Ramin Khoshbin hat seine Erlebnisse künstlerisch verarbeitet. Foto: Guido Hofenblitzer

Diesen Freitag feiert das neue Stück der freien Bühne Stuttgart „in einem boot“ im Stuttgarter Theater La Lune Premiere. Ramin Khoshbin hat darin seine eigene Biografie verarbeitet.

S-Ost - Genau 21 Tage lang war Ramin Khoshbin auf der Flucht. Ende 2015 verließ er den Iran, um in Deutschland ein besseres Leben anzufangen. Er bezahlte Schleppern etwa 1000 Euro, floh über die Balkanroute, versteckte sich nachts im Wald und teilte sich mit anderen ein Schlauchboot. „Auf dem Meer hatte ich Todesangst“, sagt der 30-Jährige. „Und die Schlepper wollten nur ihr Geld. Ob Du die Fahrt übers Meer überlebst oder stirbst, hat sie nicht interessiert.“

Die Zuschauer sollen zum Nachdenken angeregt werden

Ramin Khoshbin hat überlebt. Mittlerweile wohnt und arbeitet er in Stuttgart – und er hat sich hier einen Traum erfüllt: Theater machen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Ismene Schell von der freien Bühne Stuttgart und den Musikern Scott Roller und Mazen Mohsen bringt er diesen Freitag das Stück „in einem boot“ auf die Bühne des Theaters La Lune. Darin lassen Khoshbin und Mazen Mohsen, der aus Syrien stammt und ebenfalls ein Geflüchteter ist, das Publikum nicht nur an ihren Fluchterlebnissen teilhaben. Das Stück führt Schauspieler und Zuschauer auch ins reiche Deutschland, in einen Ballsaal und in Welten der Poesie. Mit persischen und deutschen Texten von Jalaluddin Rumi, Sohrab Sepehri, Walt Whitman und Ramin Khoshbin sowie östlichen und westlichen Musikkompositionen wollen die Schauspieler die Zuschauer zum Nachdenken anregen. „Während wir Europäer an unseren nationalen und persönlichen Identitäten und Traditionen festhalten, lernen die Menschen, die aus dem Nahen und Mittleren Osten zu uns kommen, sich von ihren bisherigen Bindungen zu befreien und sich neu zu erfinden“, sagt Ismene Schell. „Das wirft auch die Frage auf, ob wir Deutschen eigentlich wirklich frei sind.“ In ihrem neuen Stück gehe es um Themen wie Aufbruch, Sehnsucht, Verlust und die eigene Identität. „Und durch die poetischen Texte“, sagt Schell, „werden all diese Fragen im Stück auf eine existenzielle Ebene gebracht.“

Von Musik und Theater fasziniert

Der Abschied von seiner Familie und die Suche nach dem eigenen Ich sind auch Ramin Khoshbin nicht leichtgefallen. Mit nur einer Reisetasche und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen kam er 2015 hierher. „Es war schwierig zu gehen und meine Familie zu verlassen, aber gleichzeitig war es auch ein Befreiungsschlag“, sagt der 30-Jährige. „Als ich hier angekommen bin, habe ich plötzlich eine Kraft in mir gefühlt, als könnte ich die ganze Welt verändern.“ Diese Kraft machte sich Ramin Khoshbin zunutze – und wandte sich der Kunst zu. Von den 500 Euro, die er bei seiner Ankunft in Deutschland in der Tasche hatte, nahm er 300 Euro und kaufte sich seine erste Gitarre. Doch nicht nur die Musik, auch das Theater faszinierte den Iraner. „Ich hatte hier noch keine Freunde und die Sprache konnte ich auch nicht“, sagt er. „Deshalb dachte ich, Theaterspielen wäre nicht schlecht.“ Im interkulturellen Theaterensemble des Forums der Kulturen Stuttgart e.V. fand Khoshbin Anschluss und lernte sich im Deutschen auszudrücken. Früher, sagt er, sei er sehr schüchtern gewesen. Das Theater aber helfe ihm dabei, sich zu lösen und die Vergangenheit zu verarbeiten. Inzwischen arbeitet Khoshbin, der eigentlich Informatiker ist, fest bei der freien Bühne: . „Ich hätte nie gedacht, dass man von der Kunst auch leben kann, aber in Deutschland geht das.“

Gemeinsam mit Ismene Schell bringt Ramin Khoshbin schon das dritte Stück auf die Bühne. Diesen Freitag, 1. Februar, 20 Uhr, feiert „in einem boot“ unter der Regie von Kathrin Heuer Premiere im Theater La Lune, Haußmannstraße 212. Anschließend wird das Stück am 2., 8. und 9. Februar sowie am 1., 8. und 9. März jeweils um 20 Uhr gezeigt. Der Eintritt kostet 15, ermäßigt zwölf Euro und für Geflüchtete und Bonuscard-Inhaber einen Euro. Tickets können unter Telefon 0177/2 38 28 88 oder per E-Mail an theaterlalunestuttgart@gmail.com reserviert werden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: