In Rossinis „Barbier von Sevilla“ und „La Cenerentola“ hat er das Stuttgarter Opernpublikum schon begeistert. Von diesem Freitag an ist Adam Palka in Jossi Wielers und Sergio Morabitos dritter Bellini-Inszenierung zu erleben.
Stuttgart - In der Oper sind Bässe meist dunkle Gestalten: einsame Figuren, böse Männer, Intriganten, Scheiternde, zerrissene Potentaten; im charakterlichen Idealfall (und vor allem in Werken des 19. Jahrhunderts) sind sie manchmal auch Trottel, die man hinter’s Licht führt. Wer weiß, dass Adam Palka, wenn man ihm nicht Talent zum Singen attestiert hätte, aus lauter Lust an der Bühnenkunst womöglich Schauspieler geworden wäre, der könnte versucht sein, den Begriff des Spielbasses extra für diesen wunderbaren Sänger-Darsteller neu zu definieren. Schließlich ist Palka ein Bass, der spielt. Oder ein Schauspieler, der Bass singt.
Das Stimmfach des Spielbasses, der als komischer Alter für Gelächter auf der Bühne und im Publikum sorgt, bedient der 33-Jährige zwar auch, aber: „Ich mag komplizierte Charaktere“, sagt Adam Palka, und so einen Charakter gibt er auch in der letzten Neuproduktion dieser Spielzeit an der Oper Stuttgart. In „I Puritani“ („Die Puritaner“) ist Palka der Onkel und engste Vertraute der Protagonistin Elvira (Ana Durlovski), der dieser die Welt zeige, „wie sie sein könnte“, und „dass Elvira über der Reibung von Traum und Wirklichkeit den Verstand verliert“, gibt Palka zu, „ist auch ein bisschen meine Schuld“. „Ich bin wie ein Zauberer“, sagt Adam Palka über seine Rolle im Stück. Und „Ich bin schon ein bisschen exhibitionistisch“, sagt der Sänger Palka über den Bühnenmenschen gleichen Namens, der – das spürt man – immer wieder mal gerne vor Publikum die Sau rauslässt.
Zwischen Kampfgesang und Hochzeitsjubel
Unbestritten: „Die Puritaner“, Bellinis letzte Oper, ist die musikalisch reifste des Komponisten, und im zweiten Akt darf der Stuttgarter Ensemblebass an einem Duett mitwirken, das nicht nur auf Verdis „Don Carlo“ vorausweist, sondern auch zum Schmissigsten gehört, was je für zwei Männer komponiert worden ist. Dass das Stück wegen der nur kurzen Wegstrecken zwischen Kampfgesang und Hochzeitsjubel und aufgrund etlicher nur spärlich motivierter Handlungen dramaturgisch schwierig ist, sei in der Stuttgarter Inszenierung kein Thema: „Bei Jossi Wieler“, sagt Adam Palka“, „ist alles klar. Und über jede Figur spannt sich ein Bogen: Wir fangen an, entwickeln uns und sind am Ende ganz anders. Das zu spielen, macht großen Spaß.“ Mehr will der Sänger nicht verraten – überraschen soll der Abend schließlich auch noch.
Blicken wir also zurück. Wie kommt ein seit seiner frühen Kindheit in die Musik vernarrter gelernter Cellist, der – vielleicht auch, weil ihm niemand die richtige Technik und Lockerheit der Hände vermittelte – mit 18 seine Grenzen erreicht hatte, aus einer westpolnischen Kleinstadt an die Stuttgarter Oper? Glück, Arbeit und Talent haben diesen Künstler wohl in konzertierter Aktion vorangetrieben. Da war eine Gesangslehrerin in der Heimatstadt, die den Musikgymnasiasten erfolgreich für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Gdánsk (Danzig) präparierte, wo Adam Palka sechs Jahre blieb. Der Zufall sorgte für Engagements in kleinsten Rollen an der Oper von Gdánsk, und nachdem der Bass einmal kurzfristig als Sparafucile („Rigoletto“) in Warschau eingesprungen war, kam er über Francisco Araiza zum Züricher Opernstudio.
„Ich bin nicht gut im Improvisieren“
Lachend erzählt Palka von der letzten Probe zur Wiederaufnahme einer Uralt-Inszenierung des „Troubadours“ in der Oper Zürich, bei der er bibbernd vor Aufregung und als Einziger in Kostüm und Maske bereit stand, um die zwei Sätze zu singen, die Verdi der winzigen Partie des Alten Zigeuners zugesteht – bis der Dirigent Adam Fischer die Probe kurz vor dem Herzschlag-Auftritt des Nachwuchssängers mit den Worten abbrach, diese Szene müsse man ja wohl nicht proben . . .
Als Mitglied des Opernstudios nutzte Palka die Gelegenheit, bei den Proben mit großen Sängern und Dirigenten dabei zu sein. Und eine Agentin vermittelte ihn an die Düsseldorfer Oper am Rhein, wo er sich zwischen 2010 und 2013 vom fünften Juden in Strauss’ „Salome“ über den Colline in „La Bohème“ bis hin zum Figaro in Rossinis „Barbier von Sevilla“ und zu Mozarts Leporello nach oben sang. Wobei Palka den Düsseldorfer „Don Giovanni“ schon deshalb nicht vergessen wird, weil die Regisseurin Caroline Gruber den Diener dort als devoten Masochisten interpretierte. „Das“, sagt der Sänger, „war ein bisschen verrückt, hat mir aber sehr gefallen“, und überhaupt habe er keine Probleme selbst mit ungewöhnlichen Inszenierungs-Ideen, wenn diese nur logisch seien, Teile eines schlüssigen Konzepts. Und manche Regisseure – wie etwa auch Jossi Wieler – seien so gut vorbereitet und brächten so viele Ideen ein, dass sie es ihm selbst bei den Charakteren leicht machten, die er am liebsten spielt: bei den komplizierten. „Ich bin“, gibt Palka zu, „nicht besonders gut im Improvisieren. Wenn ich mir selbst etwas ausdenken soll, muss ich erst einmal eine Nacht drüber schlafen, bevor ich etwas anbieten kann.“
So richtig die Sau rauslassen
Adam Palkas Sprechstimme liegt auffällig höher als seine Singstimme. Darauf angesprochen, rückt sich der Bass auf dem Stuhl zurecht – und schwupps, tönt das Organ ganz dunkel. Das, sagt er dann, möge er aber gar nicht, es sei nicht authentisch. Tenor hätte er aber nie werden wollen: wegen der Stimmlage, wegen des Repertoires und wegen der Perspektiven. „Als Bass habe ich zwar nicht die berühmtesten Arien, aber ich kann mich langsam entwickeln, kann meine Fehler bei den kleinen Partien am Anfang der Karriere machen und korrigieren. Ich muss nicht mit fünfzig Jahren aufhören, weil mich dann keiner mehr als jugendlichen Liebhaber engagiert, und ich profitiere davon, dass es in jeder Oper zwar nur eine Sopranistin und eine Mezzosopranistin gibt, aber mindestens fünf Partien für Männer, und die meisten davon sind für tiefe Stimmen.“
Wo sieht Adam Palka seine Perspektiven? „Ich träume von Philipp II., Attila, Boris Godunow. Aber ob meine Stimme das auch will, weiß ich noch nicht.“ Arbeiten müsse man, immer weiter an sich arbeiten – und sich von möglichst unterschiedlichsten Seiten Rat holen, „weil ein einziger Lehrer wiederkehrende Fehler nach ein paar Monaten einfach nicht mehr hört“. Immer wieder zieht sich der Bass auf die Probebühne zurück. „In kleinen Räumen klingt jeder wie Caruso“, sagt er, stellt sein Aufnahmegerät in die eine Ecke des Saales, sich selbst in eine andere, und dann singt er nur für sich: ein einsamer Bass. Gäbe es für einen wie ihn die „Cenerentola“ und den „Barbier von Sevilla“ nicht, wo er so richtig die Sau rauslassen kann: Er könnte und müsste glatt selbst den Verstand verlieren.
Premiere am Freitag, 8. Juli 2016, um 19 Uhr. Restkarten eventuell an der Abendkasse.