Die Studentin Anja Schneider (links) arbeitet am Koenigin-Katharina-Stift als Lernbegleiterin für das Projekt „Bridge the gap“. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Über 400 Lehramtsstudenten haben an 280 Schulen in Baden-Württemberg Schüler dabei unterstützt, coronabedingte Lernlücken aufzuarbeiten. Wie funktioniert das? Ein Besuch am Königin-Katharina-Stift in Stuttgart.

Stuttgart - Mika will wissen, wie man ein Interview schreibt. Juri kann helfen. „Das steht auf dem Aufgabenblatt“, sagt der Elfjährige und wendet sich dann wieder Anja Schneider zu. Gemeinsam arbeiten sie an einem fiktiven Gespräch, das ein Zeitungsredakteur mit dem Vater des gekidnappten Oskar aus dem Buch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ führt. Die anderen 28 Kinder der Klasse 5a am Königin-Katharina-Stift arbeiten für sich oder in Zweierteams. Juri bekommt Unterstützung von Anja Schneider, die im vierten Mastersemester in Stuttgart Französisch und Deutsch auf Lehramt studiert.

 

Die 25-Jährige ist eine von 440 Studenten, die seit den Pfingstferien an etwa 280 Schulen im Rahmen des Projekts „Bridge the gap“ (überbrücke die Lücke) Schülern dabei helfen sollen, coronabedingte Lernrückstände aufzuholen. Schneider hat sich gemeldet, „weil es eine gute Sache ist“ und der Lehrerin in spe die Arbeit mit Kindern Spaß macht. „Wir können jede Unterstützung gebrauchen“, sagt Kathrin von Vacano-Grohmann, die Schulleiterin des Gymnasiums mit den 600 Schülern in der Stuttgarter Innenstadt.

Die Studentin packt dort mit an, wo es gerade Bedarf gibt

Zwei Studenten sind nun jede Woche je vier Zeitstunden an der Schule und packen mit an. Anja Schneider gibt an einem Nachmittag zwei Kindern Nachhilfe in Deutsch und Französisch. Einer davon ist Juri aus der 5a, der erst vor vier Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gezogen ist und beim Schreiben in Deutsch noch überlegen muss: Groß oder klein? Mit ie oder einfachem i? Und wie war das noch mit der höflichen Anrede? Die restliche Zeit verbringt sie in den Klassen und packt da mit an, wo der Lehrer Bedarf sieht. Mal arbeitet sie mit einer Kleingruppe von Kindern mit großem Nachholbedarf an eigenen Aufgaben, mal unterstützt sie einzelne, mal soll die ganze Klasse gruppenweise bei ihr zeigen, dass die Französischaussprache sitzt.

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Das Interview ist fertig, Anja Schneider muss weiter: Matthias Kentischer und die 6a warten schon auf sie. Französisch steht auf dem Plan, und bei seinen Schülern, sagt Kentischer, sei das Sprechen der Fremdsprache zu kurz gekommen. Er zeigt Anja Schneider den französischen Text, den sie die Kinder vorlesen lassen soll, und eine Liste mit Vokabeln, die sie konjugieren sollen: „regarder“, „travailler“, „écouter“ stehen auf dem Plan. Immer fünf Schüler der 6a kommen zu Schneider an die Lerninsel im Treppenhaus, die anderen arbeiten mit Kentischer im Klassenzimmer weiter.

Eltern kritisieren die Förderung als Tropfen auf dem heißen Stein

Die Evaluation des Pilotprojekts steht noch aus. Das Kultusministerium erhofft sich davon Kenntnisse für die anderen Förderprogramme – die Lernbrücken in den Sommerferien, die 81 Sommerschulen, und das Projekt Rückenwind, das nach den Ferien an den Schulen ausgerollt werden soll. Der Landeselternbeirat kritisiert „Bridge the gap“ als Tropfen auf dem heißen Stein und die Lernbrücken als verfehlt, weil sie in den Ferien stattfinden und freiwillig sind: Die, die es wirklich nötig haben, werden damit nicht erreicht, so die Befürchtung. Sie fordern in Union mit der SPD und den Gewerkschaften mehr Personal – ein bis zwei Lernassistenten je Schule.

Kathrin von Vacano-Grohmann reicht das nicht. „Wir brauchen mehr Schulsozialarbeiter vor Ort, auch an den Gymnasien“, sagt die Schulleiterin. Aktuell soll eine 50-Prozent-Stelle genügen, und selbst die ist zurzeit nur zur Hälfte besetzt. „Wir hatten schon vor Corona immer mehr Jugendliche, die psychische oder soziale Unterstützung brauchen.“ Die Pandemie habe diese Entwicklung noch verschärft. In fast jeder Klasse, schätzt sie, sitzen zwei Kinder, die Ängste haben, unter Essstörungen litten oder sich ritzten. In der Mittelstufe seien es noch mehr. „Da helfen uns die Lernassistenten nicht“, sagt sie.

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Im Unterricht aber sehr wohl. Die Rektorin hofft, dass die Lernlücken vom Land systematisch erfasst werden, am besten über einen Computertest, der das Ergebnis gleich ausspuckt – „nicht dass wieder jeder für sich was entwickelt“, wie so oft in den vergangenen anderthalb Jahren. Das System der Lernassistenten gefällt ihr, weil es unterrichtsbegleitend ist, auch wenn damit reichlich Bürokratie verbunden ist. Sie muss polizeiliche Führungszeugnisse einholen, kontrollieren ob die Assistenten geimpft sind, Verträge abschließen, Abrechnungen machen. Nur über Förderstunden könnten die Lücken nicht geschlossen werden: Schließlich hätten die Kinder auch ohne schon so viel Stunden. „Im Grunde“, sagt Kathrin von Vacano-Grohmann, „braucht jede Klasse einen eigenen Lernassistenten.“