Simone Lange will am Sonntag SPD-Chefin werden – der Haller Kreisvorsitzende Nikolaos Sakellariou hat sie eingeladen. Foto: privat

Am Sonntag will sich Andrea Nahles in Wiesbaden zur neuen Parteichefin wählen lassen. Doch einige Genossen aus Baden-Württebmerg stören sich daran – und unterstützen die Gegenkandidatin.

Kreis Ludwigsburg - Gerade erst hat sich die Seele der Partei wieder etwas beruhigt. Der Mitgliederentscheid über die Große Koalition ist durch, der Ärger über die Personalquarelen in Berlin verblasst allmählich. Am Sonntag will sich Andrea Nahles zur Bundesvorsitzenden wählen lassen. Doch einigen Genossen an der Basis gefällt die Art und Weise nicht, wie das geschehen soll. Zum Beispiel der kleine Ortsverein Tamm. Er hat schon vor etlicher Zeit einen Beschluss gefasst, die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange als Gegenkandidatin zu unterstützen.

Interessant dabei ist, dass die Tammer SPD-Kritiker damit ziemlich allein auf weiter Flur sind. Nur vier Ortsvereine im Land haben sich offiziell für Lange ausgesprochen: Neben Tamm noch die Genossen aus Filderstadt, Freiburg und Heidelberg. Doch das stört Gerhard Jüttner nicht. Er ist Vorsitzender des Ortsvereins Tamm. Der 63-jährige Vorruheständler war bis vor zwei Jahren Betriebsratschef bei einer Versicherung und gilt als Urgestein der Partei, sitzt für sie im Kreistag und hat jahrelang Plakate geklebt.

Kandidatur ins Lächerliche gezogen

„Mich stört die Art und Weise, wie der Parteivorstand mit der Gegenkandidatin umgegangen ist“, sagt Jüttner. Dass man ihr zunächst nur zehn Minuten Redezeit einräumen wollte und die Kandidatur gar ins Lächerliche ziehen wollte: Das treibt Gerhard Jüttner um. Daher war der Tammer Ortsverein einer der ersten, der seine Unterstützung erklärt hat: „Auch um die Bewerbung überhaupt zu ermöglichen.“ Denn nach den Parteistatuten müssen mindestens drei Ortsvereine einen Anwärter unterstützen, damit dieser bei der Wahl antreten darf.

Spricht man etwas länger mit Gerhard Jüttner, dann kommt viel von dem Ärger und Frust hoch, der die Partei seit vielen Jahren umtreibt. „Wir haben überhaupt kein Profil mehr, sozialdemokratische Politik ist nicht mehr erkennbar“, schimpft der Tammer Genosse. Andrea Nahles stehe genau für diese Politik, für das Establishment. Und die Art, mit der Basis umzugehen. Das ärgert treue Basisarbeiter wie Gerhard Jüttner, die seit Jahren in den zahlreichen Wahlkämpfen an Ständen stehen und versuchen müssen, die neusten Wendungen aus Berlin zu erklären.

SPD-Kreischef: Mich stört die Arroganz

Dabei haben die Tammer zarte Bande zu einem anderen Widerständler geknüpft: Zu Nikolaos Sakellariou, dem Vorsitzenden des SPD-Kreisverbandes Schwäbisch Hall, der nach 15 Jahren im Landtag bei der Wahl 2016 aus dem Parlament geflogen ist. „Man hat Simone Lange lächerlich gemacht, im Landesverband hat man sie ausgelacht. Diese Arroganz ärgert mich ganz gewaltig“, sagt der Haller Rechtsanwalt.

Er ist noch einen Schritt weiter gegangen als der treue Parteisoldat Jüttner: Er hat Simone Lange eingeladen. Am Ostermontag ist sie in Schwäbisch Hall vor 50 Genossen aufgetreten. Den Veranstaltungsort hat Sakellariou mit Bedacht gewählt: Den Adlersaal im Goldenen Adler. In diesem Raum hat vor 130 Jahren schon ein anderer prominenter Genosse gesprochen: August Bebel. Am 27. November 1869 hat der Parteigründer dort vor den Mitgliedern Arbeiterbildungsvereins und des Gewerbevereins einen Vortrag gehalten. „Damals ging es um die soziale Frage, heute geht es um innerparteiliche Demokratie“, sagt der griechischstämmige Sozialdemokrat.

Der Fraktionsvorsitzenden Nahles wirft Sakellariou Arroganz vor. „Sie nimmt die Kandidatur von Simone Lange nicht ernst und will sie totschweigen, dabei hat sie das gar nicht nötig“, sagt der ehemalige Landtagsabgeordnete. Auf der Versammlung habe die Flensburger Rathauschefin „prononciert linke Positionen“ vertreten und viel Beifall bekommen. Eine Genossin habe ihm sogar gesagt: „Ich bin seit langem nicht mehr mit einem so guten Gefühl aus einer SPD-Veranstaltung gegangen.“

Die Mehrheit im Land steht zu Nahles

Dabei betont der Haller Kreisvorsitzende, dass er Lange nicht zwingend wählen würde, wenn er denn Delegierter des Bundesparteitags wäre: „Es geht mir nur darum, dass eine Alternative möglich ist.“ Die innerparteiliche Demokratie sei in Gefahr. Das sieht auch Gerhard Jüttner in Tamm so. Im Ludwigsburger Kreisverband ist er damit allerdings einer von wenigen.

Der Kreischef Macit Karaahmetoglu und der Ex-Bundestagskandidat Thomas Utz unterstützen Andrea Nahles. Beide sind offiziell Delegierte des Parteitages am Sonntag in Wiesbaden und dürfen tatsächlich abstimmen. In der Kreisvorstandssitzung am Montag soll die Stimmung relativ eindeutig gewesen sein, wie Teilnehmer berichten: Andrea Nahles hätte eine klare Mehrheit. Gerhard Jüttner bleibt bei seiner Haltung, auch wenn er gegen den Strom schwimmt. Sein Motto: „Es ist wichtig, dass es auch andere Meinungen gibt.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: