Drei Generationen im Dialog: Franziska Theiner, Lily Frank und Gesine Hannemann in „Muttersprache Mameloschn“. Foto: Björn Klein

Alexander Vaassen inszeniert an der Esslinger Landesbühne „Muttersprache Mameloschn“. Das Stück von Sasha Marianna Salzmann handelt von drei jüdische Frauen aus drei Generationen.

Wer bin ich? Diese Frage stellen sich drei jüdische Frauen aus drei Generationen, deren Biografien – gelinde gesagt – nicht linear verliefen. Nicht linear ist auch die Dramaturgie des ihnen gewidmeten Theaterstücks „Muttersprache Mameloschn“ von Sasha Marianna Salzmann – ein gezielt tautologischer Titel, denn „Mameloschn“ ist das jiddische Wort für Muttersprache.

 

„Wie eine Spirale“ kreise der Text um die drei Frauen und ihre Identitätssuche, sagt der Regisseur Alexander Vaassen, der das Stück an der Esslinger Landesbühne inszeniert. Kreis und Spirale haben „keinen Anfang und kein Ende, wie die Identität selbst“, so die Dramaturgin Melina Hüttner. Aber sie beschreiben eine Annäherung: an Großmutter Lin, die den Holocaust überlebte und als überzeugte Kommunistin nach dem Krieg in die DDR ging; an ihre Tochter Clara, die am Trauma der Shoah zu nah dran ist und gleichzeitig zu weit weg; an Rahel, Claras Tochter, die gleich dreifach nach ihrer Identität sucht: als Jüdin, Frau und Homosexuelle.

Der anwesende Abwesende

Religiös sind alle drei nicht – wohl aber Rahels Zwillingsbruder Davie, der in einem Kibbuz in Israel lebt und mit Schwester, Mutter und Großmutter gebrochen hat. Er ist der große Abwesende und doch stets Anwesende in den Köpfen und in der „Familie als ordnendes System“, wie Regisseur Vaassen sagt – ein System, das gegen die Außenwelt schützen will und doch Konflikte von außen reproduziert und verinnerlicht. Davie, die Leerstelle im System, ist trotzdem eine Art Konfliktpol, wenn Lin Jahrzehnte nach der Wende ihre kommunistische Überzeugung verteidigt, wenn Clara um ihre Tochter bangt, weil diese, wie ihr Sohn, weg will: von Berlin, wo das Stück spielt, ins „queere und zugleich jüdische New York“, sagt Melina Hüttner.

Die Leerstelle ist letztlich „das Jüdisch-Sein selbst“, sagt Vaassen, denn alle drei wissen nicht, was es ist. Davie hat es für sich mit Inhalt gefüllt auf einem Weg, den die Frauen nicht gehen können und wollen. Und doch erfahren sie in einer von Antisemitismus geprägten Geschichte und Gegenwart, was sie sind: jüdisch.

Aus eigener Erfahrung

Sasha Marianna Salzmann – ein(e) Autor(in), der und die sich in der geschlechtlichen Identität als nicht binär versteht – weiß aus der eigenen Lebensgeschichte, von weiß sie/er schreibt. Als jüdischer Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion 1995 nach Deutschland gekommen, hat Salzmann die Reibungen von Sprache, Herkunft und Selbstdefinition vielfach reflektiert, künstlerisch unter anderem als Leiter(in) der Studiobühne des Berliner Maxim Gorki Theaters von 2013 bis 2015 und als dessen Hausautor(in).

An „Muttersprache Mameloschn“ lobt Regisseur Vaassen die „meisterliche Komposition des Texts“ und die „hohe Bühnentauglichkeit“. Die „szenische Konfrontation der drei Figuren mit ihren inneren und äußeren Konflikten“ hole das Publikum „bei der eigenen Empathie ab“. Es sei ein „Schauspielerinnenabend“ mit Witz und pointierten Dialogen – trotz oder gerade wegen der schweren Thematik. Die „sehr heutigen“ Kostüme von Wynonna Nixel wollen zeigen, „wer sich selbst sucht, wer bleiben will, wie man ist, und wer wie ein unbeschriebenes Blatt ist“, erklärt die Kostümbildnerin. Sein eigenes Bühnenbild hält Vaassen bewusst karg: drei Türen ohne Wände, die dem Schauspiel die Szene überlassen. Aber man kann sie zuschlagen. Oder öffnen.

Die Premiere beginnt an diesem Freitag, 5. Dezember, um 20 Uhr im Podium 1 des Esslinger Schauspielhauses. Die nächsten Vorstellungen folgen am 9. und 26. Dezember, 10. und 21. Januar, 7. Februar, 20. März, 23. und 29. April sowie 22. Mai.