Prinzip Selbstheilung Was uns gesund hält

Von Melanie Maier 

Das  Prinzip der Selbstheilung soll  körpereigene Widerstandskräfte stärken – ohne herkömmliche Behandlungswege auszuschließen. Foto: Illustration Works
Das Prinzip der Selbstheilung soll körpereigene Widerstandskräfte stärken – ohne herkömmliche Behandlungswege auszuschließen. Foto: Illustration Works

Lassen sich Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck ohne Medikamente behandeln? Im Gespräch zeigt der Mediziner Tobias Esch, wie wir selbst Einfluss auf unsere Gesundheit nehmen können.

Stuttgart - Der Mediziner Tobias Esch untersucht die Selbstheilungsfähigkeiten des Organismus.

Herr Esch, wie kamen Sie darauf, sich mit dem Thema Selbstheilung zu beschäftigen?
Als Arzt, als Medizinstudent und noch davor als Pflegehelfer auf der Station ist mir bewusst geworden, dass die Möglichkeiten der Medizin oftmals kleiner sind, als die Medizin selbst es vorgibt. Sehr oft macht die Medizin eben nicht Heilung, wie sie behauptet, sondern Linderung. Und das ist auch alles gut und wichtig. Aber ein anderer Teil, der zur Heilung führen kann, der liegt in den Selbstheilungsfähigkeiten des Organismus. Für mich war irgendwann der Punkt gekommen, an dem ich gesagt habe: Auch sie sind Teil der Medizin. Sie müssen wissenschaftlich untersucht und anerkannt werden.
Was genau verstehen Sie unter Selbstheilung?
Mein Bild davon ist, dass es in jedem – auch in jedem Schwerkranken – noch gesunde Potenziale gibt, und zwar unabhängig davon, was die Erkrankung an Behandlung sonst benötigt. Im Gegensatz zur Medizin schaut die Selbstheilung nicht auf die krankheitsfördernden Faktoren – auf das, was die Krankheit auslöst –, sondern auf das, was die Gesundheit erhält, was die Widerstandskräfte stärkt. Ob man da gleich von Heilung sprechen muss, ist eine andere Frage. Es geht einfach um den Beitrag, den jeder bei einer Erkrankung selbst leisten kann.
Wenn Krebspatienten von Spontanheilungen aufgrund von Selbstheilung hören – darf man da solche Hoffnungen schüren?
Das wäre so, wenn man so auftreten würde. Das tue ich aber nicht. Ich begreife die Selbstheilung als ein Bein des dreibeinigen Stuhls – ein Konzept, das mein ehemaliger Chef aus Harvard, der Kardiologe Herbert Benson, publik gemacht hat. Es beruht auf Hippokrates und seinen über 2000 Jahre alten Medizinstatuten. Das zweite Stuhlbein neben der Selbstheilung ist der Arzt, der durch seine Behandlung das ergänzt, was die Selbstheilung nicht kann. Das dritte Bein sind Medikamente. Nur im Dreiklang der Beine entsteht ganzheitliche, gute Medizin.
Sollten wir also unsere Selbstheilungskräfte bei jeder Krankheit und Verletzung nutzen?
Bei einem Knochenbruch würde natürlich keiner tatenlos bleiben und darauf warten, dass das Bein von alleine zusammenheilt. Auch bei einer Krebserkrankung ist die ­ärztliche Behandlung unumgänglich. Doch auch oder gerade wenn jemand Krebs hat, kann er vielleicht etwas dazu beitragen, um den Heilungsverlauf positiv zu beeinflussen oder überhaupt erst einmal die Therapie besser zu vertragen. Daneben gibt es unglaublich viele Krankheiten, die sehr viel einfacher – und vielleicht sogar nur – durch die Selbstheilungskräfte behandelbar sind.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel der Bluthochdruck. Durch ihn ist das Forschungsgebiet Selbstheilung erst bekannt geworden. Schon in den 1960er Jahren konnte Herbert Benson zeigen, dass man durch relativ einfache Entspannungsverfahren oder Meditationstechniken, wie man heute dazu sagen würde, den Blutdruck senken kann. Das Wissen darum wirkt heute banal. In den 1960ern war es revolutionär.
Einen hohen Blutdruck kann man nur mithilfe der eigenen Selbstheilungskräfte senken?
Nicht immer. Aber die Frage ist: Warum wenden Menschen mit einem sehr hohen Blutdruck Entspannungsverfahren nicht ergänzend zur Medikation an? Bei Patienten mit einem sogenannten Grauzonen-Bluthochdruck kann es dagegen sehr wohl sein, dass diese Verfahren schon ausreichen, um die Werte im akzeptablen Bereich zu halten. Beim Grauzonen-Bluthochdruck sind die Blutdruckwerte erhöht, aber es ist formal noch kein Bluthochdruck. Bei Diabetes ist es ähnlich: In einem prädiabetischen Stadium reicht es möglicherweise aus, sich gut zu ernähren, sich regelmäßig zu bewegen, Entspannungstechniken und kognitive Verhaltensweisen zu nutzen – den Vierklang anzuwenden, den ich auch in meinem Buch beschreibe. Diese vier Aspekte zu kombinieren, reicht oft aus, um einen Diabetes-Ausbruch zu verhindern oder den Typ-II-Diabetes im Griff zu halten.
Gute Ernährung, ausreichend Bewegung und Entspannung – dazu raten viele Ärzte. Welchen Nutzen haben kognitive Verhaltensweisen?
Bei einer Vielzahl von Erkrankungen liegt eine Stressassoziation vor. Doch das Stresslevel im Alltag kann man auch ein Stück weit selbst beeinflussen. Dazu gibt es viele sinnvolle Techniken. Neben der Bewegung und der Entspannung eben die kognitive Verhaltensmethode, bei der man lernt, auslösende Ereignisse zu identifizieren, um nicht in die Autopilot-Falle zu geraten. Man lernt also, bewusst gegen wiederkehrende persönliche Stressmuster zu steuern, anstatt zuzulassen, dass sie sich quasi automatisch aktivieren. Und diese relativ einfachen Techniken haben nicht nur einen günstigen Einfluss auf unser Stresslevel, sondern auch auf Stoffwechselparameter, Blutfettwerte und das Immunsystem.
Welche Verhaltenstechniken können das sein?
Eine der wichtigsten Techniken zum Einstieg ist die sogenannte SARW-Technik: „Stopp, Atme, Reflektiere, Wähle“. Damit lernt man, in einer wiederkehrenden Stresssituation das innere Stoppschild zu ziehen, tief durchzuatmen und zu reflektieren, wie man reagieren möchte: Mit dem üblichen Muster – denn es sind meist Muster, mit denen wir reagieren – oder eben anders. Die Stresssituation als solche zu erkennen, ist dabei das Schwierigste an der Übung. Das erfordert ein gewisses Maß an Achtsamkeit. Daneben kann man den Tag morgens zum Beispiel mit einer kurzen Entspannungsübung beginnen; mit einer Meditation oder einer Yoga-Übung. Mit einem Ritual von zehn, zwanzig Minuten, mit dem man in den Tag hineingeht, ihn gewissermaßen begrüßt. Man kann ihn auch mit einer Übung enden lassen – etwa, indem man fünf Minuten lang aufschreibt, was tagsüber gut gelaufen ist.
Der Vierklang ist also nicht nur für kranke, sondern auch für gesunde Menschen wichtig?
Absolut. Das ist gewissermaßen das Rezept für alle Menschen. Eine Art Grundprinzip, mit der man die Gesundheit und die eigenen Selbstheilungskräfte fördern kann. Wenn man sich ausgewogen ernährt, sich täglich eine halbe Stunde bewegt, dazu ein Ritual der inneren Einkehr pflegt und versucht, die kleinen, positiven Dinge im Leben wahrzunehmen und zu schätzen – dann bildet man nach einer Zeit eine gewisse Resilienz aus, die gegenüber bestimmten Krankheiten präventiv wirkt. Das ist kein Hokuspokus. Wenn man das eine bestimmte Zeit lang macht, wird man selbst den Unterschied merken.

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