Falk Richter rückt in einer Bearbeitung von Shakespeares „Lear“ im Stuttgarter Schauspielhaus unzeitgemäße Geschlechterrollen zurecht und lässt Ideen zur Abwendung des Klimakollapses vorsingen. Funktioniert das?
Die Kriminalstatistik auf deutschsprachigen Bühnen verheißt nichts Gutes, das Stück der Stunde ist Shakespeares „Lear“. Blut fließt nach Messerangriffen, gemeuchelt wird auch mit Gift. In Gang gesetzt hat das große Sterben die Titelfigur, König Lear. Er hinterlässt seinen Töchtern in Falk Richters Inszenierung, so wie es im Drama steht, ein Königreich. Aber das besteht aus verbrannter Erde auf einem fast kaputten Planeten, weshalb auf der Bühne des Schauspielhauses alle zwischen Aschehaufen herumstolpern. Und dann zetteln Lear und seine Jungs auch noch politische Intrigen an. Am Ende sind fast alle tot.
Ein passendes Stück also, um wieder einmal klar zu machen, wer die drohende Klimakatastrophe verursacht hat durch Machtspiele, Gier und kurzsichtiges Handeln: der alte weiße Mann. Das Problem ist nur, es ist eher ein tiefschwarzes Märchen als ein psychologisch schön austariertes Werk. Und wenn man versucht, den Text aus dem frühen 17. Jahrhundert mit der Gegenwart kurzzuschließen, wird es schwierig. Der Frauen wegen vor allem. Zwei der drei Lear-Töchter entpuppen sich als mindestens so heuchlerisch, machtgierig, brutal wie die Männer. Und sie verfügen über einen bemerkenswert schlechten Geschmack bei der Wahl ihrer Liebhaber.
Das Ensemble in Stuttgart überzeugt
Wozu das Drama also überhaupt spielen? Vielleicht, weil es auch sprachmächtig ist, skandalöse Wendungen inklusive. Feinstes Schauspielfutter, das Stuttgarter Ensemble weiß es zu nutzen. Gut, wenn jetzt der Regisseur auch ein Autor ist und etwas dazuerfinden kann, wo es nicht recht passt. So wie er das in seiner Auftragsarbeit für das Königliche Dramatische Theater in Stockholm getan hat, die am Samstag in Stuttgart ihre deutsche Erstaufführung erlebte und dem Publikum neben Jubel auch Buhs entlockte.
„Lear“ wird aufgeführt, aber mit zusätzlichen Texten und mit einer Rahmenhandlung, die Parallelen zum Stück aufweist (sie werden zuweilen überdeutlich vorgeführt). Ein berühmter Theaterregisseur wird während seiner „Lear“-Probenzeit todkrank. Tochter Karin (Sylvana Krappatsch) „erbt“ die Produktion, derweil er das Klinikpersonal drangsaliert und im Wahn Ähnliches durchlebt wie Lear. Der wird (ebenso wie der Vater) von André Jung glorios verkörpert: wild, stolz, cholerisch, gänzlich unweinerlich, unmerklich irr werdend, als die Töchter ihn im nächtlichen Sturm aus dem Haus jagen. Regisseurin Karin kommentiert dies kühl: „Die Eltern bekommen genau die Kinder, die sie verdient haben.“
Das erste Bild der dreistündigen Inszenierung ist ein Video mit André Jung als Regisseur auf dem Krankenbett liegend, während die souverän zwischen Wut und Verletzlichkeit changierende Sylvana Krappatsch als Tochter auf einer Probebühne sitzt, mit ihm telefoniert, sich seiner Ratschläge zu erwehren versucht, sich durchs blonde Kurzhaar streicht und motzt: „Ich muss da auch . . . erst mal meinen EIGENEN Zugriff drauf . . . Papa, ich bin eine erwachsene Frau, ich übernehme das gerne für dich, aber ich bin kein Roboter, den du aus der Klinik fernsteuern kannst.“
Parallel dazu wollen die Leartöchter ihr Ding machen und mit der Macht den Planeten retten. Leicht ungeduldig erklärt die von Josephine Köhler gespielte Regan dem Papa: „Nach all den Exzessen der letzten Jahrzehnte sind unsere Ressourcen so gut wie aufgebraucht.“ Gemeinsam mit Goneril (Katharina Hauter) präsentiert sie singend – Szenenapplaus hierfür – das „neue innovative Programm“, das sie „auf den Weg bringen“, um seiner „desaströsen Amtsbilanz entgegenzusteuern“. Die Details lassen sich ähnlich im Programm von Klimaaktivisten nachlesen. Eine gehaltvolle Entgegnung des alten weißen Mannes, um den Disput interessant zu befeuern, gibt es nicht. Lear steht denkbar Trump-tumb da: „Ich bin ein freier Mann! Und Freiheit bedeutet Konsum, bedeutet Besitz, bedeutet Überfluss!“
Dass Karin das Trauma mit dem dominanten Dad nicht überwunden hat, zeigt sich in ihrer Beziehung zum Darsteller des Lear-Freundes Kent. Michael Stiller interpretiert ihn als sanft säuselnden Machtmenschen. Karin will Lears Narren mit einer realen Komödiantenperson besetzen. In Videos sieht man etwa Ídil Baydar, die das Stück so auf den Punkt bringt: „Der Opa hat Scheiß gebaut!“ Weil niemand recht passt, schlägt der Kent-Schauspieler vor: „Den Narren spiel ich auch noch“. Schade, die Kandidatinnen und Kandidaten waren gar nicht schlecht, zumal der Regie für den Narren nur die abgenutzte „Joker“-Gesichtsbemalung aus dem Kinofilm mit Heath Ledger einfällt.
Falk Richters Rahmung müffelt moralinsauer, wenn die leichte Ironie abhanden kommt, die er manchen politisch korrekten Einwürfen unterlegt. Sie hat aber den Vorteil, dass das Drama kommentiert werden kann, wo es schwächelt: Wie kommt ein Vater beispielsweise auf die dumme Idee, den zwei älteren Töchtern alles zu vermachen, die sich am besten bei ihm einschmeicheln und die ehrliche Jüngste (Mina Pecik) zu enterben?
Frauen wollen keine Zicken spielen
Als Goneril und Regan machtgierig werden und um denselben Typen buhlen, findet eine Intervention statt: Sie wollten doch die Welt retten, da passt kein Zickenkrieg. Das große Sterben zum Finale will auch keine spielen. Das zu entscheiden überlässt Karin dem Regieassistenten (Karl Leven Schroder) und dem Ensemble, weil sie im Krankenhaus beim Vater weilt. Das Meucheln wird dann pragmatisch rasch und slapstickhaft abgearbeitet, wobei im Vergiftungswettkampf der zwei Töchter Josephine Köhlers Regan eleganter verröchelt.
Anders als bei Shakespeare hat nicht der männliche Überlebende das letzte Wort, also der grundgute junge, zuvor auf der Todesliste des Königshofes stehende Edgar. Felix Strobel spielt Edgar, der sich als verrückter Philosoph und Sänger tarnt, als eindrucksvoll fahrigen Freak. Den letzten Auftritt hat Tochter Karin. Sie hat den Vater beim Sterben begleitet, offenkundig ihren Frieden gemacht. Eine schöne Geste der Versöhnung zwischen den Generationen. Dass sie möglich ist, daran muss man glauben können.
„Lear“ in Stuttgart
Vorstellungen
Shakespeares Drama „König Lear“, das in Deutschland erstmals 1626 aufgeführt wurde, ist im Schauspielhaus Stuttgart am 11., 14., 23. Februar, am 9., 13. März, 2., 12,. 21. und 26. April zu sehen. Letztmals auf dieser Bühne in Stuttgart zu sehen war das Stück im Jahr 2018 in der Regie von Claus Peymann mit Martin Schwab in der Titelrolle.