Im Zauberolymp: Sylvana Krappatsch als Ariel und André Jung als Prospero in Shakespeares „Sturm“ in Stuttgart Foto: T+T Fotografie / Toni Suter

Macht, Musik und Budenzauber: Großartige Schauspieler machen Shakespeares Drama „Der Sturm“ im Schauspielhaus Stuttgart zum Highlight der Theatersaison.

Hörst du auch zu? Das ist jetzt wirklich wichtig!“ Prospero schaut seine Tochter Miranda streng an. Sie steht gelangweilt wirkend da, nickt. Doch, doch, schon. Die Geschichte würde ja Taubheit heilen, gibt sie mit leicht ironischem Unterton zur Antwort, so als glaube sie nicht wirklich, was der Mann in dem ausgefransten alten Mantel da erzählt: Er sei Herzog von Mailand gewesen, habe aber zu viel Zeit mit Lesen und Studieren verbracht, woraufhin sein Bruder Antonio das Ruder übernommen, mit dem König von Neapel gemeinsame Sache gemacht, Prospero und seine Tochter vertrieben habe.

 

Dann aber horcht die von Camille Dombroswki so charmant wie bodenständig gespielte Miranda doch auf und stellt die richtige Frage. War die Verbannung auf eine verlassene Insel Fluch oder Segen? Auch wenn André Jungs Prospero rasch mit einem salomonischen „sowohl als auch“ antwortet, die Zweifel bleiben in Burkhard Kosminskis „Sturm“-Inszenierung im Stuttgarter Schauspielhaus. Denn nicht nur eignet sich das Spätwerk Shakespeares als Theaterkommentar, bei dem allerhand Budenzauber mit Schaukel in der Luft, Drehbühne, Rauch, Nebel, Musik aufgeführt werden kann, sondern auch als Statement zur ewig menschlichen Gier nach der Macht.

Die Tochter wird instrumentalisiert

Als Prospero irgendwann seinen Posten als Herzog zurückgewinnt und mit den ehemaligen Feinden von dannen zieht, schaut er ziemlich unglücklich drein. Der Zauberer ist sich womöglich selbst auf den Leim gegangen. So klug und analytisch hat der Patriarch seinen Plan geschmiedet, so vernünftig seine Zauberkräfte eingesetzt und alle – samt der eigenen Tochter – instrumentalisiert. Er hat einen herrlichen Sturm inszeniert, das Schiff seiner Feinde zum Kentern gebracht, Alonso (David Krahl), den König von Neapel, fürchten lassen, Sohn Ferdinand (Marco Massafra) sei ertrunken. Als Alonso ihn zurückbekommt, ist er so glücklich, dass er Prospero den Titel wiedergibt und die Ehe von Ferdinand und Miranda billigt, was wiederum Prosperos Machtbereich über Mailand hinweg bis nach Neapel ausdehnen dürfte.

Doch was tun mit den ehemaligen Rivalen? Mit dem hervorragend singenden, doch naiven Alonso, dessen dussligem Bruder Sebastian (Felix Strobel), seinem eigenen intriganten Bruder Antonio (Reinhard Mahlberg)? Und mit den Vasallen Stephano (Christiane Roßbach) und Trinculo (Sven Prietz), die neue Inselkönige werden und Prospero mithilfe von Prosperos Sklave Caliban (Evgenia Dodina) ermorden wollten?

Kann er ihnen wirklich vergeben? André Jungs Prospero war bisher so jovial wie beherrscht; mit einem lässigen Fingerschnippen gelang ihm alles. Nun, wo er die Bande auf einer kleinen Bühne versammelt und in Irrsinnsgesten gebannt vor sich stehen hat, zaudert er, hangelt sich an den Bühnenvorhängen entlang, kämpft mit sich. Sein Blick ist düster, verloren, verzweifelt. Rache oder Vergebung? Wär ich Mensch, sagt Ariel (Sylvana Krappatsch), würde sich mein Gemüt erweichen lassen.

Um nicht vor dem Luftgeist als Unmensch dazustehen, murmelt Prospero – keineswegs überzeugt klingend – etwas wie „ na klaaar, bin auch gerührt“. Das ist der Moment in diesem knapp zweistündigen, sonst so unterhaltsam vor sich hin schnurrenden Abend, in dem es ums Existenzielle geht. Und das beherrscht kaum ein Schauspieler so wie André Jung, der hoffentlich nicht nur für dieses eine Engagement in Stuttgart gastiert: seine Figur, diesen scheinbar kühl kalkulierenden Machtmenschen mit einem Blick, einer Geste ins Bodenlose stürzen zu lassen.

Ariel kocht schier vor Wut

Mehr nur als Mahner und Helfer ist in diesem Ränkespiel Sylvana Krappatschs Ariel, der sich seine Freiheiten nimmt, Marotten seines Herrn spöttisch kommentiert, streng auf seine Rechte als Arbeitnehmer pocht – „Ich habe Pause!“ –, vor Wut tatsächlich schier kocht und dem es aus seinem Kleidern heraus raucht, als Prospero immer noch eine und noch eine Aufgabe für ihn hat, denn eigentlich will er frei sein.

Sie sind ein derart eingespieltes Team, dass sie wie Eltern am Rand dastehend wirken, beglückt darüber, dass ihre Künste gelingen, Miranda und Ferdinand ineinander verliebt zu machen. Doch dann, als Prospero Ariel wie versprochen entlassen hat, die Bühne leer und öd ist, er und Caliban allein im Dunkel über die Bühne schlurfen, sieht man förmlich, wie er denkt, dass die neue Freiheit ziemlich öd ist.

Und auch Prospero wünscht man schier, dass er all die Geschichten mit dem Sturm nur ausgedacht hat, denn was will der gelehrte Herr mit diesen intriganten Gestalten, die sich schon auf der Insel beinahe gegenseitig gemeuchelt hätten? Die Geschichte jedenfalls ist mit der Versöhnung nicht wirklich ausgestanden – und ruft nach einer Fortsetzung der mit kruden Wendungen an eine Familien-TV-Soap gemahnenden Story.

Vorgeführt wird auf dieser dunklen Bühne eine nebulöse Welt voller Intrigen, wo es keine Freunde gibt und Liebe vielleicht nur durch Zaubersprüche entsteht. Utopische Entwürfe von Gleichheit und Freiheit, die bei Shakespeare durch den königlichen älteren Rat Gonzalo skizziert werden – gestrichen. Dass aber Shakespeares Unterhaltungskünste auch vierhundert Jahre nach der Erstaufführung noch hervorragend funktionieren, das zu zeigen ist dem Regisseur und dem großartigen Ensemble hervorragend gelungen. Ebenso, wie zu demonstrieren, was das Theater im besten Falle sein kann: Magie.