Gut 1000 Menschen haben sich bei einer Demonstration für den Erhalt der Helfenstein-Klinik eingesetzt. Foto: Staufenpress

Vor einem Wortbruch des Kreistags haben Redner bei einer Demo für die Geislinger Helfenstein-Klinik gewarnt. Rund 1000 Menschen protestierten gegen die geplante Schließung des Krankenhauses.

Göppingen - Großer Bahnhof an der EWS-Arena: Ein Unimog, ein weißer Cadillac, ein knallrotes Magirus-Feuerwehrauto, hunderte weiterer Autos und überall Fahrräder. Viele Menschen sind aus Geislingen und Umgebung nach Göppingen gekommen, um Flagge zu zeigen: An den Seitenfenstern wehen die Fähnchen wie während der Fußball-WM, nur ist das Thema ernst: „Das Geislinger Krankenhaus muss erhalten bleiben“ steht auf den Fahnen.

Das Aktionsbündnis, das für den Erhalt der Helfenstein-Klinik kämpft, hatte zur Protestfahrt nach Göppingen geladen, am Samstagmittag stehen rund 1000 Menschen – fast immer mit Abstand und alle mit Maske – auf dem Rasen der Schockensee-Anlage neben der EWS-Arena. Ihr Protest richtet sich an den Kreistag. Am Freitag stimmt das Gremium über die Zukunft der Geislinger Klinik ab, der Vorschlag des Landratsamts, der auf der Empfehlung der Klinik-Geschäftsführung basiert, liegt auf dem Tisch: „Zielbild“ bis 2024 soll eine „Praxisklinik Helfenstein“ sein. „In diesem Zielbild ist eine stationäre Krankenhausversorgung am Standort der Helfenstein-Klinik in Geislingen nicht mehr vorgesehen“, heißt es in der Empfehlung der Klinik-Leitung, die „Praxisklinik“ soll aus Arztpraxen und Ambulanzen bestehen.

Kampf für gleichwertige Lebensverhältnisse

Damit sind die Menschen an der EWS-Arena nicht einverstanden, und Jürgen Peters, SPD-Stadtrat in Geislingen und Mitorganisator der Protestfahrt, ist es auch nicht: „Wir kämpfen für die Klinik, wir brauchen diese Klinik“, ruft er von der Bühne in die applaudierende Menge. Mit der Entscheidung für den Neubau der Klinik in Göppingen hätten sich alle Kreistagsmitglieder auch für den Erhalt des Standortes Geislingen ausgesprochen, sagt Peters. Daran sollten sie sich erinnern. Auch auf großen Plakaten auf der Wiese steht das Wort vom „Wortbruch“, käme es wirklich zur Schließung.

Dann ist Frank Dehmer dran, der Geislinger Oberbürgermeister ist in Sorge „um die Zukunftsfähigkeit des Landkreises“. Landrat und Kreisräte sollten nicht nur auf die drei Gutachten schauen. Innerhalb des Kreises gehe es auch um gleichwertige Lebensverhältnisse, und die stünden in Geislingen und seiner ländlichen Umgebung auf der Kippe, wenn der stationäre Klinikbetrieb geschlossen würde. Würde für die Schließung entschieden, werde sich ein tiefer Graben durch den Kreis ziehen, es drohe „die Spaltung des Landkreises“, sagt Dehmer, der Kreisrat (Freie Wähler) ist und auf jeden Fall gegen die Schließung stimmen will.

„Weil es sonst Opa nicht mehr geben würde“

Das will Nicole Razavi auch. Die CDU-Kreisrätin und Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Geislingen ist seit Mittwoch Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen. Sie baut in Stuttgart gerade ein neues Ministerium auf, trotzdem steht sie auf der Bühne in Göppingen und hält eine kurze, aber nachhallende Rede, denn Razavi hat Johanna getroffen. Und die kleine Johanna hat ihr ein Bild mitgegeben, auf dem etwas steht, und Razavi liest vor: „Menschen sind wichtiger als Geld“, „die Klinik muss bleiben“. Zuvor hatte Razavi die kleine Johanna gefragt, warum sie für den Erhalt der Klinik demonstriere. Johannas Antwort: „Weil es sonst Opa nicht mehr geben würde“. Da muss auch Razavi kurz innehalten, dann fasst sie sich: „Damit ist alles gesagt. Ich werde einer Schließung niemals zustimmen. Nicht ich, meine Fraktion auch nicht.“

Und auch Sascha Binder nicht. Der Geislinger SPD-Stadtrat sitzt wie Razavi im Landtag und ist seit Kurzem Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion. Auch er verspricht „ein klares Nein gegen die Schließung der Helfenstein-Klinik“. Es gehe bei der Entscheidung nicht um Zahlen und Gutachten, „es geht um Menschen“. Eine Klinik habe Betten, „ist 24 Stunden offen und für Notfälle immer da“, sagt Binder. Der Vorschlag von Kreisverwaltung und Klinikleitung umfasse das nicht, das sei dann kein Krankenhaus mehr und damit eine Klinikschließung.

Die Helfenstein-Klinik müsse „um jeden Preis erhalten werden“, sagt Ludwig Kraus als letzter Redner auf der Bühne. Der Geislinger Stadtrat der „Neuen Fraktion“ (DnF) hält eine Schließung für „verantwortungslos“ und sagt deutlich: „Mitten in der Pandemie eine Klinikschließung? Ja, geht‘s noch?“

Mitarbeiter wollen der Klinik treu bleiben

138 Mitarbeiter wollen der Helfenstein-Klinik treu bleiben, wenn diese gerettet wird. Dies hat eine Umfrage ergeben. Wie die Geislinger Zeitung berichtet, haben lediglich neun vor, sich nach einer Alternative umzusehen. Damit sichern 94 Prozent der Teilnehmer ihre Loyalität dem Geislinger Standort der Alb-Fils-Kliniken zu. „Ein klares Ergebnis“, findet Holger Schrag vom Aktionsbündnis, das für den Erhalt des Krankenhauses kämpft. Abgestimmt haben die Mitarbeiter nicht nur online: Einige hätten ihre Häkchen auf Papier gesetzt, sagt Holger Schrag. Die Erhebung lief zwei Wochen. Beteiligt hätten sich Beschäftigte aus den Bereichen Pflege, Verwaltung und Reinigung, zudem auch Ärzte.

Weitere Ergebnisse: Ihre Zukunft an der Klinik am Eichert sehen derzeit wohl nur 22 Prozent (34 von 153 Teilnehmern), 78 Prozent würden einen Wechsel ablehnen (119 Stimmen), wenn das Geislinger Krankenhaus in seiner jetzigen Form nicht bestehen bleibt. Einen Wechsel generell an ein anderes Krankenhaus würden 64 Prozent (84 von 132 Stimmen) anstreben, für die restlichen 36 Prozent käme dies nicht infrage (48 Stimmen).

Zudem können sich 49 Prozent vorstellen, gleich in einen anderen Bereich des Gesundheitswesens zu gehen (64 von 130 Teilnehmern), die anderen 51 Prozent  nicht (66 Stimmen). Stand September vergangenen Jahres arbeiteten rund 380 Personen beziehungsweise 260 Vollzeitkräfte in dem Krankenhaus.

Auch der Betriebsrat hatte in seiner Stellungnahme zum dritten Gutachten hervorgehoben, dass sich die Belegschaft eine Fortführung des Krankenhauses in der gewohnten Art wünsche, dass es aber auf den politischen Willen ankomme.