Dass im November nur Geisterspiele erlaubt sind, ist ein großes Problem fast aller Profi-Ligen. Foto: imago/Marcel Lorenz

Warum Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart und Handball-Erstligist TVB Stuttgart nun auch noch Corona-Unterstützung der Stadt Stuttgart beantragt haben.

Stuttgart - In der Corona-Pandemie unterscheidet sich der Sport nicht von vielen anderen Bereichen der Gesellschaft: Die Sorgen sind enorm, und sie werden im November noch einmal größer. Vereine ohne Fitness- und Gesundheitsangebote, Amateur-Mannschaften ohne Training, Spiele der Profis ohne Zuschauer: Das Virus zeigt sich als äußerst hartnäckiger Gegner. Umso schmerzhafter ist es für die Clubs aus den ersten drei Ligen (Fußball: nur dritte Liga), dass die vom Staat versprochene Hilfe weniger Linderung verschafft als erhofft – weil es Probleme mit der Rezeptur gibt. Das spüren auch drei Bundesligisten aus der Region.

200 Millionen Euro hat der Bundestag zur Verfügung gestellt, deklariert als Ausgleich für entgangene Zuschauereinnahmen zwischen April und Dezember. Mittlerweile ist klar: Die in Aussicht gestellte Hilfe hat nicht mehr viel mit fehlenden Ticketerlösen zu tun. „Ich möchte Insolvenzen verhindern“, sagt Bundesinnenminister Horst Seehofer, „durch die zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel bleibt dem deutschen Leistungssport die notwendige Basis erhalten.“

Reil: „Eine Entscheidung von Politikern, die weit weg sind“

An dieser Basis hat es Allianz MTV Stuttgart aber bisher gar nicht gefehlt. Bei dem Volleyball-Bundesligisten lief es bis zum vorzeitigen Ende der vergangenen Saison Mitte März (auch finanziell) bestens, in der folgenden Krise sorgten eine Ticket- und eine Trikot-Aktion für Zusatzeinnahmen, die Sponsoren hielten ihre Zusagen ein. Weil Grundlage für die Berechnung der staatlichen Hilfe das Geschäftsjahr 2020 ist, in dem es vermutlich kein Minus geben wird, erwartet Aurel Irion keine größere Summe aus dem Staatstopf – obwohl das erste Heimspiel der neuen Saison vor nur 500 Fans stattfand und zu den restlichen Partien womöglich gar keine Zuschauer zugelassen werden. „Das Hilfspaket war anders kommuniziert worden“, meint der Geschäftsführer des Meisters von 2019, „es ist alles nachvollziehbar, weil die zur Verfügung stehenden Mittel natürlich korrekt verteilt werden müssen. Zugleich ist es aber auch ernüchternd.“

Lesen Sie hier: So wichtig ist der KfW-Kredit für den VfB Stuttgart

Basketball-Bundesligist MHP Riesen Ludwigsburg zählt ebenfalls zu den Vereinen, die vernünftig wirtschaften. Das hat sich in der Pandemie nicht geändert. Umso mehr bedauert der Vorsitzende Alexander Reil, dass sich die Corona-Staatshilfe allein am Betriebsergebnis von 2020 orientiert: „Man hätte die tatsächlichen Gegebenheiten in der Krise betrachten müssen. Aber so kommt es eben, wenn Politiker entscheiden, die weit weg sind von den Vereinen.“

Hilfe nur bis zur schwarzen Null

Auch Handball-Bundesligist TVB Stuttgart hat viel getan, um in der Krise nicht ins Minus zu rutschen, inklusive Gehaltsverzicht der Profis und Kurzarbeit. Nun, bei der Erstellung des Antrags ans Bundesverwaltungsamt, wurde Jürgen Schweikardt klar, dass der Staat „nur bis zu einer schwarzen Null helfen“ wird. „Das gibt uns die Perspektive, dass wir alles überstehen werden“, sagt der Geschäftsführer und Trainer des Bundesligisten – und doch blieben Fragezeichen: „Keiner weiß, wie lange wir ohne Fans spielen müssen. Keiner weiß, ob uns unsere Sponsoren in Regress nehmen, weil wir Leistungen bei Heimspielen nicht erbringen konnten. Und keiner weiß, welche Hilfen wir bekommen werden und was wir davon behalten dürfen. Wo das alles hinführt, werden wir erst Mitte des Jahres 2021 sehen.“

Lesen Sie hier: Zuschauer-Verbot in der Bundesliga schlägt hohe Wellen

Beide Stuttgarter Bundesligisten haben deshalb parallel Anträge auf Gelder aus dem städtischen Hilfspaket gestellt. Das war zwar nochmals ein großer bürokratischer Aufwand, doch bezieht sich diese Unterstützung allein auf die Saison 2020/21, in der die Krise voll zuschlägt. Zugleich fordern MTV und TVB, das staatliche Hilfsprogramm nicht wie geplant im Dezember auslaufen zu lassen. „Erst 2021 werden die Probleme richtig sichtbar werden“, sagt Irion, „vielen Vereinen droht der Verlust von Sponsoren. Wenn es dann keinen Rettungsschirm gibt, befürchte ich den Rückzug einiger Volleyball-Erstligisten.“ Und auch Schweikardt meint: „Es wäre sehr wichtig, dass das Programm ins Jahr 2021 verlängert wird.“

Bisher nur ein Drittel der Fördersumme beantragt

Dies deckt sich mit den Vorstellungen von Alfons Hörmann. „Erst im nächsten Jahr werden vielfach die wirklich harten Existenzprobleme kommen“, sagt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), „dann wird ein noch deutlich größerer Bedarf an Unterstützung entstehen.“ Was die aktuellen Anträge angeht, ist Hörmann froh, dass zuletzt eine „erkennbare Dynamik“ festzustellen gewesen sei – bis zum Montag haben sich 292 Vereine um staatliche Hilfe in Höhe von 66,2 Millionen Euro beworben. Das sei eine Summe, die zeige, wie nötig der Sport Unterstützung habe. Zugleich erklärt Hörmann aber auch: „Es hat sich bestätigt, dass es die Ausführungsbestimmungen der Corona-Staatshilfe für viele Vereine sehr schwer oder gar unmöglich machen, einen korrekten Antrag zu stellen. Die Not ist jedenfalls erkennbar um ein Vielfaches größer, als es die bisher beantragten 66,2 Millionen Euro aussagen.“

Aktuelle Meldungen, wissenswerte Hintergründe und nützliche Tipps – in unserem Dossier bündeln wir alle Artikel zu Corona.