„Chaos“-Darsteller (von li.): Philipp Nicklaus als Mista, Olivia Johnson als Sista, Ida Ränzlöv als Perla, Lea Sophie Salfeld als Angel. Foto: Matthias Baus

Das Musiktheaterstück „Chaos“ mit Komponistin Clara Pazzini hat in der Junge Oper im Nord Premiere gefeiert.

Ach, wäre das Leben doch ein Song! Dann, so singt Angel am Ende von „Chaos“, wäre alles einfacher. An schlechten Tagen sänge man in Moll, an guten in Dur. Ansonsten tanzten die Menschen in den Straßen. Leider ist die Welt nicht so. Dass Umweltzerstörung und kapitalistische Auswüchse die junge Generation besonders belasten, die ja mit dem Finden der eigenen Identität schon genug zu tun hat, liegt auf der Hand. Und so hat die Staatsoper bei der Komponistin Clara Pazzini ein Musiktheaterstück in Auftrag gegeben, das nun im Join im Nord Premiere hatte.

 

„Eine Pop-Oper – oder ein Musical?, hyper und hybrid, based on a true fake story“ ist „Chaos“ übertitelt, wobei das true durchgestrichen ist. Und das trifft es schon ganz gut, denn in herkömmlichen Kategorien lässt sich das, was hier zu sehen ist, nicht fassen. Es gibt fünf Protagonisten: die Geschwister Mista (Philipp Nicklaus) und Perla (Ida Ränzlöv), die ebenso schwer unter der Weltlage leiden wie Sista (Olivia Johnson) und Angel (Lea Sophie Salfeld). Dazu kommt Devil (Elliott Carlton Hines), ein schwuler Angeber im Paillettenanzug. Dessen Hüftwackeln findet Mista besonders anziehend, bemerkt aber nach einer kurzen Affäre, dass Devil nicht nur ein beziehungsunfähiger Narzisst ist, sondern – nomen es omen – auch für das Böse schlechthin steht. In diesem Fall sind das die üblichen Verdächtigen Kapitalismus und Patriarchat, die für kollektive Entfremdung, Klimawandel und Sexismus verantwortlich sind.

Devil findet wieder rechtzeitig in die Spur

Aber zum Glück – wie und warum, bleibt offen – findet Devil rechtzeitig wieder in die Spur. Er sieht ein, dass er sein Leben ändern und statt auf Macht und Profit auf ehrliche Gefühle setzen muss. Denn das Motto des Abends lautet: „For Love is a Radical Power“. Die Liebe ist eine radikale Macht.

Am Ende wird also, wenn wir uns nur besinnen, alles gut. Das klingt, als Moral aus der Geschicht, etwas simpel – und das ist es auch, denn dramaturgisch passiert nicht wirklich mehr in den 90 Minuten. Die Handlung spielt auf einer Art Laufsteg, der durch eine mit Glühbirnen umrahmte, herzförmige Öffnung mit der Hinterbühne verbunden ist. Eingerahmt wird die Bühne von fünf im Programmheft leider nicht namentlich erwähnten Streichern des Staatsorchesters auf der linken und einem viel beschäftigten Schlagzeuger auf der rechten Seite, die vom Staatsoper-Studienleiter Alan Hamilton am Keyboard geleitet werden.

Immer ist was los, langweilig wird es nicht

Was die Ästhetik betrifft, so betonen die in Rot gehaltene Bühne und die Kostüme eine Affinität zu Cabaret und Varieté - das hat man alles irgendwie schon so ähnlich gesehen, und auch musikalisch bewegt sich das Stück überwiegend in gut ausgetretenen Musicalpfaden. Ein ziemlich konventioneller Song reiht sich so, unterbrochen durch kurze Dialoge, an den nächsten.

Erst gegen Ende zeigt Clara Pazzini, dass sie mehr drauf hat, wenn sie ein zunächst klassisch anmutendes A-cappella-Sängerquartett harmonisch in neue Bahnen driften lässt und dabei das Publikum klug mit einbezieht. Und sogar eine humoristische Wendung erfährt das bis dahin komplett ironiefreie Stück, wenn Devil in seiner Zerknirschungsarie plötzlich von Englisch auf Italienisch umschwenkt und dabei verdi’sches Opernpathos anklingen lässt: „Devo morire!“

Er darf aber weiterleben. Und zum Glück wird die inhaltliche Schlichtheit etwas aufgefangen von einer auf Drive und Tempo angelegten Regie: immer ist was los, langweilig wird es nicht. Und da ist ja noch die sängerische Qualität. Philipp Nicklaus ist ebenso ein gestandener Tenor mit stimmlichem Schmelz wie Elliott Carlton Hines, der in der Rolle des Devil als profunder Bariton überzeugt. Die tollen Mezzosopranistinnen Ida Ränzlöv und Olivia Johnson werden nur noch getoppt von Lea Sophie Salfeld: ihr liegt, als ausgebildeter Jazzsängerin, dieses Genre am besten.