Pornografie ist im Internet allgegenwärtig. Laut Pro Familia sind Jugendliche heute dennoch keineswegs besser aufgeklärt als die Generationen vor ihnen. Foto: Archiv

Im Jahr 1965 ist der Verein Pro Familia gegründet worden, hauptsächlich zur Schwangerschaftsberatung. Seit damals haben sich die Aufgaben grundlegend gewandelt.

S-Mitte - Max ist sechzehn und schaut gern Pornos. Er schließt sich in seinem Zimmer ein, fährt den Rechner hoch und ruft eine Homepage auf, die mahnt: „this website contains explicit adult material“. Übersetzt etwa: Diese Seite enthält Inhalte ausdrücklich für Erwachsene. Max ist zwar noch nicht erwachsen, trotzdem ist er mit einem weiteren Klick in der Welt der Amateurpornos angekommen.

Max könnte auch Luca oder Sebastian heißen. Er steht für viele seines Alters, die erste Erfahrungen mit Sex und Selbstbefriedigung machen. Das Internet scheint dabei schier unendliches Anschauungsmaterial zu bieten. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Von Blümchensex bis Sadomasochismus. „Wir leben in einer pornografisierten Welt“, sagt Thomas Pfaff, Psychologe bei Pro Familia. Im Alter von sechzehn würden die Jugendlichen zwar schon unzählige Sexpraktiken kennen, doch beim weiblichen Zyklus seien sie ratlos.

Pornografie schürt Ängste und Klischees

„Die Pornografie hat nicht zur Aufklärung beigetragen“, sagt auch Annette Sawade, die Vorsitzende von Pro Familia. Ganz im Gegenteil, für das Stuttgarter Pro-Familia-Team bedeutet der bloße Konsum von Inhalten in erster Linie einen Rückschritt. Die klare Rollenverteilung, die in diesen Filmen vorgegeben werde, schüre Klischees und Ängste. Die Frau als Objekt, Homosexualität als Tabu. Doch was hat das mit der eigenen Sexualität zu tun? Das ist für Pro Familia eine der vielen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Seit 1965 gibt es die Dependance in Stuttgart. Seitdem hat sich die Gesellschaft stetig gewandelt – und der Verein mit ihr.

Die Ärztin Suse Hönes gründete Pro Familia Stuttgart mit dem Ziel, sich für die Selbstbestimmtheit von Frauen einzusetzen. Diese hatten vor Beginn der 60er-Jahre kaum Ahnung von Verhütung und mussten mit der Möglichkeit einer ungewollten Schwangerschaft leben. Ein Abbruch war damals noch undenkbar. Durch die kontroverse Diskussion über dieses Thema hat sich Pro Familia einst einen Namen gemacht. Heute sind Schwangerschaft und Abtreibung nur noch zwei von vielen Themen. „Jeder weiß, was ein Kondom ist. Die Verhütungsmittel sind bekannt“, sagt Marion Janke, Ärztin bei Pro Familia.

Doch was, wenn es mit dem eigenen Kind gar nicht erst klappt? Künstliche Befruchtung, Retortenbaby – diese Begriffe lösen heutzutage nicht weniger hitzige Diskussionen aus als früher das Thema Abtreibung. Nur, dass es dieses Mal um genau das Gegenteil geht. „Die Problemlagen sind sehr viel komplexer“, sagt Annette Sawade. Viele Paare kommen für ein Gespräch zu Pro Familia. Die psychologische Beratung werde immer wichtiger. Bei mehr als der Hälfte ist Sexualität das Eingangsthema, erzählt der Sexual- und Psychotherapeut Pfaff. Durch die psychologische Beratung versprechen sich viele Paare, ihre Alltagsprobleme in den Griff zu bekommen und sexuelle Störungen zu behandeln. Ein Luxusproblem, sagt Pfaff. Mann müsse schließlich immer und überall können.

Der Verein ist auch Anlaufstelle für Väter

Pro Familia begann als Organ der Frauenpolitik. Eine feministische Einrichtung sei der Verein deswegen aber nicht. Zwar seien die Frauen bei einer Schwangerschaft die Haupttragenden, doch auch die Vaterrolle verlange Unterstützung, findet das Pro-Familia-Team. Nach dem Motto „Ich entscheide das und damit basta“ rücke der Mann bei wichtigen Fragen oft in den Hintergrund. Dass der sich immer vom Acker mache, sei ein Klischee. Männerrechte gehören deshalb ebenso zur Agenda von Pro Familia wie die Rechte von Frauen.

Zunehmend rücken auch Menschen mit Behinderung und solche mit Migrationshintergrund in den Fokus der Beratungsstelle. Erstere werden bei dem Wunsch nach Sexualität und Selbstständigkeit unterstützt. Ein Kinderwunsch eines behinderten Paares in einer betreuten Einrichtung ist so ein Fall. Bei Migranten spielt vor allem die Vermittlung zwischen den Kulturen und den damit verbundenen Wertvorstellungen eine Rolle.

Die Vielfältigkeit bestimmt das neue Gesicht von Pro Familia. Der Verein sei jedoch nicht als solcher zu verstehen. „Wir sind eine Arbeitsstelle“, sagt Sybille Tropper, die Geschäftsführerin von Pro Familia. Kompetentes Personal stehe den Ratsuchenden zur Verfügung. Es gibt Ärzte, Psychologen und Juristen. Diese sind direkt in der Beratungsstelle, aber auch über den anonymisierten Online-Dienst erreichbar.

Pro Familia

Anschrift: Theodor-Heuss-Straße 23,70174 Stuttgart
Telefon:
0711/6 56 79 06
Mail:
stuttgart@profamilia.de
Homepage:
www.profamilia-stuttgart.de
Vorsitzende: Annette Sawade
Gründungsjahr:
1965
Mitgliederzahl: 16

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