Maya Fanke inszeniert das Psycho-Spiel „Ellen Babic“ am Studio Theater – ein Stück zu Metoo und über die Grauzonen menschlicher Beziehungen.
Regen bedeutet meistens Unheil. In „Ellen Babic“, Marius von Mayenburgs Psycho-Spiel für zwei Frauen und einen Mann, schüttet es wie aus Kübeln, als Wolfram (Burkhard Wolf) zum Glas Wein bei seiner Kollegin Astrid (Schirin Brendel) aufschlägt. Wolfram ist Astrids Vorgesetzter; Direktor jenes Gymnasiums, an dem Astrid Englisch unterrichtet. Das Treffen der beiden sei quasi dienstlich, beruhigt Astrid ihre Freundin Klara (Esrah Ugurlu), die über Wolframs Besuch überhaupt nicht erfreut ist. Klara kennt Wolfram noch aus ihrer eigenen Zeit als Schülerin, sie ist wesentlich jünger als Astrid, und befürchtet, Wolfram könne sie an ihrem ungewöhnlichen Namen erkennen.
Klischee eines übergriffigen Manns
Sofort ist da dieser untergründig wummernde Verdacht im Raum, Klaras Panik vor Wolframs Erscheinen könnte auf eine Missbrauchserfahrung hindeuten. Und tatsächlich erfüllt Wolfram das Klischee eines schon allein in seinem Auftreten übergriffigen Mannes, der sich, kaum im Wohnzimmer des Paares, über die von Astrid gesammelte Literatur lustig macht, und seiner Kollegin die nassen Schuhe mit dem Hinweis übergibt, er habe keinen Körpergeruch.
Ein Ekelpaket par excellence
Wenn es darum gehen soll, Wolfram, dieses offenkundige Ekelpaket, des sexuellen Fehlverhaltens an Schutzbefohlenen zu überführen, ist der Abend schnell gelaufen, denkt man, voreingenommen und manipuliert von den überdeutlichen Anspielungen. Aber so leicht macht es sich der Dramatiker Marius von Mayenburg mit seinem 2022 am Nationaltheater Reykjavik uraufgeführtem Dialogkrimi nicht.
Maya Fanke hat das auf gute Weise fiese Stück nun in der klaustrophobischen Enge des Stuttgarter Studio-Theaters inszeniert, mit geringsten Mitteln im gebogenen, nach vorne und hinten geöffneten Bühnenschlauch, in den das Publikum von zwei Seiten blickt. Ein feiner Fadenvorhang, drei mit Cordsamt bespannte Sitzhocker und ein runder Plüschteppich täuschen elegant reduzierte Wohnlichkeit vor, die fahle Beleuchtung und eine meist subtil zirpende Hintergrundmusik beschwören das glatte Gegenteil. Marius von Mayenburg beschäftigt sich in seinen Dramen immer wieder mit Themen wie Angst, Macht und Missbrauch im sozialen Nah- und Intimraum. In „Ellen Babic“ sind alle Beteiligten sowohl mögliche Opfer als auch Täter, die um das im Titel bezeichnete Zentrum kreisen – jene Ellen Babic, eine von Astrids Schülerinnen, die selbst nie physisch anwesend, aber Bedingung ist für den eskalierenden Streit zwischen Wolfram, Astrid und Klara.
Stark ist das Stück wegen seiner konkreten, schnörkellosen Sprache mit von Maya Fanke über weite Strecken fast atemlos getakteten, oft abrupt abbrechenden Sätzen. Während sich Menschen in der Wirklichkeit hinter Floskeln und Euphemismen verschanzen, schlagen von Mayenburgs Figuren gnadenlos zu, das ist auch in „Ellen Babic“ nicht anders. Besonders intensiv wirkt diese unverhohlene Verbalaggressivität in beherrschter Ruhe. Ein paar Mal brüllen Schirin Brendel und Burkhard Wolf ihre Wut überlaut in den engen Raum hinein, worauf die zuvor aufgetürmte Spannung in sich zusammen fällt.
Das Publikum muss selbst Position beziehen
„Ellen Babic“ ist ein Stück zum Zeitgeist, über Metoo, über die bohrende Frage, ob es so etwas wie eine verbindliche Wahrheit, eine klare Täter-Opfer-Konstellation und eine benennbare Trennlinie zwischen Liebe und Übergriff überhaupt gibt. Oder ob nicht doch alles, was Menschen im gefährlichen Spannungsfeld sozialer Beziehungen erleben, bloß eine Frage der Perspektive ist.
„Ellen Babic“ fordert das Publikum heraus, nachzudenken, selbst Position zu beziehen. Dass das in diesem Fall enorm schwer fällt, mag unangenehm sein. Aber genau das ist gut.
Ellen Babic: Studio-Theater, Vorstellungen 8. bis 11., 15. bis 18. und 23. bis 25. April, jeweils 19.30 Uhr. Karten unter: www.studiotheater.de