren des Laborgeländes auf dem Rauhen Kapf in Böblingen, in dem derzeit auch Management und Marketing Obdach erhalten haben, trommelten am Dienstag rund 250 IBM-Beschäftigte für mehr Gehalt. Hintergrund sind die jährlichen Tarifverhandlungen, bei denen am Mittwoch die zweite Runde in einem Stuttgarter Hotel angesetzt ist. Die erste verlief aus Sicht der Gewerkschaft enttäuschend: „Das Einzige, das uns der Arbeitgeber auf den Tisch gelegt hat, war eine dicke Null“, ruft Verdi-Sekretärin und Mit-Verhandlerin Thea Ritter den Angestellten zu.

 

Das könne ja nur ein Aprilscherz sein, bekräftigt sie. Ist es aber nicht. „Der Konzern hat bärenstarke Zahlen vorgelegt: Ein zweistelliges Ergebnis und eine starke Aktie“, sagt sie. In der Tat konnte der IBM-Konzern weltweit das vergangene Jahr mit einem deutlichen Umsatzwachstum abschließen: 63 Milliarden US-Dollar entsprechen einem soliden Wachstum von drei Prozent. Auch das operative Vorsteuerergebnis von 11,2 Milliarden kann sich sehen lassen. Offenbar sei das Ergebnis der IBM in Deutschland ebenfalls stark.

„Dieser Erfolg gehört unseren Kolleginnen und Kollegen, sie haben ihn erwirtschaftet. Deshalb muss er sich in adäquaten, nachhaltigen Gehaltserhöhungen niederschlagen“, sagt Ritter. Momentan versuche das Management offenbar, die Tarifbindung auszuhöhlen in Richtung einer Flexibilisierung der Gehälter, bei der jeder sein Gehalt frei verhandeln könne – nach dem „Nasenfaktor“, wie Ritter es abwertend nennt. Ritter: „Das ist ein Stoß in den Rücken der Tarifparteien und der Leistung der Arbeitnehmer nicht würdig.“

Soll noch 2025 fertig werden: neue IBM-Zentrale in Ehningen Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

Die Forderung der Gewerkschaft liegt nach einem Beschluss der Verdi-Tarifkommission seit dem 17. März auf dem Tisch: 7,8 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 350 Euro je Mitarbeiter. Außerdem fordert die Gewerkschaft eine Erhöhung der Azubi-Vergütungen um 100 Euro je Ausbildungsjahr sowie weitere 100 Euro Essenzuschuss monatlich. Auch Dual- und Masterstudierende sollen 7,8 Prozent mehr erhalten. Ein neuer Tarifvertrag soll für zwölf Monate Bestand haben.

Verdi hofft, mit drei Runden auszukommen

„Dass die Tarifverträge jeweils nur für ein Jahr geschlossen werden, hängt damit zusammen, dass die IBM ein amerikanisches Unternehmen ist“, sagt Ritter. Im vergangenen Jahr habe man mit rund fünf Prozent Gehaltssteigerung ein gutes Ergebnis erzielt, sagt sie. „Doch das konnte die empfindlichen Reallohnverluste aus 2022 und 2023 noch nicht wettmachen“, sagt sie und hofft, in diesem Jahr mit drei Verhandlungsrunden auszukommen. Eine Anfrage an das Management zu den Tarif-Auseinandersetzungen blieb unbeantwortet.

IBM in Böblingen

Geschichte
Die Wurzeln der IBM in Böblingen gehen zurück ins Jahr 1950, als das Tech-Urgestein Räume im ehemaligen „Klemm-Bau“ (heute Smart) bezog. Das Labor wurde 1959 gebaut, und ist seit vorübergehenden Wegzug aus Ehningen 2023 der De-Facto-Hauptsitz der IBM Deutschland.

Zukunft
Noch in diesem Jahr allerdings hat die IBM vor, mit Forschern, Management und Marketing in den neuen Tech-Campus nach Ehningen zu ziehen. Dieser lag durch die Insolvenz des Bauträgers Development Partner zwischenzeitlich brach. Auf dem Gelände sollen seriell gefertigte Mehrfamilienhäuser aus Holz entstehen. jps