Fußball-Deutschland diskutiert vor dem EM-Start über Nationaltorwart Manuel Neuer. Soll er die Nummer eins bleiben? Oder muss Bundestrainer Julian Nagelsmann wechseln? Unsere Autoren Marco Seliger und Jochen Klingovsky sind unterschiedlicher Meinung.
Bundestrainer Julian Nagelsmann spricht Manuel Neuer das uneingeschränkte Vertrauen aus. Zu Recht? Lesen Sie die Pro- und Kontra-Kommentare unserer Autoren Marco Seliger und Jochen Klingovsky.
Pro: Die Entscheidung ist alternativlos
Man stelle sich nur mal kurz vor, was ein paar Tage vor dem EM-Auftakt los wäre, wenn Julian Nagelsmann seinen Keeper Manuel Neuer zur Nummer zwei degradieren und Marc-André ter Stegen gegen Schottland ins Tor stellen würde (oder wenn er den Wechsel nach einem weiteren möglichen Neuer-Patzer gar nach der ersten Partie vollzöge): Der Aufschrei im Land, die Unruhe und das Beben, auch innerhalb der deutschen Mannschaft, wären nach einer Entscheidung dieser Tragweite so massiv und laut, dass an ein ruhiges Arbeiten am Ziel EM-Titel nicht mehr zu denken wäre.
Zu Recht stützt der Bundestrainer seine Nummer eins nun auch in schweren Zeiten. Es war gut und richtig, dass Nagelsmann mit einer festen Rollenverteilung für jeden einzelnen Spieler schon in die beiden Länderspiele im vergangenen März gegen Frankreich und die Niederlande gegangen ist. Alle wissen Bescheid – wenn der Coach jetzt kurz vor der EM den Torwart wechselte, hätte er seinen Plan der klaren Hierarchien ad absurdum geführt. Sein Team ist mit den klaren Rollenvorgaben gewachsen – umso wichtiger ist es jetzt, dass Nagelsmann speziell auch seiner Nummer eins Vertrauen und Sicherheit gibt. Es ist auch ein Signal an alle anderen (Stamm-)Kräfte der DFB-Elf , dass sie ihrem Trainer vertrauen können. So macht ein Coach seine Jungs stark – und das ist gut so! Auch darf in der Diskussion um Neuer nicht vergessen werden, wie famos er vor dem Gegentor gegen Griechenland gehalten hat. Seine Paraden waren: weltklasse.
Dass Nagelsmann sich im März auf Neuer und nicht auf den ewigen Kronprinzen Marc-André ter Stegen festgelegt hat, diese Entscheidung an sich kann aus sportlichen Gesichtspunkten freilich weiter diskutiert werden – soll heißen: Eine Entscheidung für ter Stegen wäre sicher nicht unverständlich gewesen. Wenn der Bundestrainer aber Neuer hätte degradieren wollen, hätte er das eben schon im März machen müssen. Jetzt, kurz vor der EM, ist es zu spät. Und Nagelsmanns Konsequenz pro Neuer alternativlos. (sem)
Kontra: Das Leistungsprinzip muss gelten
Der Bundestrainer und sein Sportdirektor versuchten es auf die kompromisslose Tour. „Ich lasse keine Diskussion aufkommen“, sagte Julian Nagelsmann. Und Rudi Völler erklärte: „Wir brauchen keine Torwartdiskussion.“ Basta – und alles gut? Von wegen! Mittlerweile stellt sich ganz Fußball-Deutschland die Frage, ob Manuel Neuer weiter die Nummer eins des Nationalteams sein sollte. Und das völlig zu Recht.
Den ersten Fehler hat Nagelsmann vor drei Monaten begangen: Der Coach, der stets sagt, lieber auf formstarke Spieler als auf große Namen zu bauen, setzte ausgerechnet zwischen den Pfosten das Leistungsprinzip außer Kraft – und erklärte Neuer schon ein Vierteljahr vor dem EM-Auftakt zur nicht zu verdrängenden Stammkraft. Diese Entscheidung könnte ihm nun auf die Füße fallen.
Denn Nagelsmann hat in seinem EM-Kader in Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona ja nicht nur einen weiteren Weltklasse-Torhüter, der zuletzt bei den beiden Top-Länderspielen im März in Frankreich (2:0) und gegen die Niederlande (2:1) voll überzeugte. Sondern auch einen Manuel Neuer, der sich in den vergangenen Wochen mehr Patzer leistete als in irgendeiner anderen Phase seiner Karriere. Zunächst im Halbfinale der Champions League bei Real Madrid, das der FC Bayern verlor. Dann am letzten Bundesliga-Spieltag beim 2:4-Debakel bei der TSG Hoffenheim, das die Vizemeisterschaft kostete. Und schließlich in den beiden Testspielen gegen die Ukraine und Griechenland – in denen offensichtlich wurde, dass Manuel Neuer zwar immer noch ein herausragender Torhüter sein kann, es aber zugleich ein großes Risiko ist, weiter an ihm festzuhalten.
Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass Marc-André ter Stegen absolut fehlerfrei spielen würde. Allerdings ist es falsch, wenn das Leistungsprinzip in einem Nationalteam nicht für alle Akteure gilt – deshalb muss Bundestrainer Julian Nagelsmann, schon um glaubwürdig zu bleiben, den Platz im Tor neu vergeben. Und das bereits zum EM-Start gegen Schottland. (jok)