Gang durch den Supermarkt: Wo finden sich Produkte, die tatsächlich in den USA produziert wurden? Foto: dpa/Oliver Berg

Donald Trumps Politik polarisiert: Auf Online-Plattformen gibt es Listen, US-Produkte durch europäische Produkte auszutauschen, der Zuspruch zum Boykott ist groß. Doch zeigt er in den Supermärkten Wirkung?

Auf der Internet-Plattform Reddit haben sich bisher 200 000 Leute einer Initiative angeschlossen: Unter dem Schlagwort „BuyFromEU“ fordern die Nutzerinnen und Nutzer dazu auf, Produkte aus der EU zu kaufen. Sie posten EU-Alternativen zu US-Produkten, etwa dänische Cola, Labello statt bebe, Adidas statt Nike. Das Betriebssystem Linux schlägt Windows, die Suchmaschine Qwant wird Google vorgezogen.

 

Es ist ein Sammelsurium von kulinarischen Tipps, Basketbällen, Socken und Streaming-Anbietern. Nicht alles ist bekannt oder ernst gemeint, wenn es etwa heißt, Leitungswasser sei immer eine Alternative zu US-Brausen. Es geht gegen US-Unternehmen und irgendwie auch gegen US-Zölle. Es geht gegen die zunehmend antidemokratische US-Politik, die auch das politische Gefüge in Europa verändert. Und fast immer geht es auch gegen US-Präsident Donald Trump.

„Die Verbraucherinnen und Verbraucher wollen ein Zeichen setzen“

Und natürlich geht es auch um Gefühl, etwas tun zu müssen. „Die Verbraucherinnen und Verbraucher wollen ein Zeichen setzen“, sagt Carsten Kortum, Handelsexperte und Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Er spricht von einem „Gefühl der Ohnmacht“, das man durch Aktivität überwinden wolle, in dem man die Nähe anderer suche. „Den Leuten ist natürlich bewusst, dass sie als Einzelne nur wenig ausrichten können und dafür die Masse – die Crowd – brauchen.“

Laut Umfragen sind viele dazu bereit: Jeder zweite Bundesbürger kann sich infolge des Zollstreits vorstellen, keine US-Produkte mehr zu kaufen, resümierte das Marktforschungsinstitut YouGov Ende März. Ein Drittel der Befragten schloss einen Urlaub in den USA aus. Hauptgrund waren politische Motive – viele wollten die USA bewusst boykottieren. Andere wollten der höheren Preise wegen auf US-Produkte verzichten.

Die Frage ist: Was kommt überhaupt aus den USA?

Allerdings hatten viele Befragte Probleme, US-Produkte zu identifizieren. Hinzu kommt: Deutsche Supermärkte bieten nur wenige ausschließlich in den USA produzierte Waren an. Gerade in Fertigprodukten stecken Zutaten und Chemie aus aller Welt. Aber auch Klassiker wie Coca-Cola werden meist in den deutschen Standorten abgefüllt. Die Nüsse aus den USA wiederum stecken nicht nur in US-Erdnussbutter, sondern auch in deutschen Müslis. Wer wiederum die Mittagspause im benachbarten McDonald’s meidet, setzt auch Jobs mit aufs Spiel. Dennoch ist der vermeintliche oder tatsächliche Boykott gerade in den Supermärkten populär – auch weil er am leichtesten erscheint. Fast immer findet sich eine Armlänge weiter eine Alternative. „Die Konsumenten tun sich mit einem Boykott leicht, wenn sie nicht aus dem Konsumsystem ausbrechen müssen“, sagt Handelsexperte Kortum.

Wohl auch deshalb sprechen sich einer weiteren YouGov-Umfrage zufolge drei von vier Bundesbürgern dafür aus, in den Supermärkten Produkte aus Europa zu kennzeichnen. Vorbild sind hier einige Supermarktketten in Dänemark, die seit kurzem die Preisschilder auf europäischen Produkten mit einem Stern auszeichnen. In Dänemark ist US-Präsident Donald Trump besonders schlecht gelitten, nachdem dieser wiederholt Besitzansprüche auf Grönland angemeldet hat, das zur dänischen Krone zählt. Mit einer Supermarkt-App können dänische Supermarktkunden Barcodes scannen und Informationen über die Herkunft der Waren auslesen.


Die deutschen Lebensmittelhändler planen derzeit nicht, Waren aus Europa zu kennzeichnen. „Boykotte oder Sonderkennzeichnungen lehnen wir ab, da sie ungewollt unbeteiligte Erzeuger und Betriebe treffen“, heißt es etwa bei der Rewe-Gruppe.

Wie viel Macht könnte ein Boykott entfalten?

Dass ein Boykott die US-Nahrungsmittelkonzerne unter Druck setzen könnte, gilt unter Handelsexperten ohnehin als unrealistisch, denn die Konzerne sind breit aufgestellt. Die Macht der Verbraucher bestehe allenfalls darin, einzelnen Marken zu schaden. Mit dem Motorradhersteller Harley-Davidson, einem Jack Daniel’s oder Tesla finden sich aber oft nur die üblichen Verdächtigen.

Zumindest das Beispiel Tesla zeigt aktuell die Macht eines Käuferstreiks: Der Absatz der Elektrofahrzeuge brach in Deutschland im Januar und Februar um rund 70 Prozent ein. Wobei auch die als übergriffig erfundenen Wahlempfehlungen von Tesla-Chef Elon Musk eine Rolle spielten.

Doch welche Kreise könnten gezielte Boykotte ziehen? Etwa gegen die großen Plattform- und Softwaregiganten? Hier zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass nur wenige bereit sind, nach Alternativen zu suchen. Ob die Suchmaschine Google, ob soziale Netzwerke wie Instagram oder der beliebteste Nachrichtendienst Whatsapp: Die meisten scheuen den Aufwand für einen Wechsel. Ähnliches trifft auf Textverarbeitungs- und Mailprogramme von Microsoft oder den KI-Dienst ChatGPT zu. Von Amazon und Netflix ganz zu schweigen.

Ob ein Boykott von US-Produkten noch Fahrt aufnehmen könnte, hängt deshalb auch der Bereitschaft ab, Einschränkungen hinzunehmen. Zudem müsste er von möglichst vielen Teilen der Gesellschaft möglichst lange getragen werden, wie Handelsexperte Kortum betont. Die andere Frage sei, ob der Boykott in den USA selbst Wirkung zeigen könnte: „Wenn die Konsumenten merken, dass ihre Boykottmaßnahmen keinen Erfolg haben, kehren sie schnell wieder zu ihrem ursprünglichen Verhalten zurück“, so Kortum. „Einzelne werden es durchhalten – aber entscheidend ist immer die Masse.“

Boykott von US-Produkten – Kanada ging voraus

Boykott
Nachdem US-Präsident Donald Trump Anfang März Zölle auf kanadische Produkte eingeführt hatte, nahm in Kanada der Boykott von US-Produkten Fahrt auf. So riefen auch Vertreter der kanadischen Regierung dazu auf, verstärkt kanadische Erzeugnisse zu kaufen und US-Waren zu meiden.

Liste
In Europa empfiehlt die Webseite „Go European“ europäische Produkte als Alternativen zu US-Waren – von Autos, über Kleidung, Getränke bis hin zu Software.