An diesem Plakate ist wenig zu beanstanden. Doch das ist nicht bei allen so. Foto: Lg/Leif Piechowski

Die Freierkampagne der Landeshauptstadt löst unterschiedliche Reaktionen aus. Auch in unserer Redaktion wird darüber diskutiert, ob das F-Wort auf Plakaten verwendet werden darf oder nicht. Ein Pro und Contra.

Stuttgart - Provozieren ist immer gut. Das haben wir ja gerade von Herrn Böhmermann gelernt. Und im Schmäh-Gedicht fehlt es nicht an Kraftausdrücken, das ist auch in Ordnung. Böhmermann geht damit am späten Abend um, Fritz Kuhn lässt die Plakate aber in der ganzen Stadt aufhängen. Sicherlich lernen Kinder auf dem Schulhof noch weitaus derbere Ausdrücke, aber deshalb darf eine Stadt solch vulgäres Zeug nicht verbreiten! Die ­Botschaft stimmt, die Wortwahl nicht. ­Meinem Sohn sage ich: So etwas sagt man nicht. Aber man schreibt es auf ­städtische Plakate? Das ist schlicht absurd – und nur ein Zeichen der sprachlichen Verrohung. Dass nebenbei auch die Prostituierten durch das Schimpfwort ­Nutte beleidigt werden, passt da nur ins Bild. Hier wird provoziert ohne jeden Sinn und Verstand. Und die Angesprochenen? Wer von einer Zwangsprostituierten abartige Sexpraktiken verlangt, dem gehen die peinlichen Plakate des Oberbürgermeisters mit Sicherheit am Allerwertesten vorbei.

Michael Weier (52) ist Redakteur im Lokalressort ­unserer Zeitung

b>Contra: Ein Tabuthema wird endlich diskutiert, sagt Eva Funke

Die Freierkampagne, die OB Fritz Kuhn (Grüne) fährt: Sie ist keine schöne Kampagne. Wörter wie „ficken“ und „Nutte“ schockieren, denn sie verletzen das Schamgefühl. Also weg mit dem öffentlichen Ärgernis? Nein! Die Kampagne darf nicht schön sein. Sie soll provozieren. Und sie muss die Freier mit dem konfrontieren, was sie tun: die Würde der Prostituierten missachten, wenn sie Sexpraktiken fordern, zu denen die nicht bereit sind, und wenn sie Sex ohne Kondom verlangen. Skandalös ist nicht der Gebrauch der Pfui-Wörter im öffentlichen Straßenraum. Der Skandal ist, dass es mitten in Stuttgart Armuts- und Zwangsprostitution gibt, möglich gemacht durch Männer, die die Situation der Frauen ausnutzen. Dass die Wortwahl der Kampagne bei milieufernen Bürgern Empörung auslöst, ist gut so. Denn Freier gibt es in allen Schichten – und sie werden mit dieser Empörung konfrontiert. Das erzeugt Druck, ihr Verhalten zu ändern. Die Plakate abzuhängen würde bedeuten, den Schwanz einzuziehen.

Eva Funke (59) ist Redakteurin im Lokalressort unserer Zeitung

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