In manchen Berufen ist ein Doktortitel Standard, in anderen hübsches Beiwerk. Doch schon allein, weil es immer mehr Studenten gibt, steigt die Anzahl der Doktoranden. Garant für Geld und Karriere sind die beiden Buchstaben nicht - aber auch kein Hinderungsgrund. Foto: Philipp Guelland/dapd

Die Zahl der Doktoranden steigt. Doch ist der Titel wirklich notwendig für eine erfolgreiche Karriere?

Bernhard Frey hat, was die wenigsten Maschinenbau-Ingenieure haben: einen Doktortitel. 2009 beendeten gut 20 000 Absolventen ihr Studium in diesem Fach, aber nur etwa 1000 promovierten. „Ingenieure freuen sich auf ihr Studienende, weil sie dann endlich praktisch arbeiten dürfen,” sagt Frey. Probleme lösen, dafür wurden sie ausgebildet. „Sie tauchen zwar gerne tief in technische Themen ein, sind davon auch fasziniert. Aber sich jahrelang in der Theorie wissenschaftlich mit einer Aufgabe zu beschäftigen, das ist nicht unbedingt ihre Welt.” Das weiß Frey, weil er heute als Leiter des Human Resources Marketing & Recruiting bei MAN Bus & Truck in München ganz häufig mit dieser Zielgruppe zu tun hat. Bei ihm war es anders.

Der 44-Jährige träumte schon als Jugendlicher von den zwei Buchstaben Dr. vor seinem Namen. Zunächst studierte er Forstwirtschaft in Freiburg und München und studierte und promovierte in Maschinenbau in Stuttgart nach seiner ersten Industrietätigkeit. „Es ging um ein globales Energiethema, das mich ebenfalls von Kindesbeinen an faszinierte.” Im Auftrag von UNIDO, Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung, GTZ, Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, und der Europäischen Union, EU, leitete er unterschiedliche Projekte in Entwicklungsländern.

Nach vier Jahren reichte er seine Doktorarbeit an der Fakultät für Maschinenbau ein. „Dazwischen lag eine sehr entbehrungsreiche Zeit, in der ich intensiv beschäftigt war und für die ich ein schier unglaubliches Durchhaltevermögen aufbringen musste.” Knapp sieben Jahre sind inzwischen vergangen. Ob die Promotion seiner Karriere gedient hat, kann Frey nicht einmal sagen.

Wenn er die Seite des Tisches wechselt und in die Rolle von Bewerbern bei MAN schlüpft, dann stellt er zwar nicht grundsätzlich, aber tendenziell fest: „Kandidaten mit Doktortitel steigen in eine höherwertigere Tätigkeit ein als Bewerber mit anderen Abschlüssen, und sie bekommen rund 1000 Euro mehr Gehalt im Monat - allerdings nur dann, wenn ihr Promotionsthema starken praktischen Bezug hatte.” Bei der Karriere sei die Sachlage sehr individuell. „Vergleicht man zwei Kommilitonen, von denen der eine promoviert hat und der andere gleich in eine Firma ging, kann dieser innerhalb von vier Jahren schon zum Abteilungsleiter aufgestiegen sein.” Der Doktor beginnt dann quasi bei null.

Dennoch: die Anzahl der Promotionen in Deutschland nimmt zu. Das liegt ganz einfach an der jährlich steigenden Studentenzahl. Und mit den Absolventen erhöht sich die Anzahl der potenziellen Doktoranden. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurden im Jahr 2000 rund 8800 Promotionen abgeschlossen. Fünf Jahre später waren es schon dreimal so viele. Seitdem liegt die Anzahl der frischen Doktoren jährlich bei etwa 25 000. Prozentual auf die Anzahl der Absolventen bezogen liegen Gesundheitsberufe und Naturwissenschaftler wie Chemiker und Biologen ganz vorn. „Das liegt in der Tradition des Fachs”, sagt Dr. Patricia Schneider. Sie ist Geschäftsführerin von Thesis e. V., einem interdisziplinären Netzwerk für Promovierende und Promovierte, in dem die Doktoren angehenden Doktoren mit Rat und Tat zur Seite stehen.

„Bei allen, die eine Karriere in der Wissenschaft anstreben, wird eine Promotion grundsätzlich erwartet. Zudem in einigen Disziplinen wie beispielsweise der Medizin.” Schneider hat in Volkswirtschaftslehre und internationale Beziehungen promoviert. Das Netzwerk hat etwa 700 Mitglieder. „Obwohl ich viel mit angehenden und fertigen Doktoren zu tun habe, kann ich nicht sagen, ob der Titel eine Karriere fördert.” Er lasse eine Kompetenzvermutung zu, schaffe ein höheres soziales Ansehen, und man hebe sich von Bewerbern ohne die beiden Buchstaben ab. Mitunter stehen sie der Karriere allerdings im Wege, schon durch das spätere Berufseinstiegsalter. Aber auch andere Faktoren können eine Rolle spielen: „Angenommen, der Chef ist kein Doktor, dann fällt es manchem schwer, einen Mitarbeiter einzustellen, der allein schon durch die Reputation seines Doktortitels höher qualifiziert ist als er selbst.”

Dr. Sörge Drosten belegte bereits im dritten Semester seines BWL-Studiums parallel einen Promotionsstudiengang in Psychologie, Soziologie und Betriebswirtschaftslehre. Kurze Zeit nach dem Diplom wurde ihm der Doktortitel verliehen. Heute ist der 44-jährige Geschäftsführer der Managementberatung Kienbaum Executive Consultants International. Was ihm der Dr. gebracht hat? „Persönlich sehr viel Spaß mit einem Thema, das mir am Herzen lag.” Es ging um eine praktische Arbeit, nämlich die Integration von Organisations- und Personalentwicklung in einem lernenden Unternehmen. Für die Karriere und das Gehalt spielt der Titel nach Meinung von Drosten zunächst keine Rolle. Im Gegenteil: „Ein guter Absolvent kann in den ersten vier Jahren nach Beendigung des Studiums viel Geld verdienen. Da muss ein Doktor schon einen guten Vertrag bekommen, um das aufzuholen.” Den Break-Even schätzt er auf acht bis zehn Jahre, dann ist erst einmal der finanzielle Gleichstand hergestellt - der Kommilitone ohne Doktor-Zusatz eventuell aber schon weit auf der Karriereleiter nach oben geklettert. „Der Doktor ist kein Garant für Geld und Karriere, aber auch kein Hinderungsgrund.” High-Potentials, die in guten Trainee-Programmen individuell gefördert würden, oder beispielsweise Ingenieure mit einem MBA an einer renommierten Schule würden mit Doktoranden in beiden Punkten auf Augenhöhe liegen.

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