Verhaltensregeln gegen Sexismus? Statt eine Anlaufstelle für Opfer zu schaffen, solle man Täter zur Verantwortung ziehen, kritisiert das Frauenkollektiv Stuttgart und spricht von „sexistischer Tradition auf dem Volksfest“.
Die 176. Auflage des Cannstatter Volksfests ist in vollem Gange. Bis zum 8. Oktober werden mehr als drei Millionen Menschen auf dem Wasen erwartet. Vor allem an Wochenenden und vor dem Tag der Deutschen Einheit wird es auf dem Rummelplatz rund gehen, in den Festzelten herrscht Ausnahmezustand.
Mit jeder Maß, die auf dem Volksfest in die Höhe gestreckt wird, fallen nicht nur die Hemmungen, es nehmen auch Übergriffe zu. „Der Alkohol ist keine Ausrede für sexistisches Verhalten“, sagt Lisa Fetzer vom Frauenkollektiv Stuttgart, das seit 2016 gegen die patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft vorgeht. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen hat sie daher mehrere Verhaltensregeln für männliche Volksfest-Besucher erstellt, die sie vor allem im Schlachthof-Gebiet an Straßenlaternen plakatiert haben, aber auch in sozialen Netzwerken streuen. Aus der Luft gegriffen oder übertrieben scheinen diese nicht. Auch das Landeskriminalamt appelliert auf der eigenen Facebook-Seite unter dem Motto „Dirndl on, hands off!“, die persönlichen Grenzen anderer zu respektieren.
Radlerhose unterm Dirndl
„Sexualisierte Anmachsprüche sind keine Komplimente. Behalte sie für Dich“, lautet eine der Regeln. „Lass die Hände bei Dir“ eine andere. „Egal, wie kurz der Rock ist, es berechtigt nicht dazu, angefasst zu werden“, sagt Fetzer. „Ich habe es so satt, dass wir immer Tipps bekommen, wie wir uns zu verhalten haben, um nicht in solche Situationen zu kommen.“ Es könne nicht sein, dass Wasen-Besucherinnen sich die Handtasche vor den Po halten oder eine Radlerhose unter das Dirndl anziehen müssen, um sich vor Grapschern oder dem heimlichen Fotografieren des Intimbereichs – beispielsweise beim Schunkeln auf der Bierbank – zu schützen. Solche Aufnahmen werden als „Upskirting“ bezeichnet und stellen seit Anfang 2021 in Deutschland eine Straftat dar.
Der Satz „Nein heißt Nein“, der Mitte 2016 im Rahmen der Strafrechtsreform bekannt wurde, findet sich ebenfalls unter den Verhaltensregeln wieder. Eine Frau, die betrunken sei oder sich nicht klar artikulieren könne, sei keine Einladung zu sexuellen Handlungen. „Nur ein eindeutiges Ja ist eine Zustimmung“, steht auf den Plakaten der Aktivistinnen, die sich als Teil der linken Bewegung sehen. Zugleich appellieren sie an männliche Wasenbesucher, sich solidarisch zu verhalten. Wer mitbekommt, dass eine Frau offensichtlich bedrängt wird, solle seine Unterstützung anbieten.
Darüber hinaus kritisiert das Frauenkollektiv die Wasenboje, die neue Anlaufstelle der Stadt, in der sich geschultes Personal um Betroffene kümmert. Dass auf dem Volksfest solch ein Rettungsort geschaffen wurde, zeige, dass das Problem der sexuellen Übergriffe immens sei und nicht mehr ignoriert werden könne. „Die Frauen werden professionell betreut, das war es aber auch. Die Täter feiern einfach weiter, das kann es halt nicht sein“, sagt Lisa Fetzer. Sie fragt sich, was mit ihnen ist. „Gibt es Präventivmaßnahmen? Es kotzt uns wirklich an, dass erneut nichts passiert.“ Man müsse die Täter endlich in die Pflicht nehmen und dafür auch entsprechend investieren.
Das Frauenkollektiv will „endlich eine Stimmung herstellen, dass sexistische Täter mit ihrem Verhalten nicht mehr durchkommen und von allen Seiten Konsequenzen spüren“, erläutert Lisa Fetzer. „Und dass die sexistische Tradition auf dem Volksfest und überall sonst endlich der Vergangenheit angehört. Sodass diese Veranstaltungen für alle ein Ort der Freude sein können und keine unsicheren Orte für Frauen bleiben. Dann wäre ein Rettungsanker wie die Wasenboje auf einem großen Fest erst gar nicht nötig.“
Um ein Zeichen gegen die „patriarchale Gewalt auf dem Wasen zu setzen“, lädt die 15-köpfige Gruppe am Donnerstag, 5. Oktober, ab 19 Uhr auf dem Cannstatter Marktplatz zu einer Nachtwache ein.