Die Korntal-Münchinger Thomas Scharr und Carsten Heimann lieben die Natur – und vor allem Vögel. Ihr Projekt soll andere mit ihrer Freude anstecken.
Der Frosch lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Regungslos sitzt er im Teich auf einem Blatt. Weder Betrachter scheinen ihn zu stören noch der Straßenlärm. Der recht laut sein kann in der Motorstraße im Industriegebiet in Stuttgart-Weilimdorf. Wo Autos fahren, Motorräder knattern, Lastwagen rumpeln. Und wo Thomas Scharr und Carsten Heimann aus Korntal und Münchingen nicht nur arbeiten, sondern auch grüne Oasen gestalten, Lebensräume für Tiere. Ein solches Habitat haben sie an ihrem Arbeitsplatz in der Motorstraße errichtet.
Thomas Scharr hat die Initiative „Vogelfreundlicher Lebensraum“ gegründet, Carsten Heimann unterstützt ihn bei der Realisierung. „Das Projekt soll all diejenigen stärken und motivieren, die naturnahe Bereiche schaffen und zum Erhalt unserer Gartenvögel beitragen“, sagt Thomas Scharr.
Projekt von Bayern nach Baden-Württemberg geholt
Alles begann im Frühjahr in München. In der bayerischen Landeshauptstadt hat der 61-Jährige ein Schild mit der Aufschrift „Vogelfreundlicher Garten“ entdeckt. Laut Scharr setzt Bayern die Initiative in dieser Form schon sehr erfolgreich um: 5000 Gärten seien bereits prämiert worden. Ihm, dem Flora und Fauna, Natur- und Umweltschutz seit jeher am Herzen liegen, der Vogelführungen anbietet, gefiel das Ansinnen so gut, dass er beschloss, es nach Baden-Württemberg zu holen. Diese „geniale“ Idee müsse beschleunigt werden, stand für Thomas Scharr fest.
Er fackelte nicht lange. Er nahm Kontakt mit dem Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern auf, mit örtlichen Verbänden, entwarf eine Plakette – 50 Stück hat er fürs Erste produziert – und holte sich Carsten Heimann an die Seite, Experte für ökologischen Garten- und Landschaftsbau. Rund 2500 Euro hat er investiert – und ganz viel Zeit. „Unser Idealismus, unsere Liebe zur und Freude an der Natur treiben uns an“, sagt Thomas Scharr und lacht.
„Akzeptanz für etwas mehr Wildnis erhöhen“
Gemeinsam haben die Männer mittlerweile gut zehn Gärten ausgezeichnet, die naturnah und besonders vogelfreundlich gestaltet sind. Die für die Gartenbesitzer kostenlose Plakette sei eine Wertschätzung und ein Dankeschön. „Wir wollen die Leute bestärken, die schon aktiv sind“, sagt Thomas Scharr. Er stelle fest, wie froh manche Menschen darüber seien, dass sie nun auch nach außen vermitteln können, warum ihr Garten so unaufgeräumt ist – was Vögel mögen. „Mit der Plakette möchten wir ein Umdenken in Gang setzen und die Akzeptanz für etwas mehr Wildnis vor der eigenen Haustür erhöhen“, sagt Thomas Scharr: Wer das Schild bei anderen sieht, wird vielleicht ermutigt und angeregt, auch im eigenen Garten etwas für die Artenvielfalt zu tun. „Das Schild wirkt, das Thema kommt langsam ins Bewusstsein.“ Was umso wichtiger sei angesichts der Tatsache, dass es immer weniger heimische Vögel gebe, angesichts des Artensterbens insgesamt. „Mit unseren Gartenvögeln verschwindet auch unsere Lebensqualität unwiderruflich. Wir können nicht warten, wir müssen handeln. Das ist unsere Motivation“, sagt Thomas Scharr.
Die Botschaft der Vogelfreunde lautet: Man kann immer anfangen, etwas zu tun, zur Artenvielfalt kann jeder beitragen – und mit wenig Aufwand viel erreichen. Bevor sich Vögel auf dem Balkon – hier eignen sich Balkonkästen – oder im Garten ansiedeln, braucht es Insekten. Die lockt man zum Beispiel mit Blumen an, mit einer Ecke mit Brennnesseln oder einem Haufen Totholz, sagt Carsten Heimann. Je mehr unterschiedliche Strukturen vorhanden sind, desto besser. Der 55-Jährige empfiehlt, grundsätzlich nur heimische Pflanzen zu nutzen. Die seien den hiesigen Wetterbedingungen angepasst, und auf sie seien die Insekten eingestellt. Carsten Heimanns Tipp: Um mit Pestiziden belastete Pflanzen, etwa aus Afrika, zu vermeiden, kauft man am besten in regionalen Gärtnereien oder bei Naturschutzverbänden ein. Auf Efeu und Beerensträucher fliegen Vögel ebenso wie auf Asthaufen, Laub auf dem Boden, Komposthaufen und Natursteinmauern.
Muss-, Ausschluss- und Plus-Kriterien
Wer Interesse an einer Plakette hat, der nimmt Kontakt zur Initiative auf. Carsten Heimann begeht, bewertet und prämiert die Gärten, gibt Tipps und macht unter Umständen Verbesserungsvorschläge. Die Grünbereiche müssen unterschiedliche Kriterien erfüllen, die sich am bayerischen Modell orientieren. Es gibt Muss-, Ausschluss- und Plus-Kriterien. „Naturnahe Gärten dienen als Trittsteine im Biotopverbund“, sagt Carsten Heimann. Die Vernetzung der Privatgärten entspräche einem Viertel aller Naturschutzflächen in Deutschland.
Klar, dass Thomas Scharr und Carsten Heimann mit gutem Beispiel vorangehen. „Wir reden nicht nur, wir handeln auch.“ Besagter Teich in Weilimdorf war vor mehr als 20 Jahren erst eine Müllhalde und später ein Schotterparkplatz. Tiere nähmen neue Lebensräume schnell an, sagt Thomas Scharr. Lebensraum, den Menschen Tieren durch Bebauung entziehen, müsse zurückgegeben werden – „oder aber man muss die Flächen, die man hat, wertvoller machen“, findet der 61-Jährige.
Libellen, Eisvögel, Schilfrohrsänger
Dann zeigt Thomas Scharr auf den Muschelkalk, den Eidechsen und Blindschleichen lieben, auf Haselnuss, Holunder und Pfaffenhütchen, die Vögel schätzen – die Insektenfresser sind und bedeutsam fürs Ökosystem. Wildrosen blühen außerdem, und seit mehr als 20 Jahren wächst die Linde. Im Frühjahr quaken die Frösche richtig laut, berichtet Thomas Scharr. „Sie lieben den Straßenlärm. Wenn sie Motorräder hören, geben sie ein Konzert.“ Auch Libellenarten beobachtet Thomas Scharr am Teich. „Einen Eisvogel haben wir schon hier gehabt, aktuell sehen wir Schilfrohrsänger.“
Thomas Scharr und Carsten Heimann geraten beim Anblick der grünen Oase geradezu ins Schwärmen. Sie sprechen von Lebensfreude. „Es ist toll, Natur vor der Tür zu haben“, meint Thomas Scharr. Ohnehin würden Naturerlebnisse zufriedener und glücklicher machen. „Wenn wir die Menschen im Herzen erreichen, ist die Motivation vorhanden, die ersten Schritte zu tun.“
Mehr Informationen gibt es im Netz auf: scharrbuero.de/vogelfreundlicher-lebensraum/