Gauthier Dance und Gauthier Juniors zeigen mit „Anthems“ einen Doppelabend des Hauschoreografen Barak Marshall im Theaterhaus.
„Aahh!“ Das Publikum im T1, dem größten Saal des Stuttgarter Theaterhauses, raunt glücklich. Gerade ist Eric Gauthier vor die Bühne spaziert. Der Gründer und Künstlerische Leiter von Gauthier Dance begrüßt das Publikum – und erzählt, wie viel die Company um die Welt getourt ist und weiter tourt, wie sehr sie sich freut, „kompakt“ zwei Premieren im T1 zeigen zu können, „Luck/Unluck“ im Juni und heute: „Anthems“ mit Stücken des US-amerikanisch-israelischen Hauschoreografen Barak Marshall, getanzt von Gauthier Dance sowie den Gauthier Juniors. Letztere seien, so der Tanzchef, finanziell gerettet – weil der Freundeskreis nun mehr Mitglieder habe.
Die acht Juniors eröffnen den Doppelabend Marshalls, dessen Stil Gauthier als „Essenz“ der Company bezeichnet. Im überarbeiteten „Barker“, uraufgeführt beim Colours International Dance Festival 2025, proben acht junge Bedienstete den Aufstand gegen ihre Herrin, die lediglich durch Geräusche und ein Standmikrofon präsente Mrs. Siegrun. Denn der Plot, inspiriert vom Varieté-Theater (mit „Barker“ ist der Ausrufer auf einem Jahrmarkt gemeint), handelt vom Ausbrechen aus Hierarchien, angelegt in den 1940er-, 1950er-Jahren, zu fein gemixten Klängen aus Jazz, Klezmer, Balkan-Pop und Sufi-Rhythmen. „Die Zeit, als die Aristokratie abstieg“, so Marshall. „Alle meine Stücke kreisen um Freiheit, der Wunsch danach lässt sich nicht unterdrücken.“
Aus der Dienerschaft formt sich eine eingeschworene Gemeinschaft
Also durchlaufen die Tanzenden eine Transformation von Unterwürfigkeit zur Rebellion. Schrecken sie zunächst im Lichtkegel auf, als die ungeduldige Siegrun-Klingel ertönt, und schubsen sich gegenseitig zum Mikrofon, nehmen sie am Ende kein Blatt mehr vor dem Mund. Statt „Es tut mir so leid, Frau Siegrun, das wird nie wieder vorkommen“, antworten sie wütend: „Nein, Mrs. Siegrun, ich spucke in Ihr Essen.“ Vorbei mit heimlichen Kleideranproben, Streits, gegenseitigen Anmachen, Schadenfreude, Eifersucht – unterbrochen von Klamauk, bei dem Zuschauer zu Ammen, Babys und feudelnden Putzhilfen werden: Aus der Dienerschaft formt sich eine eingeschworene Gemeinschaft. Marschierend schwingen sie rote Fahnen zur Internationalen, dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung.
Effekte, die mitreißen. Aber so richtig wirkt Marshalls raffinierte Renitenz und Ironie in der zweiten Choreografie „Harry“, die 2012 zum 40-Jahr-Jubiläum von Ballets Jazz Montréal entstand. Wie sich darin der Protagonist mit den Göttern anlegt, dem Schicksal trotzt in griechischer Tragödienmanier à la Woody Allen, das ist so köstlich wie tief. Beginnt doch das Leben für Harry immer wieder mit dem Tod –eigentlich sollte es „The 9 Lives of Harry Fleischmann“ heißen – mal lustig hingerichtet, mal im Kampf, mal scheinbar aus Versehen. Und mit lakonischen Kommentaren der Trauergemeinde: Wie konnte alles so weit kommen? War Harry zu naiv? Zu unkommunistisch? Braucht es mehr Pragmatismus im Drama des Daseins? Mehr Wissenschaft?
Der passende Deckel für den Topf
Der Unverdrossene probiert so manches, um den rechten Deckel für seinen Topf zu finden: Vor ihm stehen selbstbewussten Damen auf Gattensuche Schlange. Als schließlich ein Deckel passt, wünscht die Göttergattin sich einen Krieg, um das Paar zu triezen. Doch Harry trotzt jedem roten Luftballon, der sich als Waffe entpuppt, geht auf jede Barrikade – und Party.
Marshall treibt hier seine theatralische Tanzhandschrift auf die Spitze. Ob in kleinen Gruppen, skulpturalen Szenen, grandios, wie die Tanzenden – wieder zu ausgewählt stilübergreifendem Sound von Tommy Dorsey über Balkan Beat Box bis Franz Schubert – eine „Hymne an die Menschlichkeit“ vermitteln: Widersetze dich jenen, die dich einengen wollen, und folge deinem Herzen.
Anthems: Weitere Aufführungen im Theaterhaus an diesem Samstag, 9. Mai, 15 Uhr und 20 Uhr, sowie am Sonntag, 10. Mai, 14 Uhr und 19 Uhr. Infos unter www.theaterhaus.com.