Ohren zu und durch: Auch beim 100. Schwabenstreich am Donnerstagabend wurde auf dem Neuen Markt in Leinfelden aus Protest gegen Stuttgart 21 Krach gemacht. Foto: Norbert J. Leven

Beim 100. Schwabenstreich auf dem Neuen Markt in Leinfelden spielt das Thema Filderdialog die Hauptrolle.

Leinfelden-Echterdingen - Diesmal haben die eingefleischten „Schwabenstreicher“, wie Matthias von Herrmann, das Sprachrohr der Stuttgarter Parkschützer, die Teilnehmer des Schwabenstreichs am Donnerstagabend auf dem Neuen Markt in Leinfelden nennt, ihre Tagesordnung erweitert. Auf Krach und Reden folgen Protestlieder und ein Toast. Mit saurem Sprudel oder Apfelschorle, vereinzelt auch mit einem Schlückchen Hochgewächs aus Freyburg an der Unstrut, stoßen rund drei Dutzend Menschen auf den 100. Schwabenstreich an.

Der hatte pünktlich um 19 Uhr vor der Stadtbücherei begonnen wie jedes Mal: mit einem Countdown und ohrenbetäubendem Lärm aus Trillerpfeifen, Mundstücken einer Blockflöte oder einem echten Rinderhorn. Lärm, den nur wenige der Demonstranten gegen die Stuttgart-21-Pläne in Leinfelden-Echterdingen aushalten, ohne sich dabei schützend die Ohren zuzuhalten.

Wöchentlicher Protest

Organisiert und inszeniert wird diese wöchentliche Protestversammlung von der Sprecherin der Initiative Lebenswertes L.-E., Claudia Moosmann. Sie ist sozusagen die Ikone des Bahnprotests auf den Fildern – und an diesem Abend sichtbar stolz auf die Kontinuität der Veranstaltung, die vor knapp zwei Jahren erstmals aus der Stuttgarter Innenstadt heraus auf die Filder kopiert worden war.

Selbstverständlich präsentiert Moosmann zum Jubiläum einen Gastredner, der in der gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 gerichteten Protestbewegung eine Hauptrolle spielt. Matthias von Herrmann, Pressesprecher der „Parkschützer“, fordert die Besucher der Veranstaltung dazu auf, weiterzumachen „bis wir Bürger von der Politik ernst genommen werden, bis die grün-rote Landesregierung kapiert, dass im Wort ,Bürgerbeteiligung‘ die Bürger an erster Stelle stehen.“

Kritik am Filderdialog

Bürgerbeteiligung sei nämlich kein Synonym für „Phantomdiskussion“, sagt von Herrmann und kommt damit ohne große Umschweife auf die heftige öffentliche Kritik am Filderdialog zu sprechen. Der Parkschützer bedient sich bewusst der gleichen Wortwahl wie Oberbürgermeister Roland Klenk, der erklärt hatte, für „Phantomdiskussionen“ nicht mehr zur Verfügung stehen zu wollen. Der Beifall der Schwabenstreich-Teilnehmer gilt an dieser Stelle deutlich akzentuiert auch dem nicht anwesenden Stadtoberhaupt.

Der Gastredner liefert, was die Menge von ihm erwartet; von Herrmann kritisiert die Bahn: „Sie muss endlich Pläne zur Umsetzung des Geißler-Spruchs vorlegen. Solange die erste Bürgerbeteiligung, nämlich der Faktencheck aus dem Jahr 2010, folgenlos bleibt, ist die zweite Schlichtung – jetzt unter dem Namen Filderdialog – reine Zeitverschwendung.“

„Wir brauchen die Öffentlichkeit“

Claudia Moosmann erklärt, warum Lebenswertes L.-E. den Dialog noch nicht verlassen hat: „Das ist trotz allem eine gute Möglichkeit, um die Interessen der Bürger herauszuarbeiten.“ Allerdings wird auch bei den Bürgerinitiativen der Geduldsfaden offenbar immer dünner. „Wenn unsere Fragen nicht beantwortet werden, werden wir gemeinsam aufstehen und gehen“, sagt sie und fordert zur Teilnahme an der nächsten Dialog-Sitzung am 29. Juni im Messe-Kongresszentrum auf: „Wir brauchen die Öffentlichkeit drinnen und draußen.“ Und am Tag zuvor natürlich auch wieder beim Schwabenstreich auf dem Neuen Markt.

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