Cassie (Carey Mulligan) widmet sich einer gefährlichen Mission. Foto: Focus Features//erie Weismiller Wallace

Mit Tricks und Verwandlungskunst möchte eine junge Frau den Suizid ihrer Freundin sühnen in Emerald Fennells oscarprämiertem Metoo-Thriller „Promising young Woman“.

Stuttgart - Zu toxischer Männlichkeit gehört oft der Glaube, die Welt wäre ein Selbstbedienungsladen, in dem die Starken sich nehmen können, was sie wollen. Häufig betrachten derart wahrnehmungsgestörte Männer Frauen als eine Art Freiwild und deren Missbrauch als sogenanntes Kavaliersdelikt. In ihrem Thriller „Promising young Woman“ schickt die Regisseurin und Autorin Emerald Fennell einer nach diesem Muster gestrickten Gruppe junger Machos einen strafenden Engel in Gestalt von Carey Mulligan – und entlarvt mit mörderischer Wucht gesellschaftliche Mechanismen, die toxische Männlichkeit begünstigen.

 

Cassie ist eine seltsame junge Frau. Sie arbeitet gelangweilt in einem Café, anstatt zu studieren. Abends geht sie aufreizend kostümiert aus und lockt gezielt Männer an, um ihnen eine Lektion zu erteilen. Als Verwandlungskünstlerin rächt Cassie ihre Freundin Nina, die sich das Leben genommen hat, und wie in der ähnlich gelagerten Highschool-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ ahnt man zunächst nur, was für ein Ereignis Nina in den Suizid trieb.

Solidarität unter Frauen? Fehlanzeige

An der medizinischen Fakultät, an der sie studierten, konfrontiert und brüskiert Cassie trickreich die Dekanin (Connie Britton), die in Ninas Fall „mangelnde Beweise“ anführte, weil einflussreiche Familien involviert waren. Solidarität unter Frauen? Fehlanzeige. Das stellt Cassie auch fest, als sie der früheren Mitschülerin Madison (Alison Brie) begegnet. Die führt ein bürgerliches Normleben, will bloß nicht anecken. Auch sie bekommt ihre Lektion. Nur der Anwalt (Alfred Molina), der Nina unter Druck setzte, ihre Anklage fallenzulassen, zeigt Einsicht und Reue. Dann läuft Cassie der Ex-Kommilitone Ryan (Bo Burnham) über den Weg, der anders zu sein scheint: einfühlsam, zuvorkommend, humorvoll. Er umwirbt sie, und als Cassie gerade bereit ist, ins Leben zurückzukehren, macht sie eine furchtbare Entdeckung.

Carey Mulligan ist überwältigend in der schwierigen Hauptrolle. Sie kostet die psychopathische Anlage ihrer Figur lustvoll aus, ihre Cassie täuscht und trickst mit doppelbödiger Formulierungskunst und einem spöttisch lächelnden Pokerface, aus dem Mitleid und Verachtung sprechen. Mulligan war bei den Oscars zu Recht als beste Darstellerin nominiert, das Werk selbst als bester Film, Fennell für die Regie. Bekommen hat die Regisseurin die Trophäe fürs beste Originaldrehbuch, das vor perfiden Wendungen und pointierten Dialogen nur so strotzt. Sie hat es kunstvoll inszeniert. Die Gefahr, der Cassie sich aussetzt, ist permanent spürbar, die Kulisse virtuos mit bonbonfarbener Klischeesymbolik von Weiblichkeit tapeziert: Puppenstuben-Anspielungen, leichte Kleidchen, Bordellromantik und Barbie-Ästhetik begleiten Cassie auf ihrer Mission wie auch die verbildlichte männliche Sehnsucht nach der Heiligen, die zugleich Hure ist. Mulligan bewegt sich mit ironischer Nonchalance in der artifiziellen Kulisse.

Schweigende Zuschauer machen sich zu Mittätern

Fennell zeigt alle Spielarten toxischer Männlichkeit, auch die vermeintlich harmlosen: Sie fokussiert nicht nur auf die Drahtzieher, denen jeder menschliche Respekt abgeht, sondern auch auf Mitläufer und schweigende Zuschauer, die die Übeltäter letztlich decken. Zu sehen sind auch schmerzfreie betuchte Eltern, die ihre Söhne mit einem Heer von Anwälten abschirmen, wenn ihre Missetaten doch einmal ans Licht kommen.

Jeder Einzelne hat eine Verantwortung, Missbrauch zu verhindern, anzuprangern, offenzulegen, stillschweigende Duldung ist Mittäterschaft – das vermittelt „Promising young Woman“ sehr deutlich. In den USA gab es Anfang 2021 allen Ernstes eine Diskussion darüber, ob Carey Mulligan für die Rolle „hot“ („heiß“) genug sei, ob nicht die Co-Produzentin Margot Robbie („Bombshell“) geeigneter gewesen wäre. Dass so eine Frage 2021 überhaupt noch gestellt wird, und das ausgerechnet bei diesem Film, offenbart, wie tief das Problem sitzt.

Promising young Woman. USA/GB 2020. Regie: Emerald Fennell. Mit Carey Mulligan, Bo Burnham. 113 Minuten. Ab 16 Jahren.

Die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin

Emerald Fennell
Geboren 1985 in London, machte sie als Studentin in Oxford in Theateraufführungen auf sich aufmerksam.  In der Serie „Killing Eve“ (2019) fungierte sie als Autorin und Produzentin, in der Serie „The Crown“ (2019–2020) spielte sie Camilla Parker-Bowles, die zweite Frau des britischen Thronfolgers Prince Charles.

Carey Mulligan
1985 geboren in London als Tochter eines Hotelmanagers, verbrachte sie einen Teil ihrer Kindheit in Düsseldorf. Gegen den Willen ihrer Eltern folgte sie ihrem Drang, Schauspielerin zu werden, und debütierte 2005 in einer Nebenrolle in Joe Wrights Filmadaption des Jane-Austen-Romans „Stolz und Vorurteil“. 2009 wurde sie für einen Oscar nominiert für ihre Hauptrolle in Lone Scherfigs Drama „An Education“. 2011 war sie in Nicolas Winding Refns Drama „Drive“ neben Ryan Gosling zu sehen und in Steve McQueens Sexsucht-Drama „Shame“ neben Michael Fassbender, 2013 in Baz Luhrmanns „The Great Gatsby“ neben Leonardo DiCaprio. 2021 erhielt sie eine Oscar-Nominierung für „Promising young Woman“.