Vom hustenstillenden Honig bis zum schmerzlindernden Gift: Bienenprodukte sind beliebt und gelten als heilsam, insbesondere in der Alternativmedizin. Doch was ist über die Wirkung bekannt? Studien geben Anhaltspunkte.
Dresden - Schwül ist es, etwa 35 Grad warm, mit einer Luftfeuchtigkeit von 70 bis 75 Prozent. Das Klima im Bienenstock erinnert eher an Tropen und Urwald als an den Arbeitsplatz eines Wesens, das seit Jahrmillionen kühl und sachlich seinen Job als Bestäuber und Honiglieferant nachgeht. Kaum ein Mitteleuropäer würde sich gerne darin aufhalten. Trotzdem wollen immer mehr Menschen hierzulande die Luft von diesem Arbeitsplatz einatmen. Sie lassen sich von einem Imker oder Heilpraktiker per Schlauch und Atemmaske mit dem Bienenstock verbinden, dann wird inhaliert. Zehn Minuten lang, und das mehrere Tage hintereinander. Und wenn danach eine Patientin berichtet, dass „Bienenluft entkrampft, reinigt, glättet, befreit und kräftigt“, hört sich das an wie nach einer Entschlackungskur.
Apiair- oder auch einfach Bienenlufttherapie nennt sich das neue alternativmedizinische Verfahren, das vor allem bei Allergien und Atemwegserkrankungen helfen soll. Es wurde 1987 von einer österreichischen Imkerfamilie begründet, ist also noch relativ jung. Entsprechend skeptisch sehen die meisten Mediziner den Trend, und in der Tat fehlen noch wissenschaftliche Belege für die Wirkung der Bienenluft. An der TU Dresden arbeitet man jedoch daran, diese Lücke zu füllen.
Ein Forscherteam um den Chemiker Karl Speer hat per Gas-Tomografie über 50 Substanzen in der Bienenluft gefunden. Einige davon kommen vom Honig, der in den Waben gelagert wird, die meisten stammen jedoch von der Propolis, mit der die Tiere ihre Wabenzellen abdichten und den Eingang ihres Stocks auskleiden, um sie vor Bakterien zu schützen. Ihre antibiotischen und entzündungshemmenden Eigenschaften sind vielfach belegt. Doch wie sie wirkt, wenn sie feinstaubmäßig inhaliert wird, ist weniger klar. „Bei der Klärung dieser Dinge sind wir noch am Anfang“, so Speer.
Honig erhält seinen Wert durch die Wirkstoffe der Blumen
Durchaus möglich jedoch, dass sich die Apiair-Therapie in weiteren Untersuchungen bewährt. Denn das war bisher auch bei anderen Methoden der Bienenheilkunde der Fall. Sucht man in medizinischen Datenbanken den Begriff „apitherapy“, erhält man über 200 Treffer, von denen 23 auf klinische Studien verweisen. Der Honig bringt es sogar auf über 200 klinische Studien. Dabei liefert er weniger Vitamine und Mineralien als Nougat-Creme – und keineswegs weniger Zucker. „Doch er enthält auch zahlreiche Inhaltsstoffe aus den Pflanzen, die von den Bienen besucht wurden“, erläutert Visweswara Pasupuleti, der an der Universität Malaysia zu medizinischen Bienenprodukten forscht. Die Wirkung des Honigs, betont der Wissenschaftler, hänge davon ab, wo die Tiere ihren Nektar gesammelt haben.
Lesen Sie hier: Was jeder gegen das Insektensterben tun kann
So besticht der neuseeländische Manukahonig mit Methylglyoxal, einem antibakteriell wirkenden Zuckerabbauprodukt. Er zwingt selbst multiresistente Keime wie den gefürchteten MRSA in die Knie. Mittlerweile setzt man einen speziell behandelten und gereinigten Manukahonig, den sogenannten Medihoney, auch schon in deutschen Kliniken zur Wundversorgung ein. Wegen seiner besonderen Reaktivität kann es aber auch zu Nebenreaktionen kommen – so leiden etwa Diabetiker nach dem Verzehr von Manukahonig unter einem erhöhten Schmerzempfinden.
Außerdem gibt es auch in Deutschland einen antibakteriell wirkenden Honig. „Wir haben in Kornblumenhonig erhebliche Mengen an Wasserstoffperoxid gefunden“, berichtet Speer. Der Chemiker hat auch schon zusammen mit der Wiederkäuerklinik der FU Berlin eine Studie durchgeführt, in der Milchkühe, die an entzündeten Klauen litten, ohne Antibiotika-Gabe geheilt werden konnten. Möglich also, dass Kornblumenhonig für den Menschen ähnlich wirkungsvoll ist wie sein neuseeländisches Pendant.
Der Zucker im Honig besänftigt die Hirnareale, die für das Husten zuständig sind
In einer israelischen Studie an 200 Kleinkindern halfen Eukalyptus- und Zitronenblütenhonig gegen den Husten bei einem grippalen Infekt. Hauptverantwortlich sind hier nicht nur die antibiotischen Inhaltsstoffe des Bienenprodukts, sondern auch sein Zucker, weil er die fürs Husten zuständigen Areale im Gehirn besänftigt. Bei Buchweizenhonig kommen noch die entzündungshemmenden Gerbstoffe des Getreides hinzu. Er war in einer amerikanischen Studie an 105 hustenden Kindern wirksamer als ein Standard-Hustensaft mit Dextromethorphan. Und Studienleiter Ian Paul von der Pennsylvania State University lobte zudem seine große Akzeptanz: „Geschmack und Konsistenz des Honigs sind einfach kinderfreundlich.“
Demgegenüber klingt Gelée royale eher nach einem besonders exquisiten Produkt. Und tatsächlich dient es im Bienenstock als Futter für die angehenden Königinnen, die dadurch um etwa 60 Prozent schwerer werden als die übrigen Stockbewohner. Dementsprechend enthält Gelée royale viele B-Vitamine und Aminosäuren sowie Phytoöstrogene, die ähnlich wie die „echten“ Sexualhormone der Frauen wirken. Es bewährte sich daher schon in Studien als Mittel gegen Wechseljahresbeschwerden. „Erstaunlicherweise hilft Gelée royale aber auch bei typischen Männerproblemen“, betont Pasupuleti. So werden Fruchtbarkeit und Spermaqualität verbessert, und niedrige Testosteronspiegel bewegen sich auch wieder nach oben, wenn sie mit dem Futter der Königin behandelt werden. Denn das enthält nicht nur Phytoöstrogene, sondern auch Substanzen, die den Hoden und auch andere Organe vor oxidativen Schäden schützen.
Bienengiftinjektionen als Entzündungshemmer
In Korea und Japan boomt derzeit die Apipunktur. Dabei wird der Patient an ausgewählten Punkten mit Bienengiftinjektionen behandelt. Die Idee dahinter: Der Bienengiftstoff Mellitin duldet als Entzündungsauslöser keine Konkurrenz. Wenn also im Körper eines Menschen bereits Entzündungsprozesse aktiv sind, werden sie von der Bienensubstanz unterdrückt.
Ein Forscherteam der Kyung Hee University im koreanischen Gangdong testete kürzlich die Apipunktur an 54 Arthritispatienten. Auf einer Schmerzskala verringerte sich dadurch ihr Wert von 5,3 auf 2,6, ihre Schmerzen hatten sich also sozusagen halbiert. Dies passt zu einer Mitteilung des US-amerikanischen Imkerbundes, der zufolge dessen Mitglieder deutlich seltener an Gelenkbeschwerden litten als andere Berufsgruppen.
Manchmal nimmt die asiatische Apipunktur jedoch auch Formen an, die hierzulande nur schwer vorstellbar sind. So sitzt der Patient bei der so genannten Mikro-Apipunktur in einem Behandlungsstuhl, mit weit geöffnetem Mund, so wie beim Zahnarzt. Der Therapeut kommt dann mit einer Pinzette, in der eine noch lebende Biene eingezwängt ist - und die lässt er dann an ausgewählten Stellen der Mundschleimhaut zustechen. Viele Patienten berichten danach von einem überwältigenden Wärmegefühl, das durch ihren Körper strömt. Doch für die Biene selbst bedeutet der Eingriff in der Regel ihr Ende.