Herter wohnt in einem Hotel in Hinterzarten. Außer einer riesigen Schach-Dame und einem Leitz-Ordner bewahrt er in seinem Zimmer nichts Persönliches auf.Foto: David Sahay Foto:  

Seit mehr als zehn Jahren verschickt Eberhard Herter regelmäßig Briefe an Regierungen und Medien. Darin skizziert der Professor im Ruhestand revolutionäre Ideen.

Hinterzarten - Der Mann, der die Nachrichtentechnik auf der ganzen Welt revolutionieren will, ist schwierig zu erreichen. Er besitzt keinen Computer, liest keine E-Mails und geht nicht ans Telefon. Wenn man ihm aber einen Brief schreibt, ruft er bald zurück.

 

Er habe natürlich erwartet, dass die Stuttgarter Zeitung auf seine Schreiben an den Chefredakteur reagiert. Ehrlich gesagt sei er nur überrascht, dass es so lange gedauert habe. Am nächsten Tag sei er zufällig sowieso in Stuttgart und stehe gerne zu einem ausführlichen Interview zur Verfügung. Seine Schreiben schicke er natürlich auch an die ARD, die „Bild“-Zeitung, den „Spiegel“ und so weiter. Berichte mal einer, berichteten bald alle, das kenne man ja. Insofern sei es geschickt, dass man sich gleich am nächsten Tag treffe, denn übermorgen schon könne es für den StZ-Reporter peinlich werden, wenn dann die Kollegen vom SWR womöglich bereits eine Sondersendung ausgestrahlt hätten.

Der Mann, der die Nachrichtentechnik auf der ganzen Welt revolutionieren will, heißt Eberhard Herter. Seit mehr als zehn Jahren verschickt er Briefe mit dem Betreff „Neue Technik“ an Redaktionen, Verlage, Wissenschaftler und die Regierungen von Baden-Württemberg und der Bundesrepublik Deutschland – zuletzt fast alle zwei Tage an rund 20 Empfänger. Herter sagt, er könne sich nicht daran erinnern, dass ihm schon einmal jemand geantwortet hätte. Trotzdem gibt er nicht auf.

„Das wäre ja Wahnsinn!“

Schon einen Tag nach dem Anruf öffnet Eberhard Herter in der Ecke eines schummrig beleuchteten Gasthauses in Stuttgart-Ost seinen hellbraunen Lederkoffer. „Ich habe so viele Manuskripte mitgebracht, Sie werden nicht viel schreiben müssen“, sagt er und klatscht einen Stapel Papier auf den Tisch. Der 84-Jährige trägt schwarz-weiße Krawatte zum grauen Hemd, hinter einer Hornbrille lauern wache Augen. Er zieht ein Bündel Blätter zu sich heran. Darauf hat er die gleichen Erfindungen und Ideen skizziert wie in seinen Briefen.

Im Kern geht es darin um eine epochale Wende: Statt der heute immer öfter verwendeten Glasfaserkabel solle ganz Deutschland die alten Telefon-Kupferleitungen verwenden. Daran angeschlossen soll jeder Haushalt über ein speziell bearbeitetes Funksignal ein neues Nachrichtennetz stricken. Dieses Nachrichtennetz wäre engmaschiger als Funkmasten und ermöglicht so ganz nebenbei eine exakte Ortung. Damit will Herter Fernsehen und Radio revolutionieren, das Internet und den Mobilfunk, GPS und Galileo. In seinen Briefen braucht er dafür nur sechs handgeschriebene Seiten voller Schaltkreise und Skizzen.

Und wenn keiner auf seine Vorschläge anspringt? Eberhard Herter haut auf den Tisch, wirft sich zurück vor Lachen und beugt sich wieder vor: „Das wär ja Wahnsinn“, ruft er, wird still, und schaut nachdenklich auf seinen Berg Briefe. „Das wär ja total verrückt.“

Ein ausgewiesener Experte

Herter kennt sich aus in der Nachrichtentechnik, sie ist sein Fachgebiet. Er studierte Elektrotechnik und arbeitete in den 60er Jahren als Entwicklungsingenieur bei der Stuttgarter Standard Elektrik Lorenz AG (SEL). In seiner Brieftasche steckt noch heute sein Betriebsausweis, Mitarbeiter Nummer 0004. Nach einem Jahrzehnt dort lehrte er bis in die 90er als Professor an der Hochschule Esslingen. Nebenbei gründete und verkaufte er zwei IT-Unternehmen. Veröffentlichte Lehrbücher, gewann Preise und gründete eine Stiftung, die seinen Namen trägt.

Er traut sich deshalb zu, auch die Energieversorgung zu revolutionieren. In seinen Briefen beschreibt er eine Welt, in der jeder Haushalt seinen Strom allein über Solarpaneele auf dem Dach bezieht und alles Elektrische über 60-Volt-Batterien versorgt. Herter schafft Kohle- und Atomkraftwerke ab, Energieversorger und Stromleitungen, Steckdosen und den Wechselstrom. Dafür braucht er in seinen jüngsten Briefen gerade einmal drei Seiten.

In dem Gasthaus in Stuttgart-Ost lässt sich Eberhard Herter von dem Geschrei der Angetrunkenen nicht irritieren. Er stellt die Fragen und gibt selbst die Antworten, oft im Wortlaut seiner Briefe. In einer klaren, einfachen Sprache, in die er hin und wieder ein paar Fachbegriffe plumpsen lässt. Die für sein Nachrichtennetz nötige Amplitudenmodulation erwähnt Herter so beiläufig wie andere das Wetter.

Bald wieder reich

Er ist mit der Deutschen Bahn aus seinem Wohnort Hinterzarten bei Freiburg angereist, weil er nicht gern Auto fährt. In seinem Leben hat er nur für den Führerschein hinter dem Steuer gesessen, in seinem Arbeitsalltag immer einen Fahrer gehabt. Herter sagt, er sei schon einmal Millionär gewesen und werde es bald wieder sein.

Denn in seinen Briefen an die Bundeskanzlerin Merkel hat er nicht nur Erfindungen skizziert, sondern auch gleich ein Geschäftsmodell. Beim Deutschen Patentamt in München hält der Professor 23 Patentanmeldungen, die er teils seit Jahrzehnten erneuert. Seit ein paar Jahren bietet er der Bundesregierung an, seine Patente zu lizenzieren. Für sich selbst schlägt er eine Aufwandsentschädigung von zehn Millionen Euro vor.

Sein Sohn Rolf wird später am Telefon betätigen, dass sein Vater in seiner Jugend sehr wohlhabend war. Rolf Herter erinnert sich an eine glückliche Zeit, in der die Mutter, eine Chemie-Ingenieurin, die Bücher des Vaters lektorierte. Und dass dessen Vorlesungen früher sehr beliebt gewesen sind. Zwar wollte Rolf Herter nie selbst Wissenschaftler werden, nie mit den Kosmos-Experimentierkästen spielen, die er ständig geschenkt bekam, doch konnte er als Laie die Erfindungen des Vaters früher gut nachvollziehen. Eine, vielleicht zwei Millionen, das hatten der Sohn und viele Kollegen des Professors vor 20 Jahren als gerechten Lohn für dessen Erfindungen für möglich gehalten. Mit steigendem Alter ist die Chance auf Geld und Ruhm für Eberhard Herter aber nicht größer geworden.

Gleichstrom für alle

Die Zeit rennt dem Professor davon, und auch an diesem Nachmittag in Stuttgart-Ost geht im Fenster in seinem Rücken die Sonne unter, während Eberhard Herter drinnen in seinen Unterlagen versinkt. Er erzählt von Kupferkabeln und dem Weltnachrichtennetz, von Autos auf Gleisen und Häusern auf Autobahnen, von Gleichstrom für alle und Milliardeneinnahmen für Deutschland.

Manche Ideen sind heute längst Realität, etwa die Spracherkennung im Computer. Andere klingen kaum umsetzbar, wie die Gedankenübertragung per Funkwellen. Über die Jahre betrachtet klingt er in seinen Briefen und auch an diesem Nachmittag im Gasthaus deshalb immer mehr wie ein Fantast. Aber was, wenn er doch recht hat?

Ein Professor aus Stuttgart, der namentlich nicht genannt werden möchte, kann den Ideen wenig abgewinnen: Während Herter Vor- und Nachteile von Kupfer abwägt, diskutiere die Fachwelt längst die fast unbegrenzten Möglichkeiten von Glasfaser. Wo der Pensionär sich Gedanken zu Radiofrequenzen mache, würden sich die Funknetze von morgen durch maschinelles Lernen selbst optimieren. Und überhaupt vertiefte heute ein halbes Dutzend Professoren verschiedener Fakultäten die Themen, die Herter vor 50 Jahren noch allein gelehrt hätte.

Er wünscht sich ein Forum

Der Experte sagt, je einfacher die vermeintliche Lösung des emeritierten Kollegen Herter zu einem Thema sei, desto komplexer sei die Physik dahinter. Der Sohn sagt, seinem Vater sei es zuerst um die Wissenschaft, später um das große Geld gegangen – aber heute gehe es ihm nur noch darum, gehört zu werden. Eberhard Herter sagt, er brauche nur einen Hörsaal mit Tafel und Kreide, um seine Ideen öffentlich vorstellen zu können. Er sei seit Jahrzehnten bereit, sich den Fragen von Wissenschaftlern und Laien zu stellen. „Da kommt mir keiner raus“, sagt er.

Der Wunsch nach Anerkennung wuchs über die Jahre im selben Maße, wie die Chance darauf schrumpfte. Nach dem Tod seiner Frau 2007 zog Eberhard Herter an ihren gemeinsamen Lieblingsurlaubsort Hinterzarten. Dort wohnt er heute in einem Ein-Zimmer-Hotelapartment. Bei gutem Wetter spaziert er vormittags durch die umliegenden Wälder. Bei schlechtem Wetter fährt er mit der Regio-Karte nach Kirchzarten und zurück. Anschließend schreibt er zu Hause auf, was ihn dabei beschäftigt hat.

In seinem Hotelzimmer steht bis auf eine riesige Schach-Dame und einen Leitz-Ordner nichts Persönliches, nur ein paar Urkunden hat sich der Professor aufgehängt. Der Ordner aber umfasst neben allen Erfindungen und Ideen, Skizzen und Schaltplänen auch die Biografie samt Fotos von Eberhard Herter. Die Grundlage für seine Briefe, ein ganzes Leben auf rund 100 Seiten. Für ein paar neue Seiten wäre darin noch Platz.

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