Sebastian Röhrle mit Ensemble in „Liebe Kannibalen Godard“ Foto: Theater

Was passiert, wenn die Zivilisation im Kannibalismus endet? Dies zeigte die besonders musikalisch überzeugende Inszenierung von Niklas Ritter in der Spielstätte Nord des Staatsschauspiels Stuttgart.

Stuttgart - Es ist ein Abend der suggestiven Bilder. Sie sind das Ergebnis eines klug austarierten Zusammenspiels von Raumkonzeption, Inszenierung und Soundtrack (Musik: Tilman Ritter). Zwischen zwei sich gegenüber liegenden Zuschauertribünen hat Bühnenbildner Bernd Schneider eine Kanallandschaft eingelassen, die mit brackiger Brühe gefüllt ist – hier müssen die Figuren auf schmalen Stegen balancieren. Ein Morast der Konsumbarbarei.

Regisseur Niklas Ritter hat am Mittwoch in der Spielstätte Nord Thomas Jonigks grimmige Endzeit-Farce „Liebe Kannibalen Godard“ als streng stilisiertes Bühnenexperiment inszeniert, das den Untergang unserer Zivilisation vorwegnimmt. Als Vorlage nutzte der Dramatiker Jean-Luc Godards Kino-Meisterwerk „Week-end“ (1967). Mit raffinierten, auch absurd witzigen Bild- und Klangkompositionen spielt dieser Film mit dem Monster im Menschen. Dafür schickt Godard das Paar Corinne und Roland übers Wochenende aufs Land. Hier liegt der Vater der Frau im Sterben, und die beiden hoffen, endlich seine Millionen zu erben. Doch unterwegs geraten die beiden in endlose Staus und Massenkarambolagen. Die mobile Gesellschaft bleibt im Stillstand stecken und strandet in einem Albtraum: Die Regeln der Zivilisation sind außer Kraft gesetzt, es herrscht nur noch das Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens.

„Ich liebe dich“ und „Ich liebe dich auch“ schweben als Wortblasen durch den Raum

Thomas Jonigk fängt Godards radikale Gesellschaftskritik dreißig Jahre später mit kunstvoll-brachialer Sprache ein. Niklas Ritters Inszenierung versucht eine Synthese aus Godards kaltem Film-Ton und Jonigks vehementem Frontalangriff auf eine enthemmte Konsumgesellschaft. Dabei verwässert der Regisseur manche Stückaussage, einige Szenen geraten ziemlich statisch. Und doch überzeugt der lapidare Gestus, mit dem die acht Darsteller Jonigks Personal als „Ware“ vorführen. „Eine Ware, die konsumiert und deshalb produziert werden muss.“

Die Protagonisten eines makabren Untergangsspiels werden auf den Stegen über den Kanaltümpeln in Posen ausgestellt, besonders in der gut gelungenen Eingangsszene. Zu Zigaretten rauchenden Sprechautomaten erstarrt, artikulieren sie ihre Gemeinheiten stoisch ins Leere: das biedere Paar Corinne (Susanne Böwe) und Roland (Andreas Leupold) nebst Corinnes Liebhaber und Rolands Geliebter. Sätze wie „Ich liebe dich“ und „Ich liebe dich auch“ schweben als Wortblasen durch den Raum.

Dicke Schwaden aus der Nebelmaschine legen sich über das Inferno eines von den Schauspielern gekonnt simulierten Autocrashs. Aus Farbflaschen fließt Blut. Das Chaos zieht allerlei skurrile Gestalten an. Eine Biedermeier-Mademoiselle schwadroniert über die Barthaare von Kätzchen. Eine Bande von Kannibalen im Business-Look (Kostüme: Ines Burisch) taucht auf. Mit Spielzeugpistolen knallen die drei jeden ab, dessen Nase ihnen nicht passt. Schwelgerisch doziert der Anführer (sehenswert skrupellos: Johann Jürgens) neben den Leichen über die Qualität der Musik Mozarts. Um im nächsten Augenblick auf Corinne zu urinieren, ehe er ihren Mann abknallt.

Der Sarkasmus solcher Szenen verstärkt sich durch musikalische Kommentare: Cello und Klavier vereinen sich live zum kammermusikalischen Zwischenspiel. Daneben dringen aus dem Off neben dem dezenten Swingen eines Schlagzeugs die zarten Klänge eines Streichquartetts auf die Bühne.

Den Höhepunkt niederer Instinkte aber zeigt das Schlussbild: Ein als Koch verkleideter Kannibale (Sebastian Röhrle) serviert einer enthemmten Tischgesellschaft kulinarische Köstlichkeiten. Darunter den mit feinem Gemüse umlegten Kopf des massakrierten Roland. Genüsslich verspeist Corinne die Zunge des toten Gatten – die Zivilisation endet im Kannibalismus.

Nächste Aufführungen: 8., 19. und 30. 12., jeweils 20 Uhr. Karten: 07 11 / 20 20 90.

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