Nach Recherchen der Stuttgarter Nachrichten gibt es im Leonhardsviertel derzeit sieben Bordellbetriebe mit rund 100 Zimmern sowie etwa 20 weitere Rotlichtbetriebe. Foto: Peter Petsch

Zwei Prostituierte geben Einblicke in ihr Geschäft: Druck, Gewalt und Ausbeutung sind in der Branche allgegenwärtig.

Zwei Prostituierte geben Einblicke in ihr Geschäft: Druck, Gewalt und Ausbeutung sind in der Branche allgegenwärtig.

Stuttgart - Gibt es in Stuttgart Armuts- und Zwangsprostitution? „Da wird Ihnen keine Frau die ganze Wahrheit sagen“, meint Silvia. Sie ist 30 Jahre alt, kommt aus einem kleinen Städtchen in Bulgarien und arbeitet seit zehn Jahren in Deutschland als Prostituierte. Seit einigen Wochen arbeitet Silvia im Leonhardsviertel. Im traditionellen Stuttgarter Rotlichtviertel schaffen nach Polizeiangaben etwa 140 Frauen pro Tag an. Die Fluktuation ist jedoch erheblich.

„Auch wenn wir uns intern austauschen, erzählt jede Frau zunächst, dass es ihr gutgeht“, sagt Silvia. Die eigene Situation ungeschminkt analysieren – das trauen sich nur wenige zu. Weil die aktuelle Lage bitter ist und weil der Weg vieler Frauen in das Sexgewerbe von sexuellem Missbrauch, Drogen oder Gewalt in der Biografie geprägt ist.

Nach Recherchen der Stuttgarter Nachrichten gibt es im Leonhardsviertel derzeit sieben Bordellbetriebe mit rund 100 Zimmern sowie etwa 20 weitere Rotlichtbetriebe. Für ein Zimmer in einem Bordell müssen die Frauen 100 bis 150 Euro Tagesmiete an die Betreiber entrichten. Die meisten Frauen arbeiten in einer Sechstagewoche mit Zwölf- bis 15-Stunden-Schichten. Der Basispreis für einfachen Geschlechtsverkehr beträgt 30 Euro.

„Andere werden halt geschlagen“

„Wenn sich eine Frau für 30 Euro verkauft, ist das in meinen Augen Armuts­pro­stitution“, sagt Sally. „So billig will ich mich nie verkaufen müssen.“ Sally ist 25 Jahre alt, arbeitet seit einigen Jahren als Prostituierte und gehört zu den zehn, maximal 20 Prozent Frauen mit deutschem Pass, die es hierzulande noch im harten Sexgewerbe gibt. In Stuttgart beträgt der Anteil ausländischer Prostituierter zurzeit 84 Prozent.

„Wenn eine Frau hier im Bordell mit einem Mann auftaucht, der zu ihr gehört, können Sie davon ausgehen, dass er sie ausbeutet“, erzählt Sally. „Dann geht erst mal alles Geld an den Mann. Er bestimmt allein, was damit geschieht Die meisten Frauen spielen das aber runter; sie wollen nicht das Opfer sein.“ Wenn der Mann über 50 Prozent kassiert, geht die Polizei von Ausbeutung aus und ermittelt gegen den Mann wegen illegaler Zuhälterei. Doch Frauen, die Anzeige erstatten, sind die absolute Ausnahme.

„Es gibt Frauen, die werden durch die angebliche Liebe ihres Freundes oder Zuhälters unter Druck gesetzt; andere werden halt geschlagen“, sagt Sally. „Liebe oder Gewalt – beides wird eingesetzt, um die Frauen in ständiger Unsicherheit und damit in Abhängigkeit zu halten“, erklärt Silvia den Mechanismus. „Heute brauche ich keinen Zuhälter mehr; ich weiß selbst, wie ich mich durchsetzen kann.“ Die Selbstständigkeit hat sich Silvia im Laufe der Jahre erkämpft.

Aufpasser überwachen die Szene

Wenn eine Frau nicht genug Geld bringt, wird sie bestraft: durch Entzug emotionaler Zuwendung, durch Streichen von Vergünstigungen, durch Gewalt. Die Aufpasser haben oft selbst ein Zimmer im Leonhardsviertel und überwachen die Szene. Manche Frauen lebten und arbeiteten in ihrem Zimmer „tagelang wie eingesperrt“, berichtet Sally. Im Inneren der großen Bordelle haben Zuhälter und Freunde jedoch Hausverbot.

„Was in den Zimmern passiert, kann keiner kontrollieren“, sagt Sally. Hier ist es der ökonomische Druck, der den Frauen zusetzt. „Ohne Kondom, das wollen heute wieder fast alle“, berichtet Silvia. Sie kann „Nein“ sagen, weil sie es sich leisten kann. Das können nicht alle Frauen. Im Leonhardsviertel gibt es zwei illegale Bordelle, in denen Sex ohne Kondom zum Standard gehört.

Kann die Stadt Stuttgart dazu beitragen, die Lage der Prostituierten zu verbessern? „Es würde genügen, wenn die Frauen wüssten, welche Rechte sie bereits jetzt haben“, sagt Silvia, die Bulgarin. „Ich glaube kaum, dass sich hier etwas nachhaltig ändert. Ständig kommen neue Frauen nach, um sich noch billiger zu verkaufen“, sagt Sally. „Wie soll man da die Ausbeutung stoppen?“

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