Joscha Schönhaus und David Richter in „Die Krise des jungen Törless“ Foto: /Björn Klein

Regisseur Matthias Köhler und Hochschulabsolventen zeigen in der Spielstätte Nord eine Adaption von Robert Musils „Die Krise des jungen Törless“.

Am Anfang: Stimmen von überall her, Telefongespräche, die die Schüler führen: „Also Papa! – „Mama . . .“ – „Ja!“ Was Kinder ihren Eltern so erzählen. Brav jedoch sind sie nur am Telefon. Im Internat erproben sie die Grausamkeit.

 

Am Donnerstagabend hat „Die Krise des jungen Törless“ Premiere in der Spielstätte Nord gefeiert, ein Stück nach Robert Musils Erstlingsroman. Sechs Absolventen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart spielen unter der Regie von Matthias Köhler: Janina Fautz, Annabel Hertweck, Anja Pichler, David Richter, Joscha Schönhaus, Furkan Yaprak. Törless ist einer von ihnen und immer wieder ein anderer: Die Rollen kreisen, ein jeder darf Täter, Opfer oder der Dritte sein, der das Spektakel der Erniedrigung mit ambivalenten Gefühlen betrachtet. Die Bühne: ein Raum, kreisrund und leer, ausgekleidet mit einer Tapete, deren vornehmes, konservatives Muster, etwas genauer besehen, durchsetzt ist mit erotischer Symbolik. Bühnen- und Kostümbildner Ran Chai Bar-zvi schuf dieses klaustrophobische Karussell, kleidete die Darsteller in Fechtmonturen, die auch an Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ denken lassen; später taucht eine Gesichtsmaske auf, die an eine Folterszene aus Terry Gilliams „Brazil“ erinnert. Matthias Köhler und Ran Chai Bar-zvi durchziehen ihre Adaption eines Stoffes, der vor mehr als 100 Jahren entstand, mit Verweisen auf die Popkultur; Songs wie „My Body Is a Cage“ oder „Teenage Dirtbag“ werden eingespielt, gesungen; hinterm blauen Paravent, wo Gewalt und Missbrauch stattfinden, filmen die Smartphones. Und auf den Displays wird das Kokain geschnupft.

Eine Orgie aus Sex und Gewalt

Basini, sozial schwächer gestellt als die Mitschüler, wurde von ihnen bei Stehlen erwischt. Nun drohen sie mit Verrat, muss er ihren Sadismus ertragen. Törless schreckt zurück, ist zugleich fasziniert und irritiert durch seine Gefühle für Basini. Köhler nutzt Musils Vorlage, um auf der Bühne Geschlechteridentitäten, toxische Männlichkeit infrage zu stellen – das führt mitunter zu etwas theorielastigen Momenten in der bildstarken Inszenierung. Die Darsteller spielen mit großer Energie, liefern erschreckende Charakterskizzen. Türen schlagen, geben den Blick frei auf eine Orgie aus Sex und Gewalt – schließlich ziehen sich die Spieler, Teilnehmer, Täter die Gummimasken der Erwachsenen über. „Es hilft nichts: Am Ende ist die Antwort auf Gewalt – Gewalt.“

Die Krise des jungen Törless: Spielstätte Nord, 25., 28. Feb., 1. bis 4. März, 20 Uhr