Joachim Löw bleibt auch weiterhin Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Foto: dpa

Die „Bild“-Zeitung hat als erste vermeldet, dass Joachim Löw weitermacht, und sieht darin „eine gute Nachricht“. Andere Medien üben scharfe Kritik – am Bundestrainer und dem DFB.

Stuttgart - Die „Bild“-Zeitung kannte keine Gnade. Sie wusste, wer der Schuldige am frühen WM-Aus war, und forderte umgehend Konsequenzen. „Herr Vogts, unterschreiben Sie hier!“, so stand auf dem Rücktrittsschreiben, das das Deutschlands größtes Boulevardblatt nach der Viertelfinalniederlage gegen Bulgarien bei der WM 1994 auf seiner Titelseite platzierte. Bundestrainer Berti Vogts dachte gar nicht daran, er blieb im Amt – und wurde zwei Jahre später Europameister.

Diesmal ist die deutsche Nationalmannschaft schon lange vor dem Viertelfinale ausgeschieden. Als Gruppenletzter musste das Team von Joachim Löw bei der WM in Russland schon nach der Vorrunde den Heimweg antreten – ein historisches Debakel. Rücktrittsforderungen wurden dennoch nicht laut, nicht an den Stammtischen, nicht in der Bundesliga und schon gar nicht in der „Bild“-Zeitung. Erstaunlich verständnisvoll ging sie mit dem so kolossal gescheiterten Bundestrainer um – und durfte (zur Belohnung?) am Dienstag exklusiv vermelden, dass Löw auch weiterhin im Amt bleibt. Kein Wunder also, dass Matthias Brügelmann, Chefredakteur Sport der „Bild“-Gruppe, von „einer guten Nachricht für den deutschen Fußball“ berichtete.

„Das könnte zum großen Schaden der Nationalmannschaft werden“

Während der Boulevard („Gut, dass Löw bleibt!“) jubelt, schlagen viele Kommentatoren der so genannten Qualitätsmedien die Hände über dem Kopf zusammen. „Dass er weitermacht und die Regeln der Leistungsgesellschaft nicht so viel zählen, wie sie müssten, könnte nicht nur zum großen Schaden der Nationalmannschaft werden“, schreibt Michael Horeni, intimer Kenner des DFB, in der „FAZ“: „Auch der Bundestrainer droht, falls er sich und sein Team nicht grundlegend ändert, sich selbst vom Sockel zu stürzen, auf dem sein Denkmal trotz des Scheiterns noch gestanden hat – und auf dem es bei einem Rücktritt immer geblieben wäre.“ Der DFB müsse sich „vorwerfen lassen, einen Grundsatz zu ignorieren, der auch für einen Trainer mit den Verdiensten Löws gilt: Ein echter Neuanfang ist mit alten Kräften nicht möglich“.

„Löw hätte zurücktreten können und das eigentlich auch müssen“

Auch „Tagesspiegel“-Reporter Michael Rosentritt, schon bei der WM 1994 im Einsatz, hält es für die falsche Entscheidung, dass Löw weitermacht: „Die Botschaft ist verheerend. Selbst dann noch, wenn man ein großes, ein bedeutungsvolles Projekt massiv gegen die Wand gefahren hat, darf man fortfahren, als wäre nichts passiert.“ Löw hätte „zurücktreten können und das eigentlich auch müssen. Das hat die Mehrheit der Deutschen so zwar nicht öffentlich gefordert, gleichwohl hätten es die allermeisten in diesem Land als verantwortungsvoll und vor allem als anständig empfunden“. Vertan sei „eine gute Gelegenheit, als einer der ganz großen deutschen Trainer von der Bühne zu gehen“.

„Verständlich von Löw, ein Fehler des Verbands“

Scharfe Kritik am DFB übt „Spiegel online“: „Der DFB hat auf seine Art auf die schwächste WM der deutschen Fußball-Geschichte reagiert – mit Nichtstun. Er hatte Bundestrainer Joachim Löw schon im Vorfeld eine Jobgarantie gegeben und nach dem Aus in Russland daran festgehalten. Löw nahm dankend an. Verständlich von Löw, ein Fehler des Verbands.“ Die Mentalität des Verbands sei in den vergangenen Wochen klar zutage getreten: „Die Realität kann nichts an der Bewertung der Arbeit von Joachim Löw ändern. Keine Reaktion ist auch eine Reaktion. Es ist in diesem Fall die falsche Reaktion.“

„Im Ausland gibt es ohnehin bessere Trainer!

Auch WM-Reporter Oliver Fritsch von „Zeit online“ meldet Bedenken an: „Beim DFB heißt es: Weiter so! Das ist nicht nur eine bequeme, sondern auch eine riskante Entscheidung. Russland ist eine Bürde für Trainer und Mannschaft.“ Dass es keine andere Lösung geben soll, „kann man kaum glauben. Man könnte ja mal im Ausland suchen, da gibt es ohnehin bessere Trainer. Und dass die „Bild“-Zeitung als erste wusste, dass Löw weitermacht, erinnert an düstere Zeiten.“

„Löw verdient Loyalität und Nachsicht“

Mehr Verständnis hat der langjährige Nationalmannschaftsreporter Philipp Selldorf von der „Süddeutschen Zeitung“: „Löws Trainerqualitäten haben dem deutschen Fußball jahrelang hohes Ansehen beschert, er verdient Loyalität und Nachsicht.“ Zwar habe der Bundestrainer in Russland „schlechte Arbeit geleistet“, doch habe er „in den zwölf Jahren zuvor so viel richtig gemacht, dass er sich dieses Scheitern leisten darf“.

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