„Prinzip Abie Nathan“ am Stuttgarter Hafen Wo sind all die Helden hin?

Von Thomas Morawitzky 

Das Citizen.Kane.Kollektiv hat aus dem Leben des Friedenskämpfers Abie Nathan ein Theaterstück gemacht. Foto: Veranstalter
Das Citizen.Kane.Kollektiv hat aus dem Leben des Friedenskämpfers Abie Nathan ein Theaterstück gemacht. Foto: Veranstalter

Die Theatergruppe Citizen.Kane.Kollektiv hat einen vergessenen Friedensaktivisten wiederentdeckt. Ihr Stück „Das Prinzip Abie Nathan“ erzählt seine Geschichte und stellt viele Fragen.

Stuttgart - Im Industriegebiet von Stuttgart-Wangen hört man mitunter zwar Rockkonzerte. Ansonsten herrschen dort aber Container und Industrie. Wandergruppen begegnet man dort nie. Und doch gehen seit Freitagabend viele Menschen in kleinen Gruppen von der U-Bahn-Haltestelle Hedelfinger Straße hinüber ans betonierte Ufer des Neckar: Die freie Theatergruppe Cititzen.Kane.Kollektiv präsentiert „Das Prinzip Abie Nathan“. An sieben Stationen hören die Besucher vom Leben des 2007 verstorbenen persischen Friedensaktivisten Abie Nathan und stellen sich die Frage, weshalb dieser Mann und seine Ideale in Vergessenheit gerieten.

Kassettengeräte und Plakate erzählen entlang des Wegs zum Hafen die Geschichte Nathans. Geboren 1927 in Tel Aviv wurde er Pilot der britischen Luftwaffe, kandidierte erfolglos für das israelische Parlament und flog, am 28. Februar 1966, mit einem Kleinflugzeug von Tel Aviv aus nach Ägypten, ins Feindesland, um eine Friedensbotschaft zu überbringen. Nathan wurde zum umtriebigen Aktivisten, der Kriegsspielzeug zerstörte, Arafat traf und einen Piratensender auf einem Schiff im Mittelmeer unterhielt, der Popmusik und Frieden in die Welt strahlte; er erhielt Zuspruch von Sartre, John Lennon und dem Papst. „The Voice of Peace“, der Jingle von Abies Nathans Sender, erklingt an allen Hörstationen der Theatershow im Stuttgarter Hafen. Auf der Brücke, die über die B10 führt, müssen die Besucher sich bücken und ihr Ohr an den Lautsprecher halten, weil der Verkehr Abie Nathans Botschaft schluckt. Das wurde von den Theatermachern möglicherweise nicht geplant. Aber es passt ins Bild.

Eine Videobotschaft vom Chor der Stuttgarter Engagierten

Über dem Neckar stehen die Zuschauer und bestaunen ein Floß, das dort treibt. Der Musiker Noah Kwaku spielt auf ihm die akustische Gitarre, die Schauspielerin Petra Weimer tanzt, sehr freudig: Flower Power im Kanal. Am Ufer dann, im Innern eines Containers: Eine Videobotschaft vom „Chor der Stuttgarter Engagierten“. Fünf von ihnen, politisch aktiv in unterschiedlichen Zusammenhängen, erklären, was sie von Helden halten, wer ihre Helden sind. Abie Nathan, der etwas wagte, wenn auch ohne Erfolg, war, so die These, ein Held.

„Leben wir in einem postheroischen Zeitalter?“, fragt das Citizen.Kane.Kollektiv. Nathans Lebensgeschichte wird nun entwickelt, mit Schauspielern, die ihre Positionen wechseln, mit Feuer und Frisbees, einem Modellflugzeug, das über den Fluss zieht und zur Landung ansetzt, mit spastischen Anfällen, Poesie, lauten Rocksongs und analytischer Psychologie.

Die Archetypenlehre C.G. Jungs, das mythologische Muster der Heldenreise sind Momente, von denen aus das Kollektiv zu einer szenischen Interpretation der Figur Nathans ansetzt. Die Schauspieler erzählen wirkliche und erfundene Geschichten, treten auf als Rockband mit Schlagzeug und sieben Gitarren, die lärmend Stephen Stills Protestsong „For what it’s worth“ covert; sie singen „Give Peace a Chance.“ Als ein Bett herbeirollt, in dem John und Yoko sitzen, sich der größtmögliche Teil des Publikums zu ihnen gesellt, die gespreizten Finger hebt und selig einstimmt, scheint es fast so, als wäre die dunkle Seite der Popkultur vergessen, die ständige Vereinnahmung des Widerstandes durch den Kommerz, als habe eine der vielen Stimmen am Flussufer nicht auch Adorno zitiert.

Im wirklichen Leben gibt es kein Happy End

So einfach macht es das Citizen.Kane.Kollektiv ihrem Publikum nicht. Die Gruppe besteht seit anderthalb Jahren und hat seither eine kleine Anzahl von Theaterproduktionen im öffentlichen Raum realisiert – Stücke, erklärt Andrea Leonetti, die bei „Abie Nathan“ gemeinsam mit Christian Müller Regie führte, die sich Antworten verweigern, den Diskurs heraus fordern. 17 Mitglieder zählt das Kollektiv dieses Mal; alle bringen unterschiedlichen Positionen ein, und alle Widersprüche bleiben in der Inszenierung erhalten.

Zuletzt steht da eine junge französische Frau und schreit in die Nacht hinaus: „Ich bin eine junge gewaltsame Frau!“ Abie Nathan soll wiederentdeckt und nicht vergessen werden. Aber ob es noch Feinde gibt, die man mit Blumen gewinnen könnte, ob der Heros doch nur ein Traum aus Hollywood ist – diese Fragen werden gestellt und bleiben offen. „Das Prinzip Abie Nathan“ schenkt seinem Publikum Bilder, die überraschend schön und für Stuttgart ganz ungewöhnlich sind: Ein riesengroßer Strauß aus schlichten Blumen schwebt leuchtend über dem dunklen Hafen. Aber es entlässt die Zuschauer nicht beruhigt. „In der Realität“ – auch dieser Satz wird ausgesprochen – „gibt es kein Happy End.“ http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.theater-im-postbahnhof-von-der-wut-verfuehrt.f55ee8d2-2530-420f-848c-b3f2c9dbf60f.html http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.sommer-theater-im-stuttgarter-hafen-sonne-meer-und-frieden.713c530a-db41-4579-9b86-ac4f6a14043c.html

Weitere Aufführungen: 11., 12. und 13. August jeweils 19.30 Uhr. Treffpunkt an der Haltestelle Hedelfinger Straße, U-Bahn-Linien 9 und 13.

Lesen Sie jetzt