Algerie protestieren gegen die erneute Kandidatur des kranken Abdelaziz Bouteflika. Foto: AFP

Der greise Abdelaziz Bouteflika kandidiert für eine fünfte Amtszeit, Hunderttausende protestieren dagegen.

Algier - Für die Algerier ist ihr Präsident ein Phantom. Mit seinem Volk kommuniziert Abdelaziz Bouteflika seit Jahren nur noch schriftlich. Nach einem Schlaganfall im April 2013 wurde der 82-Jährige zum Pflegefall. Die wenigen Fernsehbilder zeigen ihn im Rollstuhl, ein gebeugter Greis mit offenem Mund und glasigen Augen, der sich kaum noch artikulieren kann. Bouteflikas letzte Rede liegt sieben Jahre zurück. „Meine Generation hat ihre Aufgabe erfüllt“, rief er am 8. Mai 2012 im Sportpalast der Stadt Setif. „Ihr Jungen müsst die Fackel übernehmen“ – den Satz wiederholte er dreimal. Die Generation, die das Land 1962 von den Franzosen befreit habe, habe nicht mehr die Kraft weiterzumachen. „Algerien liegt nun in euren Händen, kümmert euch darum.“

Daraus wurde nichts. 2014 kandidierte Bouteflika, der nie verheiratet war, erneut für das höchste Staatsamt und wurde ohne einen einzigen Wahlkampfauftritt mit 81,5 Prozent der Stimmen gewählt, untermalt von zynischen Kommentaren in den sozialen Medien. „Wenn man schon die Ergebnisse fälscht, geht es nicht wenigstens ein bisschen glaubwürdiger“, schrieb einer.

Das Volk skandiert: Bouteflika – hau ab!

In sechs Wochen, am 18. April, will die allmächtige Nomenklatura aus Generälen, Oligarchen und Politikern der regierenden Nationalen Befreiungsfront (FLN) den Hochbetagten erneut als Marionette im Präsidentenpalast installieren. Diesmal legt sich die Bevölkerung quer. „Bouteflika – hau ab“ und „Das Volk will den Sturz des Regimes“ skandierte am Freitag eine schier unübersehbare Menge in der Hauptstadt Algier, in der eigentlich seit 2001 Demonstrationen strikt verboten sind. Am Dienstag gingen in mehreren Städten erneut Tausende auf die Straße und machten ihrem Unmut über den langjährigen Machthaber Luft, das Militär warnte vor Ausschreitungen.

Geboren am 2. März 1937 in der Industriemetropole Oujda im Nordosten Marokkos, machte der Politiker nach dem Sieg der FLN gegen die französischen Besatzer in Algerien rasch Karriere. Von 1963 bis 1979 war er der jüngste Außenminister seines Landes. 1981 ging er ins Exil, um Ermittlungen wegen Korruption zu entgehen. 1987 kehrte er nach Algerien zurück, wo er zwölf Jahre später als Präsident den Gipfel der Macht erklomm. Bouteflikas größtes Verdienst ist die Beendigung des Bürgerkrieges mit 200 000 Toten, erwirkt durch eine Generalamnestie und abgesegnet durch zwei Referenden zur „nationalen Versöhnung“. Zugleich erreichte die Korruption in dem nach außen abgeschotteten Land immer extremere Dimensionen.

Die Proteste gehen weiter

Hunderttausende waren die letzten beiden Freitage auf den Beinen, um sich den Frust aus dem Leib zu schreien, das größte Aufbegehren des Volkes seit Jahrzehnten. „Mörderbande“, „Diebe“ und „Ihr habt das Land aufgefressen“, hallte es durch die Straßen. Am Sonntagabend schließlich wichen Bouteflika, der sich nach wie vor in der Universitätsklinik von Genf aufhält, und sein eiserner Machtzirkel erstmals einen Schritt zurück. Falls die Algerier ihm auch für eine fünfte Amtszeit das Vertrauen schenkten, ließ er im Fernsehen verlesen, werde er vorzeitig abtreten und einen Nationalkongress einberufen. Dieser solle Neuwahlen ohne ihn organisieren – ein halbherziger Vorschlag, der das aufgebrachte Volk kaum beruhigen dürfte. „Was für ein Schwachsinn. Niemand weiß, ob er noch lebt oder schon tot ist. Niemand weiß, wer diese Kommuniqués schreibt. Zu uns jedenfalls hat er seit Jahren nicht mehr gesprochen“, zitierte die französische Zeitung „Le Monde“ einen 20-jährigen Demonstranten in Algier. Die Proteste gehen weiter.

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