Im Iran reißen die Proteste nicht ab. Auslöser der Demonstrationen ist der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Aus Sicht der Jungen hat die Islamische Republik versagt, meint unser Korrespondent Thomas Seibert.
Im Iran prallen zwei Welten aufeinander. Seit Tagen gehen Frauen und Männer auf die Straße, um gegen die Religionspolizei zu protestieren. Die Sittenwächter hatten eine 22-jährige Frau wegen eines Verstoßes gegen den Kopftuch-Zwang festgenommen. Was genau mit Amini nach ihrer Festnahme geschah, ist unklar – sie fiel ins Koma und starb am Freitag. Die Behörden sprechen von einem „unglücklichen Vorfall“, sehen aber keinen Grund, die Kopftuch-Pflicht oder die Religionspolizei abzuschaffen. Sie spielen auf Zeit und hoffen, dass sich die Wut der Demonstranten legt. Doch die Zeit arbeitet gegen das Regime.
Vielen Jungen geht es um individuelle Freiheitsrechte
Revolutionsführer Ali Chamenei (83), Präsident Ebrahim Raisi (61) und andere Hardliner der älteren Generation sind geprägt von der Unterdrückung durch den Schah, von der Islamischen Revolution 1979 und vom verlustreichen Krieg gegen den Irak 1980 bis 1988. Die Islamische Republik ist ihr Lebenswerk. Dagegen wurden viele Demonstranten, die gegen Religionspolizei und Kopftuch-Zwang protestieren, in den 1990er oder frühen 2000er Jahren geboren. Jeder zweite Iraner ist jünger als 30 Jahre. Während Chamenei und Raisi die islamische Theokratie propagieren, geht es vielen Jungen um individuelle Freiheitsrechte.
Aus ihrer Sicht hat die Islamische Republik versagt. Der Iran lebt in einer Dauerwirtschaftskrise, die teils auf westliche Sanktionen zurückzuführen ist, teils auf Korruption und Misswirtschaft. Umweltprobleme durch den Klimawandel nehmen zu. Die Regierung verbietet Twitter, doch Chamenei und andere Regierungspolitiker haben offizielle Twitter-Konten. Kinder von Regimevertretern veröffentlichen Bilder von Luxusautos und Partys, bei denen keine Frau Kopftuch trägt.
Noch hat diese Opposition keine Chance gegen das Regime
Diese Heuchelei lässt sich im Zeitalter von Smartphones und Internet nicht verheimlichen. Junge Iraner wissen, wie es im Westen aussieht. „Junge Leute sind die De-facto-Opposition“, sagt die Iran-Expertin Holly Dagres von der US-Denkfabrik Atlantic Council. Das Schicksal der 22-jährigen Mahsa Amini, die wegen eines zu lockeren Kopftuches festgenommen wurde und starb, treibt sie auf die Straße. Unter ihnen Frauen, die ihr Kopftuch ausziehen und Festnahme und Prügel riskieren, wenn nicht ihr Leben.
Trotz ihres Mutes hat diese Opposition – noch – keine Chance gegen Chamenei und Co. Machterhalt hat für sie höchste Priorität. Proteste wurden schon öfter brutal niedergeschlagen. Dennoch haben die Geistlichen und Soldaten an der Spitze der Islamischen Republik allen Grund, besorgt zu sein. Der greise und kranke Chamenei wird nicht ewig an der Spitze des Staates stehen, der überfällige Generationswechsel dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wenn die alte Garde abtritt, wird der Druck der Jungen auf das Regime zunehmen.