Vorsichtig beim Aussteigen müssen Fahrgästen am Hauptbahnhof Stuttgart sein: Hier fehlt der Schiebetritt Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es wird noch Jahre dauern, bis die neue S-Bahn mit dem ausfahrbaren Schiebetritt in Stuttgart so funktioniert, wie sie 2009 bestellt worden ist. In Frankfurt sind sie froh darüber, dass sie dieses technische Detail nicht brauchen

Stuttgart - Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) um die Städte Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden ist mit rund 715 Millionen Fahrgästen im vergangenen Jahr doppelt so groß wie der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) mit seinen 357 Millionen.

Deshalb verfügt der RMV auch über einige S-Bahnen mehr als der VVS. 191 sind es, und sie entstammen denselben Modellreihen wie die 157 in Stuttgart. 100 sind vom Modell ET 423, von denen es in Stuttgart 56 gibt; 91 tragen den Namen ET 430 – wie jene 87 in Stuttgart, mit denen es wegen eines ausfahrbaren Schiebetritts zur Überbrückung des Spalts zum Bahnsteig so viele Probleme gibt.

„Die Frage nach den Schiebetritten hat sich bei uns nicht gestellt“, sagt Professor Knut Ringat. Der Geschäftsführer des RMV sagt nicht, ob ihm das beim Blick auf die Stuttgarter Malaise ein Gefühl der Erleichterung verschafft – obwohl er weiß, dass der einzige Unterschied zu seinen S-Bahnen in Stuttgart zuerst für große Verspätungen im System gesorgt hat und nun jahrelang nicht repariert werden kann.

Schiebetritt erst ab Abstand von 14 Zentimetern

Ringat spricht lieber über sein Geschäft: „Auf der S-Bahn Rhein-Main sind beim Ein- und Ausstieg keine nennenswerten Höhenunterschiede zu überwinden, und der Spalt zwischen Fahrzeug und Bahnsteig weist lediglich den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstand auf.“ Das sind nach Angaben der Bahn 14 Zentimeter. Ein Schiebetritt ist für diesen Spalt laut Ringat nicht nötig.

Zum Vergleich: Am S-Bahn-Halt Feuerbach in Stuttgart beträgt der Abstand bis zu 32 Zentimeter, an der Station Maichingen-Nord im Kreis Böblingen teilweise sogar noch mehr. Für Infrastrukturdirektor Jürgen Wurmthaler vom Besteller Verband Region Stuttgart ist da folgerichtig, dass man auf einen Schiebetritt gesetzt hat, zumal Hersteller Bombardier mehrfach bekräftigte, diesen liefern zu können.

Zur Erinnerung: Im April 2013 kamen die ersten beiden ET 430 nach Stuttgart, Anfang Juli zog die Bahn die bis dahin gelieferten 13 wieder aus dem Verkehr, weil die Züge bisweilen mit verklemmten Schiebetritten liegen geblieben waren. Seit Januar sind nun alle 87 Züge des Modells im Einsatz – mit eineinhalb Jahren Verspätung und mit abgeschaltetem Schiebetritt. Bombardier tüftelt mit Zulieferer Faively Transport nach wie vor an der Lösung des Problems, die Nachrüstung soll bis 2017 dauern.

In Hessen liefert Hersteller zügig

Während der Ärger über Bombardier in der Regionalversammlung groß ist, gibt man sich am Sitz des RMV in Hofheim am Taunus zufrieden mit der Deutschland-Tochter des kanadischen Schienenkonzerns. Kein Wunder: Die Hessen hatten ihre 91 ET 430 sechs Wochen vor der vereinbarten Lieferfrist auf dem Hof stehen. Sie sind seit Anfang November auf den Linien S 8 und S 9 zwischen Hanau und Wiesbaden unterwegs.

Laut Knut Ringat hat anfänglich zwar die Anforderungstaste der Rampe für Rollstuhlfahrer nicht richtig funktioniert, mittlerweile sei dieses Detail jedoch umgebaut und das Problem beseitigt. „Unsere Erfahrungen bislang sind positiv“, sagt Ringat über die neuen Züge. Mit dem Zeitpunkt der Lieferung sei man gar „vollauf zufrieden“. Er bedankte sich auch schon öffentlich bei der Bahn und Bombardier, „die es möglich gemacht haben, die Erneuerung unserer Flotte so schnell umzusetzen“.

In der Regionalversammlung in Stuttgart sagte der Nürtinger Ex-OB Alfred Bachofer von den Freien Wählern mal über den ET 430 und den Schiebetritt: „Das ist keine deutsche Wertarbeit.“

Ähnliche Probleme auch im Ruhrgebiet

Emotional irgendwo dazwischen bewegen sich die Verantwortlichen des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR), der seit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember auf der S 5 und S 8 zwischen Dortmund und Mönchengladbach ebenfalls eine neue S-Bahn mit Schiebetritt einsetzt. „Wir hatten im Winter Probleme mit Splitt, der sich beim Aus- und Einfahren des Schiebetritts verkeilte“, sagt der Bahnsprecher von Nordrhein-Westfalen, Dirk Pohlmann. Dieses Problem habe man jedoch über die Türsteuerung lösen können, mittlerweile gebe es keine größeren Störungen mehr.

Ausgebügelt ist auch, dass Hersteller Alstom zunächst nur 20 von 28 Zügen an den Start brachte. Die restlichen kamen Ende Februar. Bahnsprecher Pohlmann räumt zwar ein, dass die Züge auf der S 5/S 8 noch nicht so pünktlich sind, wie man sich das vorstelle. Dies liege aber daran, dass das neue Modell ET 1440 weniger Türen habe als der alte Zug und Fahrgäste wie Zugführer sich erst umgewöhnen müssten.

„Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass die Fahrzeuge für den Betrieb dieser Linien geeignet sind“, sagt VRR-Vorstandssprecher Martin Husmann, „jetzt erwarten wir, dass der Betreiber die entsprechende Qualität auf die Schiene bringt.“ Diesen Satz würden die Regionalpolitiker in Stuttgart jederzeit unterschreiben.

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