Money, Money, Money: Alexej (der Tenor Daniel Brenna)  kann sein Glück kaum fassen. Foto:  

Der Regisseur Axel Ranisch legt an der Staatsoper Stuttgart den grotesken Humor hinter Sergej Prokofjews Oper „Der Spieler“ frei, und der Dirigent Nicholas Carter poliert die motorische Energie der Musik auf Hochglanz. Nur sängerisch ist nicht alles Gold.

Da ist er wieder, der Gute-Laune-Regisseur! In Stuttgart hat Axel Ranisch 2018 mit seiner Inszenierung von Sergej Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ einen Repertoire-Hit geschaffen, vier Jahre später mit „Hänsel und Gretel“ ein zweites Opern-Märchen zeitgemäß aufbereitet. Am Sonntag steht der Mann mit den markanten roten Hosenträgern um den Genießerbauch ein drittes Mal lachend an der Rampe der Staatsoper und lässt sich für seine zweite Auseinandersetzung mit Prokofjew bejubeln. Der Dirigent Nicholas Carter ist feuchtgeschwitzt, das Produktionsteam glücklich, die Sängerinnen und Sänger ebenfalls, das Publikum klatscht so ausgiebig wie schon lange nicht mehr. Und das bei einem Stück, das weder Märchen ist noch Wohlfühltheater. Im Gegenteil. „Der Spieler“ ist eine dunkle Oper über getriebene Menschen, das wie viele Werke aus den 1910er und 1920er Jahren passgenau Zustände und Gefühle auch unserer Tage transportiert.

 

Tatsächlich ist dieser Abend genau dort gelungen, wo Axel Ranisch die Gegensätze zusammendenkt: das Absurde mit dem Realen, den Witz mit dem Schmerz, das Aufgedreht-Motorische mit Leiden und Einsamkeit, die Groteske mit der Traurigkeit. Der große Schatten von Ranischs aufgekratzter Munterkeit zeigt sich schon vor der Vorstellung. Auf dem Vorhang sieht man: einen Kreisel, ein Roulettespiel, ein Ufo. Alles irgendwie ähnlich, und zwischen den Bildern stehen Worte. „Geliebte Polina“, und: „Falls du am Ende deiner Kämpfe jemanden brauchst, der deine Wunden versorgt, werde ich für dich da sein und wortlos meine Arme öffnen.“ Das ist ein Brief. Den gibt es weder in der Oper noch in dem gleichnamigen Roman Fjodor Dostojewskis, der Prokofjew als Vorlage diente. Der Regisseur hat ihn sich ausgedacht und zimmert sich aus der Nebenfigur des Mr. Astley den passenden Gutmenschen dazu: Im knallgoldgelben Anzug wird der Bariton Shigeo Ishino das Geschehen bis zum Ende begleiten; er ist die Macht, die stets das Gute will und das wahrscheinlich doch nicht schafft.

Die Kostümbildnerinnen haben sich ausgetobt

Oder doch? Bei Axel Ranisch bleibt immer ein goldener Hoffnungsschimmer. Zunächst aber gibt’s grelle Überzeichnung. Die Bühne von Saskia Wunsch gibt den Blick frei auf eine zwischen Las Vegas und dem roten Planeten angesiedelte Wüstenlandschaft; in der Mitte die Hälfte eines Kreises, Roulettespiels oder Ufos. Auftritt: zwei Alien-artige Wesen mit Tüchern um den Kopf (im Programmheft ist die Rede von Bärtierchen), dann das skurrile Personal. Die Kostümbildnerinnen Claudia Irro und Bettina Werner haben sich hier richtig ausgetobt, und man könnte fast meinen, die (außer bei Alexej und Polina) meist oberhalb der Seidenstrümpfe endenden spärlichen Bekleidungsakzente dienten auch dem Ziel, den Begriff der Halbwelt ironisch neu zu definieren. Der General trägt ein militärisch gekennzeichnetes Jöppchen. Der Marquis: lila Rüschchen-Top. Und Blanche: ein fußtiefes Gehänge aus blauen Schleifchen (um mit James Bond zu sprechen: ein hübsches Etwas, das sie beinahe anhat). Stine Marie Fischer spielt ihre Partie grandios, ebenso wie Elmar Gilbertsson den nervös-tuntigen Franzosen und Goran Jurić den mental zunehmend schwächelnden General. Gesanglich sind die drei ebenfalls richtig gut.

Toll außerdem Véronique Gens als Babulenka im orangefarbenen Pelz-Flitter. Dass Gens deutlich jünger wirkt als Polina, müsste einen an diesem sehr Vieles durcheinander wirbelnden Abend nicht irritieren. Tut es dann aber doch, denn als Polina wirkt Aušrinė Stundytė zwar darstellerisch agil, stimmlich aber ziemlich ausgesungen. Manches klingt zu tief, anderes, zumal in der Höhe, zu scharf. Eine junge, suchende Frau erlebt man hier nicht, und auch für die hochvirtuose Partie des nahezu dauergeforderten Alexej hätte man sich einen lyrischeren, beweglicheren Tenor gewünscht als den von Daniel Brenna.

Feine Klang-Oasen

Der spielt und singt sich immerhin im Laufe des Abends zunehmend frei, muss aber erst das atemlose Dauer-Parlando der ersten beiden Akte hinter sich bringen, in denen er hölzern wirkt – sicher auch, weil ihnen Axel Ranisch keine Tiefe abgewinnt. Womöglich ist das bei diesem Stück auch gar nicht möglich, denn Prokofjew, der Dostojewskis Titelhelden seiner zahlreichen Monologe beraubt hat, lässt die Figuren hier erst einmal ungebremst aufeinanderprallen, während es im Orchester mächtig rattert und rotiert. Nicholas Carter formt diese Maschinenmusik am Pult des sehr wachen, teils hochvirtuos agierenden Staatsorchesters sehr pointiert, manchmal vielleicht nur eine Spur zu grell und zu laut.

Dann aber kommen der dritte und der vierte Akt, und da passiert’s: Die Musik hält, teils kurz, teils länger, den Atem an, die Fassade reißt, plötzlich sehen und fühlen wir die Gefühle dahinter und die Tränen dazu. Die reiche Babulenka nimmt zu zarten Streicherklängen Abschied, Axel Ranisch führt eine zutiefst verletzte Polina herein, die Alexej einfach nur in den Arm nehmen müsste. Tut er aber nicht, weil er’s nicht kann. Selbst in der hier fast rauschhaft wirkenden großen Rouletteszene des vierten Aktes (toll und sehr musikalisch inszeniert!) gibt es einen Moment des Innehaltens: als einige Männer erzählen, wie das Glück auch sie verlassen hat. Nicholas Carter schafft dabei feine Klang-Oasen. Und nachdem der zwischen Geld und Liebe zerrissene Titelheld erst die Banknoten geküsst hat statt Polina und dann paralysiert auf den Boden gesunken ist, hält am Ende Mr. Astley Polinas violettes Tuch in der Hand. Zu den letzten vier Akkorden des Orchesters sieht man nur ihn und die junge Frau. Dann geht das Licht aus.