Thomas Bopp, der Verbandsvorsitzende der Region Stuttgart, hofft, dass mit Alexander Lahl als neuem Regionaldirektor Ruhe in der Geschäftsstelle einkehrt – schließlich gibt es mit der IBA ’27 und dem Druck, neue Gewerbeflächen auszuweisen, in der Region jede Menge zu tun.
Stuttgart - Ein ereignisreiches, nicht immer erfolgreiches Jahr liegt hinter dem Verband Region. Dass die Pläne für den Gewerbestandort Hungerberg scheiterten, das Land beim Förderprogramm zur Künstlichen Intelligenz nicht berücksichtigt wurde und dass es bei der IBA-Gesellschaft finanzielle Engpässe gab, haben die Regionalversammlung und ihren Verbandsvorsitzenden Thomas Bopp auf Trab gehalten – dennoch fällt seine Bilanz positiv aus.
Herr Bopp, die Regionalversammlung hat Alexander Lahl zum Regionaldirektor gewählt. Was erwarten Sie von ihm?
Ich habe ihn schon im ersten Gespräch als sehr aufgeschlossenen, interessierten Menschen kennengelernt. Ich bin mir sicher, dass er einen guten Geist in die Geschäftsstelle bringen wird und dass nicht nur wir beide, sondern alle unsere wirklich qualifizierten Mitarbeiter mit ihm zusammen ein gutes Team bilden werden. Sie werden ihn mit offenen Armen empfangen.
Ihr Verhältnis zu Lahls Vorgängerin Nicola Schelling galt als zerrüttet. Zudem gibt es den Vorwurf, Sie hätten der Regionaldirektorin kaum Spielraum für eigene Ideen gegeben. Haben Sie sich da etwas vorzuwerfen?
Nein, mit Sicherheit nicht. Die Aufgabenfülle und -breite des Verbands ist so groß, dass da wirklich jeder seinen Spielraum hat, um Ideen und Impulse einzubringen.
Was wollen Sie künftig anders machen?
Wir werden uns hoffentlich sehr rasch wieder nur noch auf unsere spannenden Themen und unsere Inhalte konzentrieren können und nicht weiter im Kleinklein von Verfahrensabläufen verheddern. Ich glaube, dass in der Geschäftsstelle jetzt wieder gegenseitiges Vertrauen und Respekt einziehen werden. Das wird der Region guttun.
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In der Tat gibt es viele spannende Themen für Sie – aber auch Baustellen. Einen Rückschlag musste die Region bei der Ausweisung von Vorhaltestandorten für Hochtechnologie-Gewerbegebiete etwa am Hungerberg in Dettingen hinnehmen. Stoßen Sie da an Grenzen?
Wir respektieren die Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger. Aber wir bedauern sie auch. Die Ausgangssituation ist doch, dass Planungsprozesse sehr zäh sind und viel zu lang dauern. Unser Chefwirtschaftsförderer Walter Rogg mahnt schon seit Längerem an, dass wir keine größeren zusammenhängenden Flächen mehr haben, die wir Unternehmen, die zeitnah bauen wollen, anbieten können. Deshalb wollen wir als Regionalversammlung in Vorleistung gehen, die Standorte mit regionalem Geld vorfinanzieren, die notwendigen Regionalplan-, Flächennutzungsplan- und Bebauungsplanänderungen zusammen mit den Kommunen organisieren und beim Grunderwerb und der Erschließung helfen. Dann wären wir gewappnet.
Aber warum spielen Ihrer Meinung nach die Menschen vor Ort oft nicht mit?
Wir haben gelernt, dass das schwierig ist, den Bürgerinnen und Bürgern solche Vorhaben zu vermitteln, wenn sie nicht wissen, was dann wirklich dahin kommt. Dann ist die – absolut unberechtigte – Angst, dass dort doch keine Hochtechnologie, sondern ein riesiges Logistikzentrum angesiedelt wird, zu groß. Andererseits können wir auch Ross und Reiter nicht immer gleich nennen, weil die interessierten Firmen zunächst einmal selbst prüfen müssen, welcher Standort für sie der beste ist. Erst wenn firmenintern eine Entscheidung getroffen wurde, können wir die auch kommunizieren. Das ist jetzt bei Cellcentric, die eine der größten Brennstoffzellenproduktionsstätten Europas in Weilheim bauen wollen, geschehen.
Wie wollen Sie dann die Menschen überzeugen?
Ich halte das Konzept des Vorhaltestandorts nach wie vor für richtig – und wir werden daran festhalten. Wir werden aber in Zukunft alles daransetzen, die Bürger früher zu beteiligen. Auch da ist Weilheim ein gutes Beispiel: Da hat die Gemeinde sehr früh die Bürger informiert und zusätzlich eine Bürgerwerkstatt mit 25 ausgelosten Zufallsbürgern organisiert, die alle wichtigen und kritischen Fragen klären und sich so sehr viel Expertenwissen aneignen konnten. Das scheint sehr gut zu funktionieren. Aus unserer Sicht könnten in solchen Bürgerforen nicht nur Menschen aus der direkt betroffenen Gemeinde, sondern auch aus einem größeren Einzugsbereich sitzen, die unsere prekäre Situation erkennen, dass wir nun einmal Gewerbeflächen benötigen. Die Bürgerforen werden zwar nicht dazu führen, dass es keine Bürgerentscheide mehr gibt. Aber sie werden dafür sorgen, Fragen im Vorfeld zu klären, Ängste zu nehmen, Transparenz in das Verfahren zu bringen und so für mehr Verständnis sorgen. Dann gehen die Bürgerentscheide vielleicht auch positiv aus.
Warum sind solche Gewerbegebiete gerade in der Region Stuttgart wichtig?
Die Region Stuttgart ist nicht nur als Wirtschaftsstandort von großer Bedeutung. Er ist auch nach wie vor einer der größten Industriestandorte in Europa, die noch übrig sind. Wir haben mit knapp einem Drittel einen viel höheren Anteil der Mitarbeiter am produzierenden Gewerbe als in anderen größeren Stadträumen in Deutschland. Ich rede da noch nicht einmal von Berlin. Da gibt es historisch bedingt ganz wenig produzierendes Gewerbe. Aber auch Hamburg, München und Frankfurt haben deutlich weniger Produktionsstätten als wir. Wir wollen und müssen, wollen wir weiter erfolgreich sein, weiter Industriestandort bleiben. Da hoffe ich auf das Einsehen bei der Bevölkerung, dass dafür auch Flächen nötig sind.
Früher gab es seitens der Verbands Region Stuttgart immer wieder Bemühungen in Richtung Landesregierung, von dieser zusätzliche Aufgabengebiete zu bekommen. Hat sich das total erledigt?
Die gesellschaftlichen Gruppen – egal nun ob IHK, die Handwerkskammer, die Immobilienbranche oder die Kirchen – wünschen sich eine stärkere Region, und ich mir natürlich auch. Aber ich glaube nicht, dass es Sinn hat, kurz- und mittelfristig ständig nach neuen Kompetenzen zu rufen. Dafür ist das Verständnis im Landtag nicht da. Deshalb habe ich schon bei meiner Wiederwahl gesagt, dass ich mich nicht damit verschleißen werde, neue Kompetenzen zu fordern. Sondern ich werde mich darum bemühen, dass wir über unsere gesetzlichen Ausgaben hinaus versuchen, uns wichtige regionalpolitische freiwillige Aufgaben einfach zu nehmen. Das können wir mit einer Zweidrittelmehrheit in der Regionalversammlung beschließen. Und da sind wir sehr erfolgreich.
Können Sie Beispiele nennen?
Es steht in keinem Gesetz, das wir eine interkommunale Gartenschau im Remstal machen sollten. Es steht nirgends, dass wir eine Genossenschaft gründen sollen für einen KI-Park, es steht auch nicht drin, dass wir eine Gigabitregion ins Leben rufen oder dass wir in die Mitfinanzierung eines Vorhaltestandorts für Industrieansiedlungen einsteigen wollen. Es steht auch nirgends, dass wir gemeinsam mit der Landeshauptstadt, den Universitäten und der Architektenkammer eine Internationale Bauausstellung, die IBA ’27, machen. Wir werden das aber weiter tun, weil das viel erfolgversprechender ist, als wenn ich ständig nach mehr und neuen Kompetenzen rufe.
Voran geht es mit der IBA – allerdings auch dort nur, weil die Stadt Stuttgart und der VRS als Gesellschafter ihren Anteil noch einmal um 50 Prozent erhöht haben. Aber selbst das wird nicht für Projekte ausreichen. Wo soll denn das restliche Geld herkommen?
Zunächst ist zu loben, dass sowohl die Region als auch die Landeshauptstadt bis 2027 jährlich jeweils 400 000 Euro zusätzlich als Gesellschafterbeitrag zur Grundfinanzierung beisteuern. Das sichert die Grundausstattung der GmbH mit rund 20 Mitarbeitern, die die IBA pushen, die die Wettbewerbe ausloben, die die Verhandlungen mit den Interessenten führen und Förderanträge stellen. Wir haben jetzt 150 Anträge, 90 Projekte im Netz und bereits 16 Projekte beschlossen, die bis 2027 realisiert werden sollen. Am Ende werden es mit Sicherheit 20 oder 25 Projekte werden. Man muss also klar unterscheiden zwischen dem Geld, dass die IBA-Gesellschaft braucht, um alles zu organisieren, und den Projekten selber.
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Was bedeutet das konkret?
Ich habe überhaupt keine Zweifel, dass für die Projekte selbst die Projektträger aufkommen werden, also die Städte und Kommunen. Aber es werden da auch massiv Fördergelder reinfließen. Ich erinnere da nur an die Remstalgartenschau. Das Land hat drei Millionen, der VRS zwei Millionen beigesteuert, um das Ereignis überhaupt erst zu ermöglichen. Insgesamt sind für Projekte der Landesgartenschau aber dann 90 Millionen Euro Fördergeld ins Remstal geflossen. So wird das bei der IBA auch sein – dabei ist das ein Milliardenprojekt. Wenn Sie allein die Summen zusammenzählen, die in den 16 beschlossenen Projekten verbaut werden, ist das gigantisch. Da wird die Milliarde am Ende nicht reichen, wenn man alles zusammenzählt.
Es gab auch andere wichtige Weichenstellungen. Den Zuschlag des Landes, ein Zentrum für Künstliche Intelligenz aufzubauen, hat nicht die Region Stuttgart, sondern die Region Heilbronn erhalten. Können Sie das nachvollziehen?
Wir respektieren die Entscheidung der Jury, aber wir hatten ein vollkommen anderes Konzept, dass das Land wohl überrascht hat. Wir wollen als Region zusammen mit der Region Karlsruhe und der Region Neckar-Alb gemeinsam die Kompetenzen der Firmen und Forschungseinrichtungen bündeln, die es bei uns ja schon gibt. Analog zum Silicon Valley soll bei uns eine KI-Alley entstehen, die über Karlsruhe, Pforzheim, Renningen, Stuttgart, die dortige Universität, Ehningen bis nach Reutlingen und Tübingen führt. Wir haben jetzt eine Genossenschaft gegründet und mit den Partnern beschlossen, das weiterzuführen. Wir halten das für zielführender. Ich formuliere es mal salopp: Um in der Künstlichen Intelligenz erfolgreich zu sein, braucht man zunächst sehr viele Leute mit natürlicher Intelligenz und mit wissenschaftlichem Know-how. Wir sind ein Standort, an dem es vor lauter innovativen Menschen nur so brummt. KI ist unverzichtbar und eine logische Voraussetzung für die Transformation, die uns bevorsteht.
Das Gespräch führten Kai Holoch und Achim Wörner.
Seit 2007 an der Spitze des Regionalverbands
Thomas Bopp (69) hat an der Freien Waldorfschule Kräherwald sein Abitur gemacht und in Stuttgart und München Architektur studiert. Er ist Mitinhaber des Architekturbüros Bopp Herrmann Architekten. Von 2008 bis 2011 gehörte er dem Landtag an. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart. Dreimal wurde er in seinem Amt bestätigt. Bopp ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist stolzer Großvater.