Uwe-Bogen-Kolumne Die Hirschle und ihr Moserle

Von Uwe Bogen 

Schauspielerin Monika Hirschle in ihrem Solo-Programm „Gell, Sie sen’s?“ mit der Hans-Moser-Puppe. Foto: Klaus Schnaidt
Schauspielerin Monika Hirschle in ihrem Solo-Programm „Gell, Sie sen’s?“ mit der Hans-Moser-Puppe. Foto: Klaus Schnaidt

„Älter werd’ ich später“, sagt Monika Hirschle. Mit ungetrübter Frische hat der schwäbische Publikumsliebling im ausverkauften Theater der Altstadt Premiere des Soloprogramms „Gell, Sie sen’s?“ gefeiert. Das war Alltags- Comedy mit Tiefgang. Ja, sie kann’s!

Stuttgart - Den Abend über steht ein silberfarbener Koffer auf der Bühne und funkelt im Scheinwerferlicht. Erst am Ende des Programms erfährt das Publikum, was es mit diesem Requisit vor der längs gestreiften Kulisse auf sich hat – und ist umso erstaunter. Die Begeisterung ist groß.

Wer das erste Soloprogramm der schwäbischen Volksschauspielerin Monika Hirschle mit dem Titel „Älles so erlebt“ gesehen hat, schwärmt bis heute vor allem vom Finale. Da ist Moni, wie alle zu ihr sagen, so großartig in die Rolle der Wiener Filmlegende Hans Moser geschlüpft, dass, wer die Augen schloss, glauben konnte, der 1964 verstorbene Österreicher sei auferstanden. Ihre Fans hofften daher auf die Rückkehr Mosers im zweiten Hirschle-Solo „Gell, Sie sen’s?“. Doch wie würde sie ihn diesmal inszenieren?

Der Wiener raunzt, der Schwabe bruddelt

Am Ende also geht der silberfarbene Koffer auf – und ’s Moserle steigt raus. Herzergreifend beginnt ein Dialog der Schwäbin und ihrer Puppe. Die melancholischen Worte münden in das Lied „Sag beim Abschied leise Servus“, bei dem die Älteren im Publikum textsicher mitsingen und die Jüngeren ergriffen zuhören. Die Schneiderei vom Alten Schauspielhaus hat der beliebten Moni ’s Moserle gebastelt. Der große Nuschler, dessen Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof zu einer Pilgerstätte wurde, ist das beste Beispiel dafür, wie nah sich Österreicher und Schwaben sind.

Der Wiener raunzt, der Schwabe bruddelt. Der Wiener ist kauzig, der Schwabe knitz. Und beide sind ein bisschen lieb und ein bisschen bös. Denn zum Leben gehört eben alles.

Die Hirschle hat nicht nur beide Mundarten drauf – die schwäbische und die österreichische mit all ihren Eigenarten –, nein, in ihrer Kehle stecken so viele Stimmen, dass man meinen könnte, sie besitze noch mehr Puppen, nicht nur ’s Moserle. Und etliche dieser kleinen Puppen muss sie verschluckt haben, worauf die nun selber sprechen, jede mit einer ganz ­eigenen und ganz anderen Stimme.

Der Unterschied von „heben“ und „lupfen“

Die lustigen Szenen, die sie auf der Bühne schildert, sind exakt beobachtete Begegnungen etwa auf dem Markt, im Urlaub oder mit Handwerkern. Als „C- oder D-Promi“ in Stuttgart passiert es ihr immer wieder, dass sie unterwegs ganz genau gemustert wird, bis das Gegenüber sagt: „Gell, Sie sen’s?“

Wieder einmal zeigt sich: Der Alltag schreibt die besten Geschichten. Da bestellt die Moni einen Maler in ihre Wohnung, damit er sich die Risse an der Decke anschaut. „Wann kommt Ihr Mann?“, fragt der. Doch Moni hat keinen. Damit ist für den Handwerker klar: „Des wird ganz teuer!“ An der Stadtbahnhaltestelle sagt ein Mädchen zu ihr: „I han au a Oma!“

Wie Schwaben und Preußen miteinander kommunizieren, ist großes Kino. „Heben Sie mal“, sagt der Schwabe, worauf der Preuße anhebt, was man ihm in die Hand gegeben hat. Darauf sagt der Schwabe erbost: „Hebe sollet Sie – net lupfa.“ Mit „heben“ meinen Schwaben „etwas halten“, für die übliche Bedeutung „etwas hochheben“ verwenden sie das Wort „lupfen“ oder halt „lupfa“.

Hirschles neues Soloprogramm (es wird auch noch an diversen Abenden im April, Mai, Juni und Juli gespielt) ist für Auswärtige ein unterhaltsamer Kurs der schwäbischen Sprache. Und für Schwaben ist „Gell, Sie sen’s?“ Wiedererkennung pur. Wer nicht in der Premiere war, kann mit seinen Lieben also was klarmachen: „Gell, des schauet mir uns no a!“

Lesen Sie jetzt