Premierenparty auf dem Cannstatter Wasen Wie gefällt Promis der Weltweihnachtscircus?

Von Uwe Bogen 

Die russische Seele ist bekannt für rätselhafte Melancholie. Im wildtierlosen Weltweihnachtscircus mischt sie sich auf dem Wasen mit Glamour, Kitsch und Glitzer. Wir haben uns umgehört: Wie hat Promis die Premiere gefallen?

Stuttgart - Bei der orkanartig bejubelten Premiere des 26. Weltweihnachtscircus sitzt Comedian Michael Gaedt zwar auf der anderen Seite der Manege, also außerhalb, für Späße aber fühlt er sich auf jedem Platz diesseits und jenseits zuständig. Prompt merkt der Gelbbrillenträger bei der After-Show-Party im Foyer kritisch an: „Ich weiß nicht, ob das alles hier korrekt ist mit der artgerechten Mädchenhaltung.“

Zweifel an der artgerechten Wildtierhaltung im Zirkus waren im vergangenen Jahr auf dem Wasen ein Gesprächsthema. Jetzt, da es keine Löwen und Nashörner unterm Chapiteau gibt, ein Jahr, bevor der Gemeinderat dies verlangt, dreht Herr Gaedt das Thema weiter. In der Show haben schließlich attraktive Artistinnen und Tänzerinnen viel zu tun. Die Gäste um den Comedian herum lachen über die artgerechten Mädels, aber nicht alle. Kollege Roland Baisch lacht nicht. „Den Witz hat der Michael heut’ schon zweimal gebracht“, sagt der Entertainer, bekannt als „grauer Star“.

Roland Baisch ist begeistert: „Mehr geht wirklich nicht“

Gut, auch Clown Housch ma Housch, ein Star des neuen Programms, muss seine Späße bis zu dreimal täglich im Weltweihnachtscircus bringen. Sein Lieblingswort lautet: „Kaputt“. Das Publikum lacht sich kaputt. Es kann passieren, dass der 45-Jährige einem vorlauten Zuschauer ein weißes Tuch über den Kopf zieht und ihm noch die dunkle Brille eines Logennachbars aufsetzt, damit er wirklich nix mehr sieht.

Housch ma Housch, der viele Jahre im Pariser Lido aufgetreten ist, beweist, dass ein Mann solo ein voll besetztes Zelt mit über 2000 Zuschauern packen kann. Er ist der Gegenentwurf zur Opulenz des vielköpfigen Ensembles aus Moskau. Der Gia Eradze Royal Circus zieht pompös, bunt und melodramatisch mit ständig wechselnden Gllitzerkostümen alle Register. Als Roland Baisch den Pianisten sah, der im Springbrunnen seines Flügels tanzte, dachte er, wie bei der Party später erzählt: „Mehr geht wirklich nicht!“

Mehr Kitsch geht nicht? Lothar Hasl, Kommunikationschef des SWR, ist ein Fan davon: „Wenn schon Kitsch, dann richtig!“ Feen, die Sternenstaub ins Zelt pusten, tanzende Schneemänner, ein Leuchtbaum, der bis zum Dach hochschießt, Silberschnee, der in Herzform herabrieselt – die Weltmeister der Gefühlsseligkeit kommen aus Russland.

Weltmeister Stäbler: „Die Motorradnummer ist Wahnsinn“

Von „Putin-Festspielen“ spricht einer der Promis, der nicht namentlich zitiert werden will. Die Einzeldarbietungen, sagt er, hätten ihm besser gefallen als das pompöse Ballett. Bei diesem denkt manch einer, es fehlt jetzt nur noch, dass Designer Harald Glööckler aus einem der Fabergé-Eier steigt.

Kunst braucht Stille. Kitsch hingegen braucht Betrieb und etwas Trockennebel.

„Die Motorradnummer“, sagt Ringer-Weltmeister Frank Stäbler, „war echt der Wahnsinn“. Der Blogger und Buchautor Patrick Mikolaj vom Unnützen Stuttgartwissen pflichtet ihm bei: „Selten habe ich so etwas Beeindruckendes gesehen wie die zehn Motoradfahrer in einer kleinen Kugel.“ Paralympics-Sieger Niko Kappel ist hin und weg: „Klasse Artistik und eine geniale Show!“ Das Programm sorgt bei Sänger Damiano Maiolini („Voice of Germany“) für Gänsehaut: „Da kommt man so richtig in Weihnachtsstimmung.“

Auch Unternehmer Hans Peter Stihl, ein Zirkusfan „seit meiner Kindheit“, ist voll des Lobes. Volker Kauder, als CDU-Fraktionschef im Bundestag abgewählt, war gegen das Wildtierverbot. Dass es in Stuttgart anders gekommen ist, „kann man nicht ändern“, sagt er nüchtern. Fotografieren lässt sich Kauder nicht. Er sei „privat“ hier. Zur Premierenparty geht der 69-Jährige nicht, weil er anderntags früh zum CDU-Parteitag nach Hamburg fliegt. Wen sich Kauder an der Spitze der Union wünscht? „Ich bin nicht Schäuble und sag’ dazu nichts“, antwortet er. Außerdem gesehen: Äffle-und-Pferdle Autor Heiko Volz, Friedrichsbau-Chef Timo Steinhauer, Weltklasse-Turnerin Elisabeth Seitz, SWR-Moderatorin Annette Krause, Handballspielerin Anna Loerper, Andreas G. Winter, der Vorsitzende der Grünen im Gemeinderat, Magier Topas, Freestyle-Skifahrer Daniel Bohnacker und viele andere.

Erlös der Premiere geht an die Olgäle-Stiftung

Zirkuschef Henk van der Meijden spendet den Erlös der Premiere an die Olgäle-Stiftung für das kranke Kind. Deren Vorsitzende Stefanie Schuster (sie sitzt mit ihrem Mann, dem früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster, in der Emporen-Loge mit dem Regisseur Gia Eradze, dem Leiter des Royal Circus Moskau) hat bei bei etlichen Nummern kaum zuschauen können. Immer erleichtert sei sie, „wenn alles gut ausgeht“.

Comedian Michael Gaedt erklärt derweil die Manegenwelt. Wer die Quick-Change-Illusion nicht durchschaue mit dem flinken Kleidertausch, sei selber schuld: „Man muss halt nur schnell genug hinschauen.“

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