Vielerorts herrscht in Deutschland zu Karfreitag ein Tanzverbot. Es wird allerdings nicht immer konsequent durchgesetzt. Foto: dpa

Es bleibt ein Dauerbrenner: Soll an Karfreitag, einem der höchsten christlichen Feiertage, ein Tanzverbot herrschen oder nicht? Die Redakteure Kathrin Zinser und Lukas Jenkner haben sich darüber Gedanken gemacht.

Stuttgart - Eine Frage spaltet die Nation: Mehr als die Hälfte der Deutschen findet das Tanzverbot an Karfreitag einer Umfrage zufolge gut. 52 Prozent der Befragten befürworten das Musikverbot in Kneipen und Clubs an dem stillen Feiertag, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov mit mehr als 1000 Teilnehmern ergab. 38 Prozent sind demnach dagegen, 10 Prozent machten keine Angabe. Vor allem ältere Menschen sind gegen die Aufhebung des Tanzverbots: Von den Befragten ab 60 Jahren antworteten 62 Prozent entsprechend. Das Ergebnis entspricht fast genau den Werten des Vorjahres.

Ist ein Tanzverbot nun ein wichtiges Signal in bewegten Zeiten oder tatsächlich ein Anachronismus? Unsere Redakteure Kathrin Zinser (Pro) und Lukas Jenkner (Contra) haben sich zu dieser Frage Gedanken gemacht.

b>Pro: Ein wenig Erdung tut gut

Um die Debatte um das Tanzverbot zu verstehen, sollte man sich zunächst bewusst machen, was Karfreitag überhaupt bedeutet: Christen gedenken an diesem Tag der Kreuzigung Jesu und des Leidens, das er auf sich genommen hat: Jesus Christus hat sein Leben gegeben, um die Menschheit mit Gott zu versöhnen. Es handelt sich folglich um einen Tag von herausragender Bedeutung im christlichen Glauben.

Insofern ist es durchaus gerechtfertigt, in einem christlich geprägten Land wie dem unseren, Karfreitag als „stillen Feiertag“ zu begehen. An dieser Stelle sei die Bemerkung erlaubt, dass der Verweis auf unser christliches Erbe in jüngster Zeit in anderen Debatten ja gerne als fadenscheiniges Argument gegen alles Fremde herangezogen wird – und zwar interessanterweise meistens von denen, die eine Kirche seit Jahren nicht mehr von innen gesehen haben. Dann sollte man doch wenigstens so konsequent sein, zumindest hin und wieder auch diesem christlichen Erbe Rechnung zu tragen.

Wer hingegen meint, auf die religiöse Prägung könne verzichtet werden, der sollte folglich die Abschaffung aller christlichen Feiertage fordern – auch wenn dann viele arbeitsfreie Tage, von denen alle profitieren, wegfallen würden.

Sich des Leidens in der Welt bewusst werden

Selbst wenn ein großer Teil der Deutschen weder die Bedeutung von Karfreitag noch die von Ostern wirklich kennt, schadet ein Tag der Stille niemandem. Viele Bischöfe und Priester erinnern gerade am Karfreitag an Terror und Kriege, Katastrophen und Hungersnot. Das Leid der Welt steht an diesem Tag im Zentrum – davon gibt es in diesem Jahr eine ganze Menge.

Insofern bietet der Karfreitag allen Menschen, egal ob sie gläubig sind oder nicht, die Chance, sich dieses globalen Leides in aller Stille bewusst zu werden. Daraus kann Dankbarkeit für das entstehen, was man selbst hat und oftmals als so selbstverständlich betrachtet. Ein wenig Geerdetwerden kann einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft wie der unseren nur gut tun. Zum Tanzen bleiben schließlich noch genügend Tage übrig.

Contra: Religion ist Privatsache

Das Tanzverbot an Karfreitag ist ein Anachronismus und gehört abgeschafft. Auch wenn Ostern zu den höchsten Festen innerhalb des christlichen Glaubens zählt, ist es allen anderen Menschen, die dazu keinen Bezug (mehr) haben, nicht zuzumuten, ihr Leben danach ausrichten zu müssen. In einer multikulturellen und pluralistischen Gesellschaft haben religiös motivierte Gebote und Verbote keinen Platz mehr. Dies gilt im Übrigen für alle Religionen, zumal den Islam. Wenn sich aus diesen bewegten Zeiten eine Erkenntnis ziehen lässt, dann doch wohl die, dass Religion mehr denn je Privatsache sein muss.

Das Tanzverbot steht zudem pars pro toto für ein prinzipielles Manko fast jeder Religion, nämlich das Bedürfnis, öffentliches Leben und eine Gesellschaft mit Geboten und Verboten gestalten und prägen zu wollen. Als moderner und aufgeklärter Mensch empfinde ich diese Bevormundung nicht mehr als zeitgemäß. Bestenfalls werde ich von den Ideen einer Religion überzeugt, ohne dass ihre Vertreter mahnend den Zeigefinger heben müssen.

Mehr denn je ist Achtsamkeit nötig

Wohlgemerkt: Mehr denn je tun Stille, Besinnung und Achtsamkeit not in als chaotisch empfundenen Zeiten wie diesen. Ausweislich einer Umfrage des Statistik-Portals Statista nehmen sich nur elf Prozent aller Deutschen täglich Zeit für innere Einkehr, aber immerhin schon 30 Prozent tun dies einmal oder mehrfach in der Woche. 45 Prozent hingegen seltener bis nie. Da ist noch Luft nach oben. Doch für mehr Achtsamkeit braucht es kein Kreuz und keinen Halbmond. Yoga, Meditation, Autogenes Training, Einkehrtage: die Möglichkeiten, den Geist ohne jegliche religiöse Verbrämung durchatmen zu lassen, sind vielfältig.

Ein Tanzverbot ist da nicht notwendig. Am liebsten lasse ich mich von Menschen überzeugen, die ihre Werte vorbildlich leben, also den fastenden Kollegen, oder den Freunden, die meine Einladung zum Abtanzen am Karfreitag freundlich und begründet ablehnen, indem sie mir die Bedeutung des Osterfests für sie persönlich erklären – ohne Verbot.

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