Ein Thema, das Geschichte ist: Die Wehrpflicht hat früher viele Stuttgarter bewegt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Was hat die Stuttgarter früher auf die Straße gebracht? Das Stadtarchiv hat historische Fernsehberichte gezeigt – das Gezeigte hat so manchen Zuschauer staunen lassen.

Stuttgart - Das, was über die Leinwand flimmert, ist historisch – und doch in vielen Fällen brandaktuell: Demonstranten, die den Verkehr aus der Stadt verbannen möchten, Kundgebungen gegen Rechtsradikalismus oder Wohnungsnot – diese Themen bewegen die Stuttgarter offenbar schon lange. „Das ist ja wie heute“, entfuhr es am Dienstagabend im Stadtarchiv so manchem Besucher. Unter dem Titel „Demos in der Glotze“ hat das Stadtarchiv Fernsehberichte über Protestkundgebungen und Demonstrationen aus dem historischen Archiv des SWR gezeigt. Die 13 Sequenzen verdeutlichen, was die Stuttgarter in den Jahren 1957 bis 1983 auf die Straße brachte und wie darüber berichtet wurde.

Deutlich gewandelt hat sich offensichtlich die Grundstimmung der Protestler. Die frühen Filmsequenzen machen deutlich, dass frühere Proteste ruhig und moderat verliefen. Bei einer rechtsradikal-motivierten Kundgebung zum Beispiel stießen rechte Demonstranten auf politisch links-orientierte Gegendemonstranten: Trotz geringem räumlichen Abstand der gegnerischen Lager blieben Ausschreitungen scheinbar aus.

Schienenblockaden bei Fahrpreiserhöhungen

Ebenfalls verändert hat sich die Protestmentalität der Stuttgarter: „Die Protestkultur ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Wahrscheinlich weil Visionen und Ziele fehlen. Und wo es um konkrete Ziele geht, haben Demonstrationen in der Vergangenheit nicht viel geholfen“, sagte der Moderator des Abends ,Wolfgang Niess. Als Beleg diente eine Filmsequenz aus dem Jahr 1972, die eine Demonstrantion gegen die Fahrpreiserhöhung der Stuttgarter Straßenbahn AG zeigt. „In den 70er Jahren gab es viele Streikaktionen bis hin zu Schienenblockaden, heute gibt es das bei Tariferhöhungen nicht mehr“, stellte der Historiker Niess fest.

Andere Protestbewegungen haben bis in die Gegenwart überdauert. Ein Fernsehbericht aus dem Jahr 1979 zeigt junge Menschen, die für die Rechte der Homosexuellen einstehen. „Obwohl mit dem damals geltenden Paragraphen 175 homosexuelle Handlungen offiziell noch eine Straftat waren, fand der Gay-Freedom-Day in vier deutschen Städten statt. In Stuttgart demonstrierten immerhin fast 400 Menschen“, berichtete die Ausstellungskuratorin Inken Gaukel. Wolfgang Niess schlug die Brücke in die Gegenwart: „Dieser ganz frühe Christopher-Street-Day ist meiner Ansicht nach der Grund, warum der heutige CSD in Stuttgart nicht nur eine bunte Parade, sondern eine sehr politische Veranstaltung ist.“

Auch die mediale Berichterstattung ist Thema gewesen. Wolfgang Niess lobte, dass sie auch die Interessen der Demonstranten abbilde. Das Publikum ist allerdings nicht vollständig seiner Meinung gewesen.

Die Ausstellung „Kessel unter Druck – Protest in Stuttgart 1945-1989“ läuft bis 4. Mai im Stadtarchiv, Bellingweg 21.
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