Im Stuttgarter Rotlichtviertel scheint sich die Situation zu verbessern Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Die Anbahnung von Sex-Geschäften ist nahezu von den Straßen der Stuttgarter Innenstadt verschwunden. Das hat die Stadt bisher erreicht. Damit ist es aber noch lange nicht getan, kommentierte Eva Funke.

Stuttgart - Viel zu lang ist nichts passiert: Schneller Sex gegen Bares war auf der Straße im Rotlichtviertel fast rund um die Uhr zu haben. Obwohl die Anbahnung von Sex-Geschäften in der gesamten Stuttgarter Innenstadt verboten ist, stellten sich immer mehr Prostituierte an den Straßenrand und boten sich dort den Freiern an. Erst nur vor den Bordellen, dann schwappte die Szene auf die Wohnbereiche über – mit der Folge, dass Anwohnerinnen von Freiern angepöbelt und Passanten von Prostituierten belästigt wurden. Die skandalöse Situation wurde von der Stadtspitze bedauert. Doch statt dagegen effektiv vorzugehen, jammerte man nur über fehlende gesetzliche Handlungsspielräume.

Erst nachdem die Bürger auf die Barrikaden gingen und nicht lockerließen, gab es einen Rucker. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) erklärte die illegale Prostitution zur Chefsache. Und siehe da: Es zeigt sich, dass sehr wohl etwas gegen den täglichen Sex-Skandal in der Stuttgarter Innenstadt getan werden kann. Kaum hatte Kuhn im vergangenem Herbst seinen Masterplan im Kampf gegen Zwangs- und Armutsprostitution sowie das Anschaffen auf der Straße vorgelegt, entspannte sich die Situation nach und nach. Die Prostituierten sind von den Straßen so gut wie verschwunden, und die Freier baggern Frauen nicht mehr auf der Straße an, sondern gehen schnurstracks ins Bordell. Anwohner sprechen angesichts der neuen Situation gar von einem Wunder.

Polizei, Amt für öffentliche Ordnung und Baurechtsamt ziehen an einem Strang

Es ist jedoch alles andere als ein Wunder, dass die Behörden die Rotlichtszene endlich im Griff haben. Die Polizei, das Amt für öffentliche Ordnung und das Baurechtsamt ziehen nach der klaren Ansage von OB Kuhn konsequent an einem Strang und gehen gemeinsam entschieden gegen die illegale Prostitution vor. Warum nicht gleich so? Denn durch das energische Vorgehen haben es Prostituierte, Zuhälter, Bordellbetreiber und Freier begriffen: Die Behörden machen Ernst. In Stuttgart hat die illegale Prostitution keinen Platz.

Das war dringend notwendig. Und die Bürger können aufatmen. Doch damit, dass sie auf der Straße nicht mehr zu sehen ist, ist die illegale Prostitution nicht beseitigt. Sie spielt sich jetzt lediglich nicht mehr vor den Augen der Öffentlichkeit ab. In den Bordellen gibt es nach wie vor Armuts- und Zwangsprostitution. Und Frauen, vor allem aus Osteuropa, werden immer noch sogar von den eigenen Angehörigen in die Prostitution getrieben. Deshalb muss die Stadt am Ball bleiben. Sie darf den Betreibern illegaler Bordelle keine Chance zum Luftholen lassen. Denn damit wäre der erste Etappensieg ruck, zuck verspielt und alles wieder beim Alten. Das heißt im Klartext: Stadtverwaltung und Gemeinderat müssen klären, wie viele Bordelle das Rotlichtviertel verträgt. Alle übrigen müssen dichtgemacht werden – ganz egal, wie lang sich die Verfahren bis zur Schließung hinziehen.

Außerdem brauchen ausstiegswillige Frauen niederschwellige Ausstiegsprogramme, die es ihnen erleichtern, dem Milieu den Rücken zu kehren. Die Anstrengungen in diesem Bereich dürfen nicht vernachlässigt werden, im Gegenteil – auch wenn die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen weitere neue Herausforderungen für die Stadt mit sich bringen. Damit, dass Prostituierte hinter den verschlossenen Türen illegaler Bordelle statt auf der Straße anschaffen, ist es nicht getan.

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