Premiere in Stuttgart Die alleinerziehende Tochter

Von Wolfram Hannemann 

  Foto: Verleih
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Anja Jacobs’ Familiendrama „Einer wie Bruno“ hat am Dienstag im Metropol Weltpremiere gefeiert.

„Warum kannst du nicht ein ganz normaler Vater sein?“ In dieser verzweifelt-vorwurfsvollen Frage gipfelt der Konflikt zwischen der 13-jährigen Radost und ihrem geistig behinderten Vater Bruno. Sie sind die Hauptfiguren in Anja Jacobs’ Familiendrama „Einer wie Bruno“, das am Dienstag in Stuttgart als Weltpremiere gezeigt wurde. Der Film ist nicht nur zum größten Teil mit Mitteln der Filmförderung Baden-Württemberg produziert und in Stuttgart und der Umgebung gedreht worden. Auch der Kinosaal, der am Dienstagabend natürlich voll besetzt ist, war einer der Schauplätze des Films der Berliner Regisseurin, die von 1998 bis 2003 an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert hat.

Neben Jacobs ist auch Lola Dockhorn zur Premiere gekommen. Die inzwischen 15-Jährige spielt in „Einer wie Bruno“ die 13-jährige Radost, die nach dem Tod der Mutter schon früh in die Erwachsenenrolle gedrängt wird, weil ihr Vater geistig zurückgeblieben ist. Dass Radost gerade heftig pubertiert, macht das Miteinander nicht wirklich einfacher. Sie möchte sich nicht ständig um Bruno kümmern müssen, sondern ihre eigenen Träume ausleben. Einer davon ist ihr Mitschüler Benny.

Anja Jacobs versteht ihren Film als Plädoyer für den richtigen Umgang mit geistig behinderten Menschen. Und sie wünscht sich, „dass der Zuschauer trotz des schweren Themas lachen und weinen kann“. Eine ihrer Lieblingsszenen ist, als eine Frau von der Lebenshilfe Vater und Tochter betrunken antrifft: „Man muss immer wieder lachen, wenngleich es einem ob der extrem heiklen Situation im Halse stecken bleibt“, sagt sie, „die besondere Herausforderung der Inszenierung lag darin, einen Bruno zu erzählen, der liebevoll, komisch, aber auch unglaublich nervig und peinlich sein kann, ohne dass es albern wirkt.“ Allerdings gibt es eine Diskrepanz zwischen den beiden Hauptdarstellern. Während Lola Dockhorns Darstellung der Radost überzeugt, bewegt sich Christian Ulmen mit seiner Interpretation des Bruno etwas zu sehr in Richtung ­Kasperletheater.

Seine stark überzeichnete Figur ist zwar für viele Lacher gut. Das Drama wird durch das übertrieben Komödiantische jedoch relativiert. Auch hat der Film mitunter mit dem richtigen Timing zu kämpfen. Dazu gehört beispielsweise eine zu lang geratene Parallelmontage, in der sich Brunos Kinobesuch mit Radosts und Bennys Faulenzen im Garten abwechselt. Der guten Laune des Premierenpublikums tut das keinen Abbruch. Es wird gerne und herzhaft gelacht. Und wenn Bruno seinem fiesen und gemeinen Kollegen Karli (souverän: Peter Kurth) endlich einmal unverhohlen die Wahrheit ins Gesicht sagt, spendierten die Gäste Szenenapplaus.

Eifrig geklatscht wird auch am Ende der Filmvorführung. Zunächst treten die Regisseurin und ihre Produzenten vor das Publikum und holen nach und nach das gesamte Filmteam auf die Bühne vor der Leinwand. Insbesondere die Hauptdarstellerin Lola Dockhorn, die in München lebt, die Stieftochter der Schauspielerin Lara Joy Körner ist und schon zuvor im Kinofilm „Räuber Kneißl“ und der TV-Produktion „In aller Stille“ Auftritte hatte, wird von den Premierengästen mit Jubel bedacht. Christian Ulmen fehlte, da er jeden Augenblick Vater werden könnte, wie Anja Jacobs sagte.

Wer dem Filmteam noch ein bisschen näherkommen wollte, hatte bei der anschließenden Aftershowparty im benachbarten 5 dazu reichlich Gelegenheit.

„Einer wie Bruno“ (ab sechs Jahren) ist in Stuttgart im Kino Gloria zu sehen.

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