Zuletzt haben die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen – wie hier Anfang Januar in Magedburg – wieder zugenommen. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Zuletzt haben vielerorts wieder mehr Menschen gegen die Coronapolitik protestiert – und die Proteste werden teils aggressiver. Was, wenn die Impfpflicht kommt? Und wie lässt sich die längerfristige Spaltung der Gesellschaft vermeiden? Ein Sozialpsychologe hat Antworten.

Tübingen - In mehreren Städten in Baden-Württemberg sind zuletzt wieder mehr Menschen gegen die Coronapolitik und gegen eine Impfpflicht auf die Straße gegangen. Unterdessen hat die Politik weitere Einschränkungen im Kampf gegen die Ausbreitung der Omikron-Variante beschlossen, eine allgemeine Impfpflicht wird weiter diskutiert. Was dies für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeuten würde und ob vermehrt mit Gewalt zu rechnen ist, erklärt Kai Sassenberg, Sozialpsychologe am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.

 

Herr Sassenberg, was könnten die Folgen einer allgemeinen Impfpflicht sein?

Aus psychologischer Perspektive sehe ich eine Impfpflicht eher kritisch, weil Forschungsergebnisse nahelegen, dass die Impfung dann negativer wahrgenommen wird. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen kann sie aber durchaus etwas Positives bewirken. Die Einführung einer Impfpflicht würde nicht nur die Meinung der Mehrheit umsetzen. Sie hilft vielleicht auch einigen von denen, die sich bisher nicht impfen lassen haben. Eine klare Regelung würde es Menschen, die unsicher oder skeptisch sind und dies auch mehrfach geäußert haben, leichter machen. Eine Impfpflicht würde ihnen erlauben sich impfen zu lassen, ohne ihr Gesicht dabei zu verlieren.

Daneben gibt es nach wie vor Gruppen, die durch die Kampagnen nicht erreicht wurden – vor allem, weil sie Tageszeitungen und öffentlich-rechtliche Medien nicht nutzen. Hier können Kampagnen vor Ort oder in sozialen Medien helfen. Schließlich gibt es eine Gruppe von Menschen, die wirklich gegen Impfungen und nicht umzustimmen sind.

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Wie würden ebendiese Menschen auf die Impfpflicht reagieren?

Diese Menschen fühlen sich dann unrechtmäßig außerhalb des Gesetzes gestellt. Und das würde aller Voraussicht nach dazu führen, dass sie die Rechtmäßigkeit staatlichen Handelns und eventuell auch das staatliche Gewaltmonopol generell infrage stellen. Die Gefahr besteht, dass diese Menschen sich der Impfpflicht widersetzen und einige von ihnen auch mit Gewalt reagieren – bis hin zu militantem Verhalten.

Ob und in welchem Umfang es wirklich so kommen wird, ist schwer vorherzusagen – aber es ist plausibel vor dem Hintergrund, wie derzeit Demonstrationen ablaufen. Wir wissen, dass bei Menschen, die an Verschwörungsnarrative glauben – und die sind bei Impfgegnern häufig vorzufinden – eine höhere Bereitschaft da ist, staatliche Regeln zu hintergehen.

Sprechen wir von Einzelfällen oder von einem größeren Teil der Gesellschaft?

Das ist unheimlich schwer vorherzusagen. Wir wissen, dass 20 Prozent der Bevölkerung mehr oder weniger stark an Verschwörungsnarrative glauben – nicht erst seit der Coronapandemie. Und Impfgegnerschaft ist oft verbunden mit solchen Narrativen: Sie glauben beispielsweise, Impfungen würden vor allem gefördert, weil Pharmaunternehmen daran verdienen. Aber nicht alle, die so etwas glauben, würden auch auf die Straße gehen oder gar gewalttätig werden. Aus meiner Sicht zeigen die Gruppen, die wir jetzt schon auf den Straßen sehen, ganz gut, wie viele Menschen am Ende disruptive Verhaltensweisen zeigen werden. Tatsächlich gibt es ja auch bereits Morddrohungen gegen Politikerinnen oder Wissenschaftler. Aber es ist vermutlich eine Minderheit, die so weit geht.

Besteht die Gefahr, dass viele Menschen der Politik „verloren“ gehen?

Es wird in der Gesellschaft immer Bereiche geben, in denen sich nicht das Verhalten einstellt, das sich die Mehrheit für die Gemeinschaft wünschen würde. So ähnlich wird das mit dem Thema Impfpflicht oder Coronamaßnahmen auch sein. Natürlich ist das schädlich für die Gesellschaft. Trotzdem würde ich nicht annehmen, dass Menschen, die einer Impfpflicht zum Beispiel nicht nachkommen wollen, dann auf ewig verloren sind für die Gesellschaft. Zentral ist, wie die Mehrheit mit diesen Menschen umgeht. Natürlich wird jemand, der an Verschwörungsnarrative glaubt, sich nicht von der Politik überzeugen lassen.

Umso wichtiger ist es zu überlegen, wie man persönlich diese Menschen noch erreichen kann. Vielleicht, wenn ein Freund oder eine Freundin sagt: Guck mal, ich habe mich auch impfen lassen, und es war kein Problem. Natürlich kann man nicht erwarten, sie direkt zu überzeugen – das braucht Zeit. Genauso, wie der Glaube an Verschwörungsnarrative nicht über Nacht entsteht. Aber wenn der Fünfte kommt und das gleiche sagt, sieht die Welt vielleicht irgendwann anders aus.

Viele haben die Geduld mit jenen verloren, die sich nicht impfen lassen wollen oder Mythen verbreiten.

So nachvollziehbar das ist – ich finde trotzdem wichtig, dass es in der ohnehin schon herausfordernden Situation weiter ein freundliches Miteinander gibt. Personen, die Verschwörungsnarrative in die Welt setzen und damit die Gesellschaft spalten, muss man etwas entgegensetzen. Aber persönlich haben wir viel mehr Kontakt zu Freundinnen und Bekannten, die so etwas irgendwo gehört haben und es dann weitertragen. Je mehr wir diesen Menschen einen Aluhut aufsetzen und sie in die Ecke stellen, desto stärker fühlen sie sich auch an den Rand gedrängt – und desto weniger besteht die Chance, das später wieder zusammenzuführen. Hier ist ein freundliches Gespräch sicher der bessere Weg.

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Kann es passieren, dass impfskeptische Menschen, die sich bislang nicht zu den Querdenkern zählen, in Milieus mit Verschwörungstheoretikern abdriften?

Wer skeptisch ist, ist grundsätzlich natürlich eher erreichbar für Populismus. Sich von der Gesellschaft zu verabschieden ist allerdings ein weiter Schritt – und so festgelegt, wie das teilweise scheint, sind viele Menschen beim Thema Impfungen, glaube ich, nicht. Das zeigt das Beispiel von Joshua Kimmich, der sich skeptisch äußerte, dann die Krankheit hatte und sich nun umentschieden hat. Es ist wichtig, auch anzuerkennen, dass manche Menschen Bedenken haben – ob das nun wissenschaftlich plausibel ist oder nicht.

Wie kann sich die Lage insgesamt wieder beruhigen?

In jeder gesellschaftlichen Krise steckt das Potenzial für eine Spaltung. Auch hier gilt: Die Zeit heilt die Wunden. Ein Beispiel dafür ist Stuttgart 21. Die Themen im öffentlichen Diskurs werden sich irgendwann wieder diversifizieren – und dadurch auch die aufgeheizten Debatten wieder verschwinden. Ein gewisses Potenzial für eine Gewaltwelle gibt es aber durchaus. Je länger die Pandemie andauert, desto belasteter sind die Menschen – objektiv und subjektiv. Einige reagieren mit extremen Verhaltensweisen. Natürlich müssen Politik und Gesellschaft damit aufmerksam umgehen.

Gleichzeitig ist es aber wichtig, die schweigende Mehrheit nicht zu vernachlässigen. Unter diesen gibt es viele, die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil zu wenig passiert, um die Infektionswellen abzubremsen. Auch für die Menschen, die sich an die Restriktionen halten, ist die gesamte Situation eine Belastung – das darf die Politik nicht aus den Augen verlieren. Wichtig ist da, Ruhe zu bewahren und klar zu kommunizieren.

Hat die Politik Vertrauen verspielt, weil noch vor einigen Monaten eine Impfpflicht eher ausgeschlossen wurde?

Die Änderung einer politischen Position bedeutet nicht unbedingt einen Vertrauensverlust. Entscheidend ist, dass der Meinungswechsel begründet und erklärt wird. Politiker und Politikerinnen, die zugeben, dass sie eine Impflicht vor dem Hintergrund einer Fehleinschätzung des Pandemieverlaufs ausgeschlossen haben, können vermutlich Vertrauen zurückgewinnen. Transparent kommunizieren und im Zweifel auch mal Fehler zugeben – solche Aussagen , und Zugeständnisse leisten eine wichtigen Beitrag, um die Spaltung der Gesellschaft aufzuhalten und den Zusammenhalt zu fördern.

Zur Person

Ausbildung
Kai Sassenberg hat Psychologie an der Uni Mannheim studiert, später promovierte er an der Georg-August-Universität Göttingen und habilitierte sich an der Uni Jena.

Forschung
Seit 2007 ist er Leiter der Arbeitsgruppe Soziale Prozesse am Leibniz-Institut für Wissensmedien und lehrt zudem als Professor an der Universität Tübingen. Er forscht unter anderem zu Emotion, Motivation und Selbstregulation im Kontext von Verarbeitung von wahrer und falscher Information – zum Beispiel Verschwörungstheorien.