Eine Leber in Modellform ist einfach zu beschaffen. Doch die Zahl der wirklichen Spenderorgane ist zu gering, bedauert Professor Ludger Staib vom Klinikum Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin/bulgrin

Viele Menschen warten verzweifelt auf ein Spenderorgan. Bis zu sechs Jahre. Und manchmal vergeblich. Das liegt nicht an Corona. Die fehlende Bereitschaft zu Transplantationen hat andere Gründe. Dazu ein Gespräch mit Professor Ludger Staib, Transplantationskoordinator am Klinikum Esslingen.

Esslingen - Corona hat viele Lebensbereiche infiziert. Hat das Virus auch Auswirkungen auf Organspenden? Ein Gespräch dazu mit Professor Ludger Staib, Transplantationskoordinator am Klinikum Esslingen.

 

Im Organspendeskandal 2010/’11 hatten Mediziner Krankenakten gefälscht, um für ausgewählte Patienten bevorzugt Spenderorgane zu bekommen. Gut zehn Jahre danach – sind solche Missbräuche inzwischen ausgeschlossen?

Dieser Skandal hat damals so viel Staub aufgewirbelt und für so viele Schlagzeilen gesorgt, dass ähnliche Handlungsweisen heute ausgeschlossen sind. Betriebswirtschaftliche Gründe haben dabei übrigens nie eine Rolle gespielt, denn mit Organspenden kann man kein Geld verdienen. Die Vergabe der Spenderorgane über Eurotransplant erfolgt allein nach der medizinischen Dringlichkeit.

Wie dringlich ist denn der Bedarf an Organspenden?

Sehr dringlich. Nach Zahlen der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) brauchen in Deutschland etwa 9000 Menschen ein Spenderorgan, vor allem eine Niere, ein Herz oder eine Leber. Manche Patienten warten bis zu sechs Jahre darauf. Ungefähr 2000 Personen versterben leider, während sie noch auf der Warteliste stehen, denn wir haben viel zu wenige Spender. Das liegt aber nicht an Corona. Zwischen Januar und Mai wurden in diesem Jahr rund 1300 Transplantationen in Deutschland durchgeführt. Das entspricht ungefähr den Zahlen des Vorjahres. Und es gab eine medizinische Fallstudie an der Universitätsklinik Hannover: Hier wurden zwischen Januar und Mai 140 Transplantationen vorgenommen. Auch das entspricht den Werten der Vorjahre.

Woran liegt das Missverhältnis zwischen Bedarf und gespendeten Organen?

Nur hirntote Menschen kommen für eine Organspende in Frage – bemerkenswerterweise ist ihre Zahl aufgrund der Fortschritte in der Medizin und der besseren Sicherheitstechnik etwa im Straßenverkehr oder in der Arbeitswelt in den letzten Jahren zurückgegangen. So hatten wir 2019 in ganz Deutschland „nur“ etwa 2600 Hirntote. Die meisten Menschen beschäftigen sich nicht gerne mit dem Thema Krankheit, Sterben, Organspende. Bei vielen besteht zudem die abergläubische Vorstellung, dass eine Auseinandersetzung damit den Tod schneller herbeiführt.

Wie sind die Zahlen am Klinikum Esslingen?

Wir haben keine Neurochirurgie im Haus, ein wesentlicher Faktor für die Anzahl hirntoter Menschen. Daher ist die Zahl der Hirntoten im Klinikum Esslingen gering. Wir führen hier auch keine Transplantationen, sondern lediglich dieEntnahme der Organedurch. Das passiert aber maximal einmal im Jahr. Die Spenderorgane werden dann mit dem Hubschrauber schnell zu dem Organempfänger gebracht. Die Zeit ist knapp. Ein Herz muss zum Beispiel innerhalb von vier bis sechs Stunden transplantiert werden. Bei einer Niere hat man dagegen 24 bis 36 Stunden Zeit.

Wie groß ist die Gefahr einer Abstoßung?

Die Zahlen sind hier sehr ermutigend. Etwa 65 bis 80 Prozent der verpflanzten Organe arbeiten – je nach Organart - nach fünf Jahren noch. Auch bei einer Transplantatabstoßung droht nicht gleich der völlige Funktionsverlust. Meist kann eine Abstoßung durch Medikamente behandelt werden.

Besteht die Gefahr, sich an einem Spenderorgan mit Corona zu infizieren?

Diese Gefahr ist minimal, denn die DSO hat klare Sicherheitskriterien erlassen. Alle Organspender werden vor der Entnahme auf Covid 19 getestet.

In Krimis und Thrillern sind immer wieder ehrgeizige Ärzte zu sehen, die Druck auf Patienten und Angehörige mit Blick auf eine Organspende ausüben.

Das zeugt von der großen Fantasie der Filmemacher. Transplantationen können nur an Universitätskliniken und wenigen großen Krankenhäusern durchgeführt werden. Dort herrschen hohe Anforderungen an die gesetzlichen Vorgaben des Transplantationsgesetzes. Außerdem sind automatisch Kontrollen durch die hohe Anzahl an Kollegen und durch den Öffentlichkeitsdruck gegeben. Die Spender müssen, wie gesagt, hirntot sein. Dieser Zustand muss und kann zweifelsfrei durch die Hirntoddiagnostik festgestellt werden. Die Entnahme von Organen aus einer noch lebenden Person ist, abgesehen von der bewussten Lebendspende bei Niere und Leber, völlig ausgeschlossen. Einen kommerziellen Handel mit Organen gibt es in Deutschland nicht.

Eine gesetzliche Widerspruchsregelung war bei den Organspenden lange in der Diskussion.

Ja, aber sie wurde wieder verworfen. Nach dieser Regelung könnte jeder hirntote Mensch, der vorher nicht ausdrücklich widersprochen hatte und dafür in Frage kommt, für eine Organspende herangezogen werden. Aus meiner Sicht wäre das der richtige Weg gewesen. Doch in Deutschland ist es nun weiterhin so, dass nur Personen mit einem Organspendeausweis für eine Transplantation in Frage kommen. Auf der Rückseite kann genau angekreuzt werden, welche Organe entnommen werden dürfen und welche nicht, oder welche Personen über eine Entnahme entscheiden dürfen. Aber selbst, wenn ein Organspendeausweis vorliegt, nimmt die DSO Kontakt mit der Familie auf und fragt nochmals ausdrücklich nach.

Warum halten Sie die Widerspruchsregelung für die bessere Lösung?

Sie gilt in vielen europäischen Ländern, und eine EU-weit einheitliche Lösung wäre wünschenswert. Dann müsste sich jeder zwangsläufig mit dem Thema beschäftigen. Zudem könnten die DSO und andere Verantwortliche Gespräche mit den Menschen führen, sie über bestimmte Tatsachen wie die zu geringen Spenderzahlen aufklären und einen professionelleren, weniger emotionalen Umgang mit der Thematik herbeiführen. Das könnte zu steigenden Spenderzahlen führen.