Carlos Dourado hat im Moustache keine Pappbecher. An einem stadtweiten System würde er sich beteiligen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Andere Städte sind gescheitert, Stuttgart will es besser machen. Es gibt auch schon eine Idee, wie man es schaffen könnte, dass die Kunden ihre Becher auch wirklich benutzen.

Stuttgart - Im Heusteigviertel denken viele schon umweltbewusst: In der Bäckerei von Hilde Weible bringen die meisten Kunden, die sich einen „Coffee-to-Go“ holen, ihren eigenen Becher mit. In den vergangenen zwei Jahren sei die Zahl der Pappbecher, die sie täglich rausgebe, stark zurückgegangen, sagt Weible. In dem neuen Café „Moustache“ gibt es nicht einmal welche. „Pappbecher, das passt eigentlich gar nicht zu unserem Konzept“, sagt der 36-jährige Mitbetreiber Carlos Dourado. Nachhaltigkeit ist ihm wichtig. „Wir würden uns auf jeden Fall bei einem stadtweiten Konzept beteiligen“, sagt er.

Die großen Ketten rund um den Bahnhof geben täglich tausende Pappbecher aus

Anders sieht es dagegen rund um den Hauptbahnhof bei den großen Ketten oder an der Königstraße aus. Dort holt sich jeder schnell auf dem Weg von einem zum anderen Termin sein Heißgetränk, der Pappbecher ist da die erste Wahl. Er ist halt praktisch. Etwa 80 000 Pappbecher wandern nach Einschätzung der städtischen Wirtschaftsförderung täglich in den Müll. Deutschlandweit, so schätzt man, sind es etwa 300 000 pro Stunde. Die Stadt Stuttgart arbeitet seit etwa einem Jahr an einem nachhaltigen Pfandsystem, um der Vermüllung zu reduzieren.

Mit einem Runden Tisch, an dem sich Gastronomen, Start-ups, Bäckereien, Vertreter von Stadt und Politik, aber eben auch Studenten der Dualen Hochschule und der Hochschule der Medien beteiligt haben, ist man 2017 in den Prozess eingestiegen. Der Gemeinderat hat den Vorstoß, ein Mehrwegbechersystem für ganz Stuttgart einzuführen, nun kürzlich befürwortet.

Doch wie soll das genau aussehen? Freiburg, München, Tübingen – viele Städte versuchen seit mehreren Jahren mit unterschiedlichen Konzepten gegen die Becherflut anzugehen. In 70 Städten hat man sich umgehört. Welche Schwächen haben andere Systeme? Das Ergebnis: So richtig funktionieren die Mehrwegsysteme nirgends.

Der Anspruch ist groß: Man will all das besser machen, woran andere gescheitert sind

Der Anspruch ist deshalb kein geringerer als das, woran andere Städte scheitern, besser zu machen. „Wir wollen zum Beispiel keine Becher für den Schrank produzieren“, sagt Torsten von Appen von der städtischen Wirtschaftsförderung, „sondern ein nachhaltiges Kreislaufsystem etablieren.“ Die größte Schwäche vieler Mehrwegkonzepte ist, dass Kunden die Becher kaufen, sie einmal auffüllen lassen und sie dann selbst spülen müssen. Bei vielen gerät der Becher dann daheim in Vergessenheit, den meisten ist es zu lästig, den schmutzigen Becher durch die Gegend zu tragen. In Stuttgart sollen die Kunden daher die Pfandbecher bei einem Bäcker ausgehändigt und nach dem Austrinken fünf bis zehn Minuten später irgendwo loswerden können. „Das ist eine Herausforderung, aber wir wissen, dass es Firmen gibt, die das machen“, sagt von Appen.

Für die Umsetzung des Mehrwegsystems sucht die Stadt nun in einem zweistufigen Verfahren nach einem Dienstleister, der das komplette Kreislaufsystem unterhält – das reicht vom Kauf der Becher über die Verteilung an die Teilnehmer und eben auch das Spülen. Der Pool der Teilnehmer soll natürlich aus möglichst vielen Bäckereien und Gastronomen in der Stadt bestehen, um natürlich ein möglichst engmaschiges Netz zu bekommen. In einer ersten Auslobung will man Ideen von Start-Ups sammeln und von einer etwa 30-köpfigen Jury bewerten lassen; daraus sollen die besten Ideen genommen werden. Dann erfolgt eine erneute, gezielte Ausschreibung. In den ersten Jahren würde die Stadt den potenziellen Betreiber mit einer Anschubfinanzierung unterstützen.

Betroffene werden einbezogen

Voraussichtlich bis Oktober 2018 soll die Auslobungs- und Findungsphase laufen, das System soll voraussichtlich in 2019 starten. Bei den Ketten wie zum Beispiel Yormas oder Mc Donalds hat die Stadt bereits angefragt, ob sie sich an der Jury und später an dem System beteiligen würden. „Die Betroffenen zu involvieren, das wurde in keiner Stadt so gemacht“, sagt von Appen. Das komme gut an.

Hilde Weible ist etwas skeptisch, appelliert eher an die Eigenverantwortung der Kunden. „Jeder muss doch überlegen, was für die Umwelt gut ist.“ Beteiligen würde sie sich aber schon.

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