Marc Kempf ist fester Bestandteil der Abwehr des VfB Stuttgart – aber womöglich nicht mehr lange. Foto: imago//Wolfgang Zink

Marc Kempf vom VfB Stuttgart steht bei einem Bundesliga-Konkurrenten hoch im Kurs – spätestens im Sommer als ablösefreier Spieler. Auch ein sofortiger Wechsel ist Thema.

Stuttgart - Die neue Zeitrechnung in der Bundeshauptstadt, man kann es nicht anders sagen, hat mit einem klassischen Fehlstart begonnen. Nach zwei Niederlagen beim 1. FC Köln (1:3) und gegen den VfL Wolfsburg (1:2) steht Hertha BSC als einzig noch punktloser Bundesligaclub ganz am Ende der Tabelle. Und nicht nur das: Wie kleine Kinder haben die Stürmer Davie Selke und Dodi Lukebakio am Samstag um die Ausführung eines Elfmeters gestritten – und die Berliner damit gleich noch zur Lachnummer des zweiten Spieltags gemacht.

 

Keine Frage: Den Auftakt seiner Amtszeit, die zu einer glanzvollen Ära werden soll, hat sich der neue Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic ganz anders vorgestellt. Von Eintracht Frankfurt ist er nach Berlin gekommen, um der chronisch mittelmäßigen Hertha endlich zu einer dem Standort wenigstens halbwegs entsprechenden Bedeutung zu verhelfen. Keine Überraschung also, dass sich das Personalkarussell vor dem Ende der Transferperiode am 31. August nirgendwo in der Bundesliga schneller dreht als im Berliner Westend. Mittendrin: Marc Kempf vom VfB Stuttgart, der beim früheren VfB-Manager Bobic bereits zu Frankfurter Zeiten größte Wertschätzung genossen hat.

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Als weitgehend gesichert gilt nach Informationen unserer Zeitung, dass sich der 26 Jahre alte Abwehrspieler mit der Hertha schon vor geraumer Zeit auf einen ablösefreien Wechsel im nächsten Sommer verständigt hat. Dann endet sein Vertrag beim VfB – das Angebot zur vorzeitigen Verlängerung hatte Kempf im vergangenen Mai abgelehnt. Groß scheint nun bei seinem mutmaßlich künftigen Arbeitgeber das Interesse, den Wechsel bereits jetzt über die Bühne zu bringen und den robusten Innenverteidiger als Soforthilfe nach Berlin zu holen.

Bei mehr als zehn Millionen Euro liegt die festgeschriebene Ablöse in Kempfs Vertrag – eine Klausel, die allerdings bereits Ende Mai abgelaufen ist. Jetzt ist der Preis Verhandlungssache, was zweierlei bedeutet: Einerseits dürfte für die Stuttgarter so viel Geld bei nur noch einjähriger Vertragslaufzeit nicht annähernd zu verdienen sein. Andererseits hat der VfB das Heft des Handelns in der Hand und kann selbst darüber befinden, ob eine Freigabe erteilt wird oder nicht.

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Die entscheidende Frage, die Sportdirektor Sven Mislintat zu beantworten hat, lautet: Wäre ein Abschied Kempfs, fester Bestandteil der in den vergangenen Monaten immer stabiler gewordenen Abwehr-Dreierkette und zweifacher Torschütze beim Saisonauftakt gegen die SpVgg Greuther Fürth (5:1), sportlich zu kompensieren?

Unrealisierbar ist Mislintats ursprünglicher Plan geworden, im Falle eines Abschieds des früheren Kapitäns den Freiburger Nico Schlotterbeck (21) als Nachfolger zu verpflichten. Bei rund 15 Millionen Euro liegt inzwischen der Preis für den gebürtigen Waiblinger, der im Sommer die deutsche U-21-Nationalmannschaft zum EM-Titel geführt und am Wochenende den Dortmunder Wunderstürmer Erling Haaland abgemeldet hat. Daher richtet Mislintat seinen Blick nun vor allem auf den eigenen Kader.

Als Alternative zu Linksfuß Kempf stehen der Engländer Clinton Mola (20) und der Japaner Hiroki Ito (22) zur Verfügung. Mola, zu Beginn des Jahres 2020 vom FC Chelsea gekommen, war in der vergangenen Saison monatelang verletzt, hat sich jetzt aber wieder zurückgemeldet. Und Ito sollte nach seiner Verpflichtung in diesem Sommer eigentlich erst einmal über die zweite Mannschaft an höhere Aufgaben herangeführt werden, hat sich aber bereits bei den Profis festgespielt und im DFB-Pokal beim BFC Dynamo (6:0) sein erstes Pflichtspiel absolviert.

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Sowohl Mola also auch Ito traut Mislintat zumindest mittelfristig zu, die Rolle von Kempf zu übernehmen. Beide belasten das Gehaltsbudget zudem deutlich weniger als der einstige U-21-Nationalspieler aus Hessen, der vor drei Jahren vom damaligen VfB-Manager Michael Reschke ablösefrei vom SC Freiburg nach Stuttgart geholt worden war. Nach den Abschieden von Gonzalo Castro und Holger Badstuber gehört Kempf beim VfB zu den Spitzenverdienern – und kann dank Einsatzprämien sogar zum bestbezahlten VfB-Profi werden.

Und dennoch: Mit einem Angebot von zwei Millionen Euro würde sich der VfB-Sportdirektor in den Verhandlungen mit Fredi Bobic kaum abspeisen lassen. Denn auch Sven Mislintat ist nicht entgangen, dass bei der Hertha das Punktekonto leer, die Kasse aber voll ist. Perfekt ist offenbar der Transfer des brasilianischen Offensivmanns Matheus Cunha zu Atletico Madrid. Die Rekordablöse soll 30 Millionen Euro betragen.